Die ÖBB bauen die Entwerter im Wiener Umland seit Jahresbeginn sukzessive ab. - © Szalapek Moritz-Béla
Die ÖBB bauen die Entwerter im Wiener Umland seit Jahresbeginn sukzessive ab. - © Szalapek Moritz-Béla

Wien. "I hob den Foaschein ned zwickn kennan, i hob kan Entwerter g’funden." Ein Satz, der früher bei der Fahrscheinkontrolle ins Reich der faulen Ausreden eingeordnet wurde, beschreibt seit Jahresbeginn eine Situation, in die man bei der Fahrt in die Donaumetropole durchaus kommen kann. Denn die Ticketentwerter im Wiener Umland werden nun abgebaut. Beim Verkehrsverbund Ostregion (VOR) betont man aber, dass diese Maßnahme nicht direkt forciert wurde. Seit dem Fall der Kernzone 100 im Zuge der Tarifreform im vergangenen Juni hätten die Automaten im neuen Modell nur mehr "wenig Sinn" ergeben und seien nicht mehr zeitgemäß, heißt es auf Anfrage. "Viele Entwerter sind auch schon am Ende ihrer Lebensdauer angekommen und auch sehr wartungsintensiv", erklärt Georg Huemer vom VOR.

Aussteigen oder schwarzfahren


Der Wegfall der Entwerter stellt laut Walter Kühner, Gründungsmitglied des Verkehrsclubs Österreich, aber ein Problem für bestimmte Fahrgäste dar. "Vor allem Senioren, die mit dem Wiener Seniorenticket unterwegs sind und VOR-Tages- oder Einzelfahrkarten für den Außenbereich verwenden, werden benachteiligt", betont der nunmehrige Fahrgastaktivist. Der Zwei-Fahrten-Fahrschein kann nur bei Fahrtantritt entwertet werden. Will ein Wiener Senior aber von seinem Besuch bei den Verwandten in Niederösterreich oder seinem Ausflug an den Neusiedlersee wieder in die Stadt zurück, hat er nicht die Möglichkeit, sein Seniorenticket rechtzeitig zu entwerten. Pensionisten, die aus der Region nach Wien fahren, stehen vor dem gleichen Problem.

Nur, wer die Regionalbusse benutzt oder mit der Badner Bahn fährt, wo es noch Entwerter gibt, kann das Seniorenticket verwenden, erklärt Kühner. "Man kann den Seniorenfahrschein in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln nur nutzen, wenn man bei der ehemaligen Kernzonengrenze aussteigt und ihn entwertet - sofern der Zug dort überhaupt hält", merkt er an. Neben der Alternative, im Zug auf den Schaffner zu warten und möglicherweise als Schwarzfahrer gestraft zu werden, können Senioren auch den Vollpreis für Wien zahlen, wobei sie aber um ihre Vergünstigung umfallen. Der Seniorenbund zeigte sich in einer Aussendung darüber jüngst verärgert und spricht von einem "Schildbürgerstreich".

Beim VOR gibt man zu bedenken, dass das von Kühner angesprochene Problem nur einen kleinen Teil aller Fahrgäste betreffe. "Wir wollen das aber nicht herunterspielen. Es ist uns bewusst, dass es auch Fahrgäste gibt, die lieber weiterhin mit den Fahrscheinen fahren wollen", sagt Huemer. Er unterstreicht jedoch, dass das neue Tarifsystem insgesamt fairer und übersichtlicher als die alte Zonenregelung sei. "Außerdem haben wir es erstmals durchgesetzt, dass Senioren und Menschen mit Behinderung in drei Bundesländern durchgängige Ermäßigungen haben", so Huemer. Die durchgängige Seniorenermäßigung gelte für die Besitzer einer ÖBB Vorteilscard Senior, die seitens des VOR auch empfohlen werde, um für Regionalfahrten nicht auf den Seniorenfahrschein angewiesen zu sein.

Laut Kühner ist die Vorteilscard Senior aber nicht der Schlüssel zur Lösung. Denn auch ihre Besitzer sind betroffen, wenn sie nur eine Tageskarte für den Außenbereich nutzen möchten, erklärt er. Diese sei zwar ermäßigt, trotzdem können Pensionisten mangels Entwerter nicht das Wiener Seniorenticket bei der Rückfahrt verwenden, sondern müssen entweder aussteigen oder extra ein teureres Tagesticket für die Region und Wien kaufen.

Simple Lösung möglich


Damit Senioren ohne Vorteilscard mit ihrem Ticket auch wieder aus dem Umland nach Wien reisen können, nennt Kühner einen seiner Ansicht nach einfachen Weg: "Es würde genügen, dass das Wiener Seniorenticket als Einzelfahrschein bei den ÖBB-Automaten angeboten wird."

Seitens der Wiener Linien wurde Kühner im Dezember mitgeteilt, dass der "geringe Nutzen" in diesem Fall nicht den Aufwand rechtfertige, da nur eine kleine Zielgruppe betroffen sei. Das überzeugt Kühner aber nicht. "Die Wiener Linien müssten bei ihren Aushängen nichts ändern, da hier ohnehin die Tarifbestimmungen des VOR gelten", ist er überzeugt. Auch der Seniorenbund würde ermäßigte Einzelfahrscheine bei ÖBB-Automaten begrüßen, heißt es dort.

Huemer gibt jedoch zu bedenken, dass derartige Änderungen nur in Absprache mit allen tarifbestimmenden Partnern geschehen können, also auch der ÖBB, den Wiener Linien, sowie der Stadt und dem Land Niederösterreich. Er versichert, dass man die Problematik ernst nehme und dass deswegen aktuell verhandelt werde. "Wir nehmen diesen Vorschlag in die Gespräche mit", kommentiert er Kühners Vorstoß. Außerdem werde gerade gemeinsam mit der ÖBB überprüft, an welchen Stationen Entwerter zumindest als Übergangslösung stehenbleiben könnten.

Seitens der Wiener Linien seien derzeit keine Anpassungen geplant, heißt es dort. "Wir beobachten das aber und wenn Bedarf besteht, überlegen wir Anpassungen", so ein Sprecher. "Wie man es auch dreht und wendet, die Verfügbarkeit des Seniorenfahrscheins für Wien als Einzelfahrschein zum sofortigen Fahrtantritt ist einfach notwendig", bleibt Kühner überzeugt. "Die Nicht-Verfügbarkeit ist ein gravierender Systemmangel des VOR-Tarifs."