Wien. Sie schwirren von links und rechts an. Schnell hat sich eine Traube gebildet. Was sich wie eine Ansammlung hungriger Bienen anhört, passiert mitten in der Stadt. Mitten in Margareten, Neubau oder Liesing. Menschen stöbern und wühlen nach dem spannendsten Stück. Nur eine Handbreite scheint man von einem Glücksgriff entfernt. Ein längst für tot erklärtes Medium erfreut sich hier eines kleinen Comebacks: das Buch. Kein Flohmarkt, kein verlorenes Bücherkisterl am Fensterbrett. Schauplatz der Nostalgie sind offene Bücherschränke auf dem Gehsteig. In Wien gibt es mittlerweile zehn davon. Und weitere sind geplant.

Der erste eröffnete Anfang 2010 an der Ecke Westbahnstraße/Zieglergasse im 7. Bezirk. Seitdem hat er sich zu einer fixen Grätzl-Größe entwickelt. Denn Gesetze kennt der Schrank keine, nur jenes: Wer Bücher zu geben hat, gibt sie her. Wen etwas interessiert, nimmt sie heraus. Zeitversetzter Tauschhandel sozusagen. Alternativer Mistkübel würden Zyniker sagen.

"Wenn der Schrank leer ist, wird er schnell wieder aufgefüllt. Er läuft so gut, weil man alte Bücher findet, die es in keiner Buchhandlung mehr gibt", sagt ein Mittsechziger mit schwarzer Haube und großer Brille bei der Zieglergasse. Mit seinen Aussagen liegt er nicht falsch. Rund 250 Bücher warten darauf, in eine Wohnzimmerbibliothek eingeordnet zu werden. Der Inhalt liest sich meist wie ein "Who are You" der Literaturgeschichte: "Der werfe den ersten Stein" von Taylor Caldwell oder Nancy Zaroulis’ "Der letzte Tanz" zählen nun mal nicht zu den bekanntesten Romanen. Kaliber wie J.R.R. Tolkiens "Der Hobbit" sind Mangelware.

Der öffentliche Raum als Tauschplatz, entgegen kommerzieller Interessen - in Wien kein neuer Ansatz. Im Rahmen von Nachbarschaftshilfe und öffentlichen Kühlschränken werden Güter aller Art getauscht. Das ist auch dem Initiator und Betreiber des Bücherschrankes in Neubau, Frank Gassner, bewusst. "Wenn es etwas anderes als Bücher gegeben hätte, hätte ich es auch damit gemacht. Ich stelle mich nicht hin und sage: Die Leute müssen mehr lesen", sagt der Künstler, von 1998 bis 2007 persönlicher Assistent von Hermann Nitsch. Trotzdem will er auf eine zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes aufmerksam machen. Als Beispiel führt er die Schanigärten in der Innenstadt an. Diese dürfen nun unter bestimmten Voraussetzungen auch im Winter öffnen: "Das ist eine Anmietung von öffentlichem Raum, wo der Restaurantbesitzer massive Gewinne macht. Wenn man sich anschaut, wie viel dafür gezahlt wird, ist das ein Witz", ärgert sich Gassner. Die Preise in der Zone 1 (etwa Kärntner Straße, Stephansplatz) wurden von monatlich 7,50 auf 20 Euro pro Quadratmeter angehoben. Die Größe der Schanigärten beträgt laut dem Magistratischen Bezirksamt für den 1. Bezirk zwischen 2,3 und 144 Quadratmeter. Gassner selbst zahlt für die jährliche Grundbenutzung 40 Euro an die MA28. Sie verwaltet als Grundeigentümerin die öffentlichen Verkehrsflächen.

Gassner ist ein Querdenker, der seine Vorstellungen mit Nachdruck artikuliert. So stehen auch die Bücherschränke für einen alternativen Weg. Einen, der nicht gewinnorientierte Interessen im Bezirk abbildet. Denn: "Das ist Raum, der uns allen gehört", sagt der Absolvent der Akademie der bildenden Künste. Neben jenem in Neubau betreibt der Wiener einen Bücherschrank im Alsergrund und einen in Ottakring. "Die Reaktionen sind positiv. Die digitale Revolution findet nicht statt", resümiert Gassner.

Bücherschränke
versus Flohmarkt


Quert man die Burggasse über die Josefstädter Straße in Richtung Alser Straße, trifft man vor allem auf Pensionisten. Neugierige, die vom Einkaufen kommen, nicht selten echte Sammler. Geschichten von mehr als 3000 Büchern zu Hause wirken im ersten Moment unglaubwürdig. Beobachtet man aber die Akribie, die sie bei ihrer Suche an den Tag legen, verfliegt das rasch. Wer sein Sammlerherz jedoch zu sehr auslebt, kann Probleme verursachen. "Die Bücherschränke werden manchmal ausgeräumt. Das sind Sammler, verrückt nach Büchern", erzählt Rosa, Anfang 60, beim Bücherschrank in der Zieglergasse. So würden die Bücher auf Flohmärkten oder in Antiquariaten verkauft. "Es sind schon Fäuste geflogen, wenn man fragt, was sie da machen", sagt die Frau.

Ein Vorwurf, der sich andernorts erhärtet: "Es gibt oft nur Schmarrn, weil viele Professionelle die Bücher verkaufen", sagt Rudolf. Er steht am Josef-Matthias-Hauer-Platz in der Josefstadt und fischt sich ein "Spiegel"-Magazin aus dem Bücherschrank. Im Gegensatz zu jenem in Neubau ist er mit rund 50 Büchern schlecht gefüllt und in Kategorien unterteilt: etwa Krimis, Kinderliteratur, Belletristik. Errichtet wurde er 2013 von der Bezirksvertretung, Kosten: 7000 Euro. Rudolf erzählt von einem älteren Herren, der regelmäßig mit einem Einkaufswagen kommt, Bücher einsammelt, diese zu Hause abstempelt und wieder in den Schrank gibt. Um so den Verkauf etwas einzudämmen. Derartige Eigenheiten passen gut in das Grätzl-Bild.