Wien. Unter der Stadt an der Donau schlummern weder Gold noch Diamanten. Aber dafür möglicherweise etwas für eine wachsende Großstadt viel Wertvolleres: Energie. Im Osten der Stadt werden tief liegende Heißwasservorkommen vermutet. Denn die Hitze des etwa 5000 Grad heißen Erdkerns strahlt bis unter die Oberfläche. So stark, dass bereits drei Kilometer unter der Erde vorhandene Wasserreservoirs kochen. Das ist vor allem für die Fernwärme interessant. Daher hat Wien Energie gemeinsam mit verschiedenen Institutionen wie der Geologischen Bundesanstalt, der Universitäten Wien und Salzburg und der Zentralanstalt für Metorologie und Geodynamik auf der hohen Warte die Plattform "GeoTief Wien" ins Leben gerufen. Dieses Energieforschungsprojekt soll herausfinden, welches Heizpotenzial unter dem östlichen Wien steckt.

Messen ohne Bohren


Dafür wurden im Februar und März im 22. Bezirk im Umfeld der Seestadt Aspern auf zwei Routen seismische 2D-Messungen bis Wittau und Raasdorf durchgeführt. "Wir haben uns hier München als Vorbild genommen, wo 2015 erfolgreich seismische Messungen im Stadtgebiet erfolgt sind", erklärt Wien Energie-Sprecher Boris Kaspar.

Entlang der Strecke werden empfindliche Mikrofone, sogenannte Geomikrofone, ausgelegt, die via Kabel mit einer mobilen Registriereinheit verbunden sind. Dann fährt ein Wanderkonvoi aus sogenannten Impulsfahrzeugen die Strecke entlang. Alle zehn bis zwanzig Meter bleibt er stehen und erzeugt kurze Bodenvibrationen, indem mit einer hydraulischen Platte auf den Boden gestampft wird. Diese sind mit dem Vorbeifahren einer Straßenbahn vergleichbar. Die Impulse werden von den verschiedenen Erdschichten unterschiedlich reflektiert und von den Geomikrofonen eingefangen. So lässt sich ein zweidimensionales Bild des Untergrunds zeichnen.

Das Verfahren stammt aus dem Bergbau und kommt ohne Probebohrungen im Stadtgebiet aus, da mit Schall gearbeitet wird. Statt Löchern bleiben höchstens Fahrspuren des Konvois zurück. Auf den insgesamt 26 Kilometer langen Strecken wurden 2600 Geomikrofone ausgelegt, die Datenvolumen von mehr als 1,2 Terabyte gesammelt haben. Das entspricht 240 HD-Spielfilmen oder 300.000 Liedern auf mp3. Nach der Datenauswertung werden dreidimensionale Messungen im Winter durchgeführt. "Aus all diesen Daten entsteht dann eine Art Schatzkarte, die die Gesteinsstruktur unter der Stadt und Heißwasservorkommen anzeigt", sagt Kaspar.