Georgy Halpern erlebte seinen zehnten Geburtstag nicht mehr: Er wurde im KZ Auschwitz vergast. - © Maison d’Izieu
Georgy Halpern erlebte seinen zehnten Geburtstag nicht mehr: Er wurde im KZ Auschwitz vergast. - © Maison d’Izieu

Wien. "Mir geht es gut. Ich habe viel Spaß mit meinen Freunden in der Kolonie. Ich kenne viele Lieder und viele Gedichte. Ich bin wohlauf. Ich esse gut, ich schlafe gut. Es ist schön hier. Es gibt einen Jungen, der einen Fußball hat. Da er ein sehr netter Junge ist und uns den Ball borgt, haben wir sehr viel Spaß mit dem Ball." Dieser Brief ihres damals achtjährigen Sohnes Georgy vom 24. März 1944 war das Letzte, was seine Eltern von ihm hörten. Bis in die 1980er Jahre schalteten Julius und Sérafine Halpern, die beiden den Holocaust überlebt hatten, weltweit Suchanzeigen in Zeitungen. "Sie wollten es einfach nicht wahrhaben, dass sie ihn nie wiedersehen würden", sagt Milli Segal heute.

Sieben der 44 jüdischen Kinder kamen aus Wien

Segal konzipierte vor sieben Jahren eine Ausstellung über "Die Kinder von Izieu", die von vielen Schulklassen österreichweit besucht wurde. Sie erzählte die Geschichte jener 44 jüdischen Kinder, darunter sieben aus Österreich, die während der NS-Zeit im französischen Ort Izieu eine vermeintlich sichere Zuflucht gefunden hatten.

Am 6. April 1944 veranlasste Klaus Barbie, "der Schlächter von Lyon", die Deportation der Kinder - keines überlebte. Die meisten wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert und noch am Tag der Ankunft in die Gaskammer geschickt.

Eines dieser Kinder war der Georg Halpern (1935 bis 1944). Seine Eltern waren mit ihm aus Wien nach Frankreich geflüchtet, 1943 wurde die Familie getrennt, Georgy kam in die Obhut des O.S.E. (Oeuvre de Secours aux Enfants - Verein für den Schutz der Kinder), lebte zunächst in einem Kinderheim in Chaumont und in zwei weiteren Häusern, bis er schließlich nach Izieu gebracht wurde.

Für ihn und die anderen sechs Kinder aus Wien wurde am späten Montagnachmittag ein Gedenkstein am Schwedenplatz enthüllt. Nach Wien angereist war auch das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld. Sie waren es, die Barbie in seinem Exil in Bolivien aufspürten. Ihre Recherchen und Gerechtigkeitskampagnen führten schließlich dazu, dass er Anfang der 1980er Jahre vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Nun konnten auch die Halperns, die nach Haifa ausgewandert waren, ihre Augen vor der Realität nicht mehr verschließen. Beide starben 1989. Den Verlust ihres Georgy haben sie nie verwunden. Beate Klarsfeld trug bei der Enthüllung des von Alex Kubik gestalteten Erinnerungssteins aus einem Brief Sérafine Halperns vor, den ihr diese 1986 geschrieben hatte: "Wir versuchen ein normales Leben zu führen; wir gehen aus und treffen andere Leute. Doch wo auch immer wir uns befinden, wird uns ständig dieselbe Frage gestellt: ‚Haben Sie Kinder?‘ Wir antworteten mit ‚Nein‘, doch der ganze Abend ist danach ruiniert, da die Trauer wiederauftaucht. So ist das Leben. Niemand ahnt jedoch etwas, da ich mir nichts anmerken lassen."

"In Erinnerung an Georgy Halpern"

Der Brief ist auch in dem ebenfalls am Montag präsentierten Buch "In Erinnerung an Georgy Halpern - Briefe von Maison d’Izieu" nachzulesen. Die Klarfelds hatten 1997 den Nachlass der Halperns gefunden und darin die Briefe des Sohnes, beigelegte Zeichnungen sowie viele Fotos - auf allen von ihnen wirkte der stets fröhliche Sohn wie ein glückliches Kind auf einem Ferienlager - entdeckt und als Buch herausgegeben. Segal initiierte nun eine deutschsprachige Übersetzung.

Sich diese Fotos anzusehen und zu wissen, dass dieser lachende Bub in die Gaskammer geschickt wurde, macht das Unbegreifliche nicht begreiflicher. Aber es schafft einen menschlichen Zugang. Georgy war eines von nahezu 1,5 Millionen Kindern, die von den Nazis ermordet wurden. Es brauche Bilder wie jene von Georgy und den anderen Kindern von Izieu, um sich zu erinnern. Und Erinnerung sei nötig, um aus den Fakten, die wir aus der Vergangenheit kennen, tatsächlich für die Zukunft zu lernen, meinte der Wiener ÖVP-Stadtrat Gernot Blümel.

SPÖ-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betonte, nicht nur die Erinnerung sei wichtig, sondern auch das, was man mit dieser Erinnerung tue. Sein Appell: "Wir dürfen nicht müde werden, uns zu erinnern. Wir dürfen nicht müde werden, zu sprechen." Nationalismus, Rassismus, Ausgrenzung, Antisemitismus nähmen in der heutigen Welt wieder zu. Man müsse fragen: Was habe damals zum Nationalsozialismus geführt? "Genau dieselben Mechanismen wie jetzt", so Mailath-Pokornys Schluss. Das sei vielen bewusst und störe auch viele - doch diese dürften nun nicht länger "eine schweigende Mehrheit" bilden. Wenn diese schweigende Mehrheit "den Rollback, Nationalismus, Antisemitismus nicht haben will, dann müssen wir uns dazu äußern".

Segals Wunsch: Es mögen viele der Menschen, die an dem soeben enthüllten Gedenkstein am Schwedenplatz vorbeigehen, "lesen, wozu mörderische Regimes fähig sind". Denn: "Das hat sich bis heute leider nicht geändert." Die 44 Kinder von Izieu hätten, als Barbie den Befehl zur Deportation gab, keine Chance gehabt. "Was war ihr Makel? Sie waren jüdische Kinder", so Segal.

"Wir stehen der Schoa noch immer fassungslos gegenüber"

"Wir stehen der Schoa - diesem Zivilisationsbruch der Menschheitsgeschichte - noch immer fassungslos gegenüber", betonte bei der Gedenksteinenthüllung auch Martina Maschke, Obfrau der Erinnerungsplattform erinnern.at des Bildungsministeriums. Das Schicksal der ermordeten Kinder erschüttere besonders.

Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen sei vor allem diese Lehre zu ziehen: "Wir müssen unsere jungen Menschen ermächtigen, mutig gegen Indifferenz, Xenophobie, Antisemitismus, Rassismus und Ungerechtigkeit aufzutreten", so Maschke. Bei diesem Lernen würden eben genau Initiativen helfen, die eine Verschränkung von Geschichtswissenschaft und "human stories" fördern. Solche seien nun in dem Buch über Georgy Halpern und die anderen Kinder von Izieu nachzulesen.