Wien. Es ist schon erstaunlich, wie hoch die Wogen in einer Diskussion um einen 66 Meter hohen Wohnturm in einer Großstadt gehen können - und wie verzwickt die einzelnen Positionen sein können. Alle Parteien im Wiener Gemeinderat taten in einer von den Neos einberufenen Sondersitzung am Donnerstag ihre Meinung zum Projekt kund.

Da waren zum einen die Roten, die das Thema Weltkulturerbe nicht streng auslegen wollten. Gemeinderat Omar Al-Rawi formulierte es so: "Wer war wirklich schon oben am Balkon vom Belvedere und hat dort runterg’schaut." Diesen Blick als Maßstab zu nehmen sei nicht sinnvoll. Gemeint ist damit der berühmte Canaletto-Blick, eine Perspektive der Wiener Innenstadt. Außerdem, so Al-Rawi weiter, sei schlank und hoch schöner, als wenn immer jemand von oben draufhaut."

Auch der grüne Planungssprecher Christoph Chorherr sieht weder den Canaletto-Blick noch die von der Unesco empfohlenen maximalen 43 Meter Höhe als Maßstab. "Nirgendwo steht geschrieben, dass alles was unter 43 Meter Höhe ist, super ist, und alles, was drüber ist, pfui", sagte er. Für ihn ist das Projekt ganz klar im öffentlichen Interesse. "Mit diesem Projekt haben wir den Eislaufverein gesichert."

Der geplante Turm am Heumarkt hatte zuletzt für eine Spaltung innerhalb der grünen Partei gesorgt. Mehr als die Hälfte der Wiener Grünen waren in einer Urabstimmung gegen das Projekt, da es den mit der Unesco vereinbarten Status Weltkulturerbe gefährde. Die Unesco hatte schon im Vorfeld mehrmals betont, dass Wien, sollte es hohe Türme in diesem Bereich zulassen, auf die rote Liste käme. Schon beim Neubau Wien Mitte - The Mall war das Weltkulturerbe der Grund dafür, warum der ursprüngliche Architekten-Plan zurechtgestutzt wurde und der Neubau niedriger gebaut wurde als geplant. "Und sind wir uns ehrlich, schön ist das nicht geworden", so Al-Rawi dazu.

Für ÖVP-Gemeinderat Manfred Jurazcka ist die Sache nicht so einfach: "Es ist nicht egal, ob die Innere Stadt den Status Weltkulturerbe hat oder nicht", rief er dem Redner dazwischen. FPÖ-Gemeinderat Christian Unger sah die SPÖ und die Grünen als Erfüllungsgehilfen von Spekulanten.

Die Neos forderten in ihrem Antrag, die Bürger miteinzubeziehen. "Wir sind nicht dafür oder dagegen, aber wir fordern klare Spielregeln", sagte Gemeinderätin Beate Meinl-Reisinger. Die Planungsinstrumente der Stadt seien veraltet. Die Stadtregierung soll klar sagen, ob sie das Weltkulturerbe für die Innere Stadt noch will oder nicht. Auch für die Investoren sollte laut Neos Rechtssicherheit herrschen.

"Erhaltung der historisch gewachsenen Silhouette"


Für Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou steht jedenfalls viel auf dem Spiel. Um den Folgen einer möglichen Aberkennung des Prädikats Weltkulturerbe für die Innere Stadt vorzubeugen, versichert die Stadtregierung am Donnerstag, dass es in der Inneren Stadt und im Bereich rund um den Ring, sprich im Glacis Bereich, keine weiteren Hochhäuser geben wird. SPÖ und Grüne wollen dazu heute, Freitag, einen gemeinsamen Antrag im Gemeinderat einbringen. Verbunden damit ist ein Bekenntnis "zur Erhaltung der historisch gewachsenen Silhouette ihrer Innenstadt". Im Büro von Vassilakou begründete man den Antrag damit, dass derzeit viele Missverständnisse über die Stadtplanung herumgeisterten. Nun werde endgültig klargestellt, in welche Richtung es gehe.

Ob dieses Bekenntnis hilft, die Kritiker des Projektes zu besänftigen, ist fraglich. Rund 570 Stellungnahmen zum Hochhaus sind im Magistrat in den vergangenen Monaten eingelangt. Darin wird der Planentwurf kritisch gesehen oder abgelehnt und der Abbruch des gegenständlichen Verfahrens gefordert. Laut Auflistung des Magistrats ist von der "Veränderung, Verschandelung bzw. Zerstörung des Stadtbilds" die Rede.

Wenn sieben der zehn grünen Gemeinderäte und alle Roten am 1. Juni der Flächendwidmung zustimmen, dann wird der Turm gebaut. Dann wird die Unesco diskutieren müssen, ob der 1. Bezirk Weltkulturerbe ist oder nicht.