Ganz so positiv sieht Künstlerin Natalie Deewan leerstehende Geschäftslokale dann doch nicht. Es ist ihr durchaus bewusst, dass Zwischennutzungen von künstlerischen und kreativen Projekten oft mit Aufwertungen einhergehen. Als Beispiel nennt sie die Grundsteingasse 62 in Ottakring. Dort sollte aus der "Einbrennlackierung Autospenglerei" ein "Nicken Irren Glauben - an rege Utopie" werden. Die dortigen Eigentümer "Wohninvest" waren gegen das Ummontieren der Buchstaben, dennoch wirbt die Immobilienfirma beim Standort Grundsteingasse mit Kunstprojekten in Ottakring. Sowohl "Soho in Ottakring" als auch die "Kunstmeile in Ottakring" werden auf deren Website genannt. "Sobald du etwas kreativ zwischennutzt, findet eine Aufwertung statt, mit der die Mieten steigen und die Immobilienfirmen werben", so Deewan.

Die Service-Agentur "Kreative Räume Wien" versucht seit dem Jahr 2016, temporär leerstehende Flächen mit Menschen zu vernetzen, die auf der Suche nach Raum sind. Aktuelle Zahlen zeigen, dass Anfragen nach Räumen zu 60 Prozent aus dem Kunst- und Kreativbereich stammen. Beim Rest handelt es sich unter anderem um Projekte aus dem Sozial-, Migrations- und Bildungsbereich, aber auch aus der Start-up-Szene.

Zwischennutzung gefährdet nachhaltige Projekte


Ein weiteres Problem sieht Deewan im Konzept der Zwischennutzung selber. Für gewisse Zielgruppen könne Zwischennutzung durchaus interessant sein, doch nicht, wenn es um nachhaltigere Arbeit geht. Vernetzung mit der Nachbarschaft, die Schaffung einer Infrastruktur im Raum würden dadurch wegfallen und nachhaltiges Arbeiten gefährdet werden, erklärt die Künstlerin.

Ein Kritikpunkt, der auch von der Interessensgemeinschaft "IG Kultur Wien" geteilt wird: Leerstandsnutzung würde immer stärker auf das Konzept der Zwischennutzung fokussiert werden. Kulturelle Zentren oder nicht-kommerzielle Begegnungsräume bräuchten jedoch vielmehr langfristiges Denken und Handeln, so Geschäftsführerin der "IG Kultur Wien" Fanja Haybach zur "Wiener Zeitung". Erst dann könne nachhaltiges Neues entstehen.

Gleichzeitig werden dadurch prekäre Arbeitsrealitäten von Künstlern und Kreativen weiter verstärkt. Ein Thema mit dem auch "Kreative Räume Wien" konfrontiert ist. Derzeit fehlt es an rechtlichen Rahmenbedingungen für Zwischennutzungsprojekte. Durch den Prekariums-Mietvertrag können Zwischennutzer jederzeit gekündigt werden. "Zwischennutzung hat ganz andere Bedürfnisse, ganz andere Anforderungen. Derzeit ist es - überspitzt gesagt - aber egal, ob ich zehn Jahre oder zwei Tage einen Raum nutze. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dieselben", fasst Kerekes die Problematik zusammen.

Rechtliche Rahmenbedingungen fehlen


Diese fehlende Rechtssicherheit können sich nur bestimmte Gruppen leisten, ein weiteres Problem für Künstlerin Deewan: "Strukturell benachteiligte Gruppen wie Migranten und Migrantinnen wollen sich keinen Konflikt mit der Stadt aufreißen und sind da nochmal vorsichtiger. Oder sie riskieren viel", sagt sie.

In diesem Punkt sind sich die verschiedenen Akteure also einig: Will man in Wien auch weiterhin leerstehende Lokale und Räume temporär nutzen, braucht es die entsprechenden Rahmenbedingungen, um Zwischennutzung für verschiedene Projekte attraktiv und sicher zu machen.

Wienwoche 2017

bis 1. Oktober

Im Rahmen des Projektes

"Nach Geschäftsschluss.

Die Wiener Leerstandsanagramme" von Natalie Deewan

finden drei thematische Rundgänge zu den einzelnen Stationen statt.

26., 27., und 28. September

ab 17 Uhr

Termine und detaillierte

Informationen unter

www.wienwoche.org