Auch die Synagoge in Klosterneuburg stand während des Novemberpogroms in Flammen. Das Gebäude diente danach der Hitlerjugend als Unterkunft. In den 1990ern wurde das Haus abgerissen und an seiner Stelle ein Wohngebäude errichtet. - © DÖW
Auch die Synagoge in Klosterneuburg stand während des Novemberpogroms in Flammen. Das Gebäude diente danach der Hitlerjugend als Unterkunft. In den 1990ern wurde das Haus abgerissen und an seiner Stelle ein Wohngebäude errichtet. - © DÖW

Wien. Der 9. November ist jedes Jahr ein besonders düsterer Erinnerungstag: Im Zug des November-Pogroms in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 brannten Synagogen und wurden Wiener Jüdinnen und Juden sowie deren Häuser, Geschäfte, selbst die Friedhöfe gezielt angegriffen, verletzt, demoliert. 27 Menschen wurden dabei ermordet, 88 weitere schwer verletzt und insgesamt 6547 Juden verhaftet. Mehr als 4000 Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Erinnert wird am heurigen 9. November nicht nur im Stillen, mehrere Organisationen und Initiativen laden auch zum gemeinsamen Gedenken im öffentlichen Raum ein.

Halt vor dem Juridicum

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien ruft morgen, Donnerstag, zu dem Gedenkmarsch "Light of Hope" auf. Start ist um 18 Uhr vor der Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse. Von dort geht es zunächst zum Juridicum und danach weiter zum Mahnmal von Rachel Whiteread für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoa auf dem Judenplatz. Der Halt des Gedenkmarsches beim Juridicum ist den antisemitischen Ausritten in geschlossenen Facebook- und WhatsApp-Gruppen von Vertretern der ÖVP-nahen Studierendenfraktion AktionsGemeinschaft an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien geschuldet. Durch die Einbeziehung dieses Ortes soll das Gedenken hier Bewusstsein schaffen. IKG-Präsident Oskar Deutsch suchte zudem das Gespräch mit der Fakultätsleitung - nun wird das Programm Likrat, das jüdische Jugendliche zu Peers ausbildet, die dann an nichtjüdische Schulen gehen, um so Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden abzubauen, auf Studierendenebene ausgeweitet. Workshops mit jüdischen und nichtjüdischen Studentinnen und Studenten sollen helfen dazu beizutragen, Antisemitismus an Universitäten Einhalt zu bieten.

"Niemals vergessen! Nie wieder Faschismus!" - unter diesem Motto lädt ein Bündnis aus Parteien, Institutionen und Einzelpersonen der Zivilgesellschaft zu einer Mahnwache auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofs. Von dort wurden zwischen 1939 und 1942 zehntausende österreichischen Jüdinnen und Juden in Vernichtungslager deportiert - die Mehrheit von ihnen wurden ermordet, wie das diesen Herbst an dem Ort enthüllte Mahnmal eindrucksvoll demonstriert.

Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen hat im Rahmen des Projekts "Jüdisches Wien" Einträge zu allen Synagogen, die es bis zur Pogromnacht in Wien gab, im WienGeschichteWiki gestaltet und wird in einem Vortrag über diese erzählen. Einen Eindruck, wie es in den insgesamt 26 Sakralbauten, von denen heute nur noch eine - nämlich der Stadttempel in der Seitenstettengasse - erhalten ist, liefern Visualisierungen, die ein Team an der TU Wien rund um Bob Martens und Herbert Peter erstellt haben.

Von den 25 heute nicht mehr existierenden Synagogen wurden in der Nacht von 9. auf 10. November nicht alle völlig durch Feuer oder Handgranaten zerstört. Einige wurden in der NS-Zeit allerdings durch die Nationalsozialisten anders genutzt, etwa als Lager, und dadurch das Interieur zunichtegemacht. Die IKG hatte nach 1945 weder Geld noch Manpower, um nach der Restituierung der Baustellen wieder Gotteshäuser zu errichten. So entstanden auf den Grundstücken meist Wohnbauten und an die Synagogen erinnern heute nur noch Gedenktafel, so Duizend-Jensen. Wer heute an jüdisches Leben damals denkt, der hat meist die Leopoldstadt vor Augen. Tatsächlich waren die Synagogen aber über ganz Wien verstreut. Von den insgesamt 26 Bauten befanden sich sechs im zweiten Bezirk (einer der großen war der Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse, an dessen Standort sich heute das psycho-soziale Zentrum Esra befindet). Je eine Synagoge gab es im 1., 3., 8., 10., 11. 13., 16. 18., 19, 21. und 23. Bezirk. In Mariahilf, Alsergrund, Rudolfsheim-Fünfhaus und der Brigittenau standen jeweils zwei Synagogen.

Duizend-Jensen wird im Rahmen des Projekts "Jüdisches Wien" auch Einträge über die Bethäuser und die jüdischen Waisenhäuser für das WienGeschichteWiki gestalten, kündigte sie an. Im Herbst 2018 wird es zudem im Stadt- und Landesarchiv eine Ausstellung über jüdische Institutionen bis 1938 in Wien geben.