Wien. Schrotflinten, Prostituierte, Feuerwehreinsätze – wer Sternsingen geht, hat gute Chancen, selbst Dinge zu erleben, die er oder sie sonst nur aus Erzählungen kennen würde. Vor allem die Klientel in den heruntergekommenen Altbauten der Wiener Außenbezirke ist immer wieder für Anekdoten gut. Insofern ist es fast schade, dass etwa im Zuge der Stadtentwicklung rund um den Hauptbahnhof ein neues Wohnviertel hochgezogen wurde. Denn wo heute das Sonnwendviertel mit schönen neuen Wohnhäusern steht, ragten noch vor wenigen Jahren in der berüchtigten Riepelstraße alte Vor- und Nachkriegsbauten in den Favoritner Winterhimmel. Und dort hatten die Sternsinger der Pfarre St. Johann in der Regel ihre schrägsten Erlebnisse.
So erinnert sich der Sternsinger-Begleiter Stefan Albrecher an eine Dreikönigsaktion (DKA), bei der eine Tür von einem Mann im Unterleiberl aufgerissen wurde. "Der hat so richtig Mundl-Sackbauer-mäßig ausgeschaut – und er hat eine Schrotflinte in der Hand gehalten." Die Kinder begannen trotzdem unerschrocken zu singen, bis ihr Begleiter sie sanft, aber entschieden einen Stock tiefer schob. "Wir sind dann aus dem Haus geflüchtet und haben die Polizei alarmiert", erzählt er. Dass Halbnackte die Tür öffnen, wenn die Sternsinger am Vormittag anläuten, ist er gewohnt – aber dieser Mann im Unterhemd war ihm dann doch nicht geheuer. Eine andere Gruppe will in der Riepelstraße auch einmal ein halbes Schwein auf dem Gang liegen gesehen haben.
Beliebt waren die alten Häuser jedenfalls nicht. Denn erstens war zur Weihnachtszeit kaum jemand da, der nennenswerte Beträge spendete (man glaubt gar nicht, wie es Kinder motiviert, wenn es darum geht, möglichst viel Geld zu sammeln, auch wenn es gar nicht für sie selbst ist, sondern für Hilfsprojekte). Und zweitens hatten die Häuser allesamt keinen Aufzug. Und kein Sternsinger stapft gerne Stufen hinauf.

Das ganze Geld im Schnee vergraben

Vor allem sind Stiegenhäuser eine Gefahr für Sternsinger-Sammelbüchsen: "Wir waren schon im fünften Stock oben, da ist einem Kind die Spendenbox aus der Hand gerutscht und zwischen den Treppen hinuntergefallen", erzählt der St. Johanner Altpfarrer Ladislaus Loucky. "Der Bub ist die Treppe hinuntergestürmt; er hat wirklich geglaubt, er erwischt die Kassa noch – aber sie ist im Erdgeschoß zerschellt."
Das Gleiche ist dem langjährigen Ennser Pfarrer Martin Bichler einmal passiert: "Zu unserer Verwunderung lagen aber nur sehr wenige Münzen und Scheine auf der Treppe, nachdem die hinuntergefallene Kassa aufgegangen war. Dabei hatten wir den ganzen Tag über fleißig gesammelt." Die Sammelbüchse war offenbar nicht richtig verschlossen gewesen, sie mussten das Geld schon unterwegs verloren haben. Weil es schon dunkel war, gingen sie mit Taschenlampen auf die Suche. Fündig wurden sie dann auf einem Kinderspielplatz, wo die Kinder eine Pause gemacht und gespielt hatten. Dem kleinen König war nicht aufgefallen, dass die Kassa nach dem Spielplatz leichter gewesen war. "Im Licht der Taschenlampen blitzte tatsächlich unser Schatz hervor: Ein ganzer Haufen Scheine und Münzen lag verschluckt im Schnee. Selten war ich so erleichtert wie damals", erzählt Bichler.