Wien. Mit 1. Jänner ist die letzte Übergangsfrist zum Bundesbehindertengleichstellungsgesetz ausgelaufen. Eine echte Besserung sieht Martin Ladstätter, Obmann des Vereins "Bizeps - Zentrum für ein Selbstbestimmtes Leben", nach den ersten drei Monaten nicht, wie er im Interview betont.

- © Philipp Hutter
© Philipp Hutter

"Wiener Zeitung": Was ist aus Ihrer Sicht seit 1. Jänner besser geworden?

Martin Ladstätter: Nächste Frage bitte.

Ist es tatsächlich so schlimm?

Naja, also wenn es darum geht, ob es einen Push durch diese allerletzte Frist gegeben hat - da würde ich sagen: Nein, den gibt es nicht. Es wurde zwar rund um den Jahreswechsel sehr viel darüber berichtet, und der eine oder andere hat sicher darüber nachgedacht, was das für ihn selbst bedeutet. Aber dass jetzt flächendeckend angefangen worden wäre, die Probleme zu beseitigen, sehe ich nicht. Wir haben gerade eine Erhebung gestartet. Wien rühmt sich ja seit vielen Jahren der Barrierefreiheit. Da heißt es aber oft, dass es im Altbau schwieriger ist als im Neubau. Wir nehmen das jetzt zum Anlass, alle fünf neuen Lokale in der Seestadt Aspern zu testen, die ja auf der grünen Wiese errichtet wurden, wo es eigentlich keine Ausrede gibt.

Was erwarten Sie?

Meine Erwartungshaltung als an die Gesetzgebung glaubender Bürger müsste sein, dass alle Lokale barrierefrei zugänglich sind und ein behindertengerechtes WC haben.

Und Ihre Erwartungshaltung als Realist und Interessenvertreter?

Ich war zu Ostern in einer Pizzeria in der Seestadt, die über eine Stufe erreichbar war, mit einer Alurampe darauf und keinem Behinderten-WC. Ich hoffe, dass zumindest vier von fünf der Lokale barrierefrei erreichbar sind und zumindest zwei von fünf ein barrierefreies WC haben. Aber das ist schon sehr niedrig angesetzt, weil ich Realist bin.

Billa stellt am 5. April eine Prototyp-Filiale für erweitert barrierefreies Einkaufen vor. Hätte man das nicht schon vor Jahren tun sollen?

Es stimmt schon, drei Monate nach dem Ende der letzten Frist sind sie nicht die Ersten. Aber soweit ich es mitbekommen habe, geht es dabei um mehr als nur stufenlose Erreichbarkeit. Sie wollen auch innen etwas herzeigen. Aber dass ihnen das erst 2016 einfällt, ist wirklich extrem spät. Und ich verstehe nicht, warum man zehn Jahre verstreichen hat lassen und noch immer nicht alle Filialen barrierefrei hat, wie zum Beispiel beim Schwedenplatz.

Laut dem Rewe-Konzern sind aber schon 97 Prozent aller rund 2500 Filialen barrierefrei.

Das glaube ich erst, wenn ich die komplette Liste aller Filialen bekomme. Die Bank Austria hat sich das getraut. Die hat gesagt: Wir wissen, dass nicht alle unsere Filialen barrierefrei sind. Und sie hat eine Liste dazu im Internet veröffentlicht.

Die Öffentliche Hand sollte ja mit ihren Gebäuden den Privaten mit gutem Beispiel vorangehen. Tut sie das?

Ich würde sagen nein. Man muss dabei auseinanderhalten. Es ist sehr unterschiedlich je nach Ebene. Beim Bund sind die Gebäude tatsächlich öfter barrierefrei als in der Privatwirtschaft. Bei den Ländern gibt es große Unterschiede. Wien hat sich zum Beispiel selbst Zeit gegeben bis zum Jahr 2042, erst dann müssen wirklich alle Gebäude barrierefrei sein - da sehe ich kein allzu großes Interesse, etwas zu tun. Ja, und dann gibt es noch die Gemeinden. Da ist es auch sehr unterschiedlich. Es gibt Gemeinden, die wirklich anziehen, und andere, die sich Zeit lassen und darauf pochen, dass das Bundesgleichstellungsgesetz ja für sie als Gemeinde nicht gilt.

Und wie sieht es im öffentlichen Nah- und Fernverkehr aus? Die ÖBB bauen doch einen Bahnhof nach dem anderen um.

Die ÖBB haben im Bereich Infrastruktur wirklich viel gemacht. Man muss bedenken, dass sie 1300 Bahnhöfe betreiben. Da wurde schon nach dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz festgelegt, welche Bahnhöfe barrierefrei sein müssen und welche nicht. Da gibt es die sogenannte 2000er-Regel: Bahnhöfe mit mehr als 2000 Ein- oder Ausstiegen von Fahrgästen pro Tag müssen adaptiert werden, kleinere nicht. Das ist auch eine wirtschaftliche Überlegung, weil man einfach innerhalb von zehn Jahren nicht jeden Bahnhof barrierefrei machen kann. Und da ist wirklich, wirklich viel passiert. Wo wenig passiert ist, das sind die Fahrzeuge. Da ist es zwar auch besser geworden, aber es gibt immer noch Regionen in Österreich - und da gehört auch die Wiener Schnellbahn-Stammstrecke dazu -, in denen zum Teil der letzte Dreck unterwegs ist, wenn man an die alten, blau-weißen 4020er-Garnituren denkt. Es wurden zwar zuletzt sehr viele moderne Talent- und einige Cityjet-Garnituren gekauft, aber das wird schon noch eine Zeit dauern, bis die Schnellbahn komplett barrierefrei ist.

Die Wiener Linien sind relativ gut im Vergleich der Umrüstung der Infrastruktur, auch im europäischen Städtevergleich, die Ausstattung der Stationen mit Aufzügen hat auch sehr gut funktioniert. Die größte Schwachstelle sind aber die Straßenbahnen. Bei uns fahren in Wien noch immer sehr viele alte Hochflurgarnituren herum, und die letzte Schätzung ist, glaube ich, dass die Wiener Straßenbahn erst 2027 komplett barrierefrei sein wird. Und das ist schlichtweg ein Wahnsinn. Über die alten Garnituren regen sich auch oft nichtbehinderte Menschen auf, die sagen, behinderte Menschen müssen echt viel Geduld haben, weil manche Stationen zum Teil nur alle 20 bis 40 Minuten von Niederflurstraßenbahnen angefahren werden.