Wien. Zugegeben, Privatsphäre sucht man hier vergeblich. Wer im Rochuspark arbeitet, hat Kollegen, die sich zwei Meter weiter mit einem ganz anderen Thema aus einer ganz anderen Branche beschäftigen, und das mitunter laut. Dazu kommen Küchengeräusche oder sportliches Geheul von denjenigen, die sich die Pause gerade am Tischfußballtisch vertreiben. Trotz allem wirken die Rochuspark-Ansässigen entspannt.

Im Gemeinschaftsbüro Rochuspark in Wien-Landstraße wird das Prinzip "Gemeinsam sind wir stärker" in die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts gehoben. Hier arbeitet keine Firma, sondern lauter "EPUs" (Ein-Personen-Unternehmen): Grafiker, Designer, Journalisten oder Landschaftsplaner, die trotz aller Selbständigkeit gerne während der Arbeit unter Menschen sind. "Einer hat mir gesagt, irgendwann wollte er nicht mehr den ganzen Tag in Unterhosen vor dem Computer im Wohnzimmer sitzen", erzählt Rochuspark-Initiator Michael Pöll.



Ein neuer Ort in der Stadt


"Das Konzept Gemeinschaftsbüro ist ja nicht neu", so Pöll weiter, "unser Service ist aber, dass sich die Mieter um nichts kümmern müssen". Um 300 Euro im Monat erhält man im Rochuspark - einer ehemaligen Schmiede - einen Schreibtisch und volle Büroinfrastruktur, vom Drucker über Internet bis hin zum Toilettenpapier. Was man nicht erhält ist ein eigener Raum.

"Dafür haben wir drei Künstlerateliers, eine Cafeteria nebenan, einen Shiatsu-Raum und Duschen", erzählt Pöll. Auch das Modelabel "formsinn" ist in einem separaten Verkaufsraum samt Schneiderwerkstatt untergebracht. "Die Stadt hat einen neuen Ort", ist der Slogan, mit dem der Rochuspark beworben wird - und der ist Programm: "Hier zu Arbeiten ist ein bisschen öffentlich", meint Pöll.

Das dieses Konzept aufgeht, wussten Pöll und sein Partner Stefan Leitner-Sidl schon bevor sie vor drei Wochen den Rochuspark eröffneten. Die beiden haben 2002 die Schraubenfabrik in der Leopoldstadt ins Leben gerufen. Diesem Gemeinschaftsbüro mit 30 Arbeitsplätzen folgte 2004 die Hutfabrik in Mariahilf mit 12 Arbeitsplätzen. Der Rochuspark ist bereits der dritte Ableger.

Einen vierten Standort planen die beiden nicht. Jetzt muss erst einmal der Rochuspark gefüllt werden, momentan ist nur ein Drittel der 35 Plätze belegt. "Das dauert circa ein halbes Jahr", weiß Pöll aus Erfahrung. Und bis jetzt hat es immer über Mundpropaganda funktioniert. Bezüglich der Synergieeffekte gerät Pöll ins Schwärmen: "Hier kann man sich gegenseitig Arbeit verschaffen und sich auch mal zusammenschließen, etwa bei großen Kunden". Ein denkbar positiver Effekt für die EPUs, die sich sonst solo am Markt behaupten müssen. Nur einer hat bisher wegen finanzieller Probleme aus der Schraubenfabrik ausziehen müssen. "Manche gehen, weil sie in eine Firma wechseln", erzählt der Geschäftsmann, "aber viele mussten auch ausziehen, weil sie zu groß wurden". In den Gemeinschaftsbüros von Pöll und Leitner-Sidl sind die Plätze für maximal Zwei-Personen-Unternehmen konzipiert. Der Stadt Wien ist das Einzelkämpfer-Netzwerk jedenfalls positiv aufgefallen: Sie fördert das Projekt mit 58.000 Euro.



Zusammenarbeit mit Berlin


Der nächste Schritt soll hinaus gehen aus Österreich: Ein gleichartiges Büroprojekt in Berlin ist schon anvisiert, der Zweck ist der gegenseitige Austausch von Arbeit und Arbeitsplätzen. Pöll: "Jeder soll am Standort des anderen arbeiten und dessen Infrastruktur ausnützen können." Das schafft die Möglichkeit, Arbeitsprojekte an vor Ort abzuwickeln. Und den Lärm eines Gemeinschaftsbüros kennt der "Austausch-Unternehmer" ja dann auch schon.

www.rochuspark.at