Nun kann aber auch eine unangemessene Verteidigung straflos bleiben (§ 3 Abs 2 StGB). Nämlich dann, wenn sie lediglich aus Bestürzung, Furcht oder Schrecken geschieht. Schlägt jemand aus Wut einem Grapscher ins Gesicht, greift dieser Paragraf nicht. "Wenn jemand hingegen begrapscht wird, darüber erschrickt und zuschlägt, könnte das straflos bleiben", sagt Tipold.

Doch es wird noch komplizierter. Neben dem Erschrecken muss eine weitere Voraussetzung gegeben sein: "Die unangemessene Überschreitung darf auch nicht auf Fahrlässigkeit beruhen. Es geht letztlich um die Frage, ob der maßgerechte Mensch seinen Affekt besser beherrscht hätte." Im konkreten Fall müsste man überlegen, ob ein - sich fürchtender bzw. erschrockener - "Maßmensch" in derselben Situation auch zugeschlagen hätte. Wie man das im Einzelfall auslege, ist nicht ganz einfach zu beurteilen, merkt Tipold an.

Staatsanwalt am Zug

Ob die Voraussetzungen für Notwehr vorliegen, entscheidet der Staatsanwalt. Stellt er das Verfahren gegen die Frau nicht ein bzw. bietet er ihr keine Diversion an, ist ein Strafantrag wegen Körperverletzung (§ 83 StGB) möglich. "Ein Nasenbeinbruch, der nicht verschoben ist, gilt als leichte Körperverletzung", so Tipold. Der Frau würden, da sie wohl mit Misshandlungsvorsatz gehandelt haben dürfte, dann bis zu einem Jahr Haft oder eine Geldstrafe von bis zu 720 Tagessätzen drohen.

Im Falle des Mannes kommt der seit 2016 geltende Tatbestand in Betracht, der jenen bestraft, der eine "andere Person durch eine intensive Berührung einer der Geschlechtssphäre zuzuordnenden Körperstelle in ihrer Würde verletzt" (§ 218 Abs 1a StGB).Medial wurde er "Po-Grapsch-Paragraf" genannt. Darauf stehen bis zu sechs Monate Haft oder eine Geldstrafe von bis zu 360 Tagessätzen.