Goldgewinnung aus der Müllverbrennungsanlage

In Wien sind pro Einwohner 83 Tonnen Beton, 70 Tonnen Ziegel, 3,2 Tonnen Eisen, 45 Kilogramm Aluminium und 31 Kilogramm Kupfer vorhanden. Eine gigantische Rohstoffquelle beherbergt in Wien auch die Infrastruktur - auf den Straßen und im Boden - und zwar um die 90 Millionen Tonnen oder 50 Tonnen pro Einwohner. 60.000 bis 90.000 Tonnen Kupfer und Aluminium - das sind 50 Kilogramm pro Einwohner - sind in der Infrastruktur verbaut. Zwei bis vier Prozent sind nicht mehr in Verwendung und könnten theoretisch zu Tage gebracht werden. "Wenn in Wien Leitungen verlegt werden, dann werden die alten Leitungen im Boden belassen. Hier sehe ich Potenzial. Ebenfalls bei den Müllverbrennungsanlagen, bei denen man sogar Gold finden könnte, das unter anderem in Elektrogeräten steckt", sagt Johann Fellner.

Die Ressourcenrückgewinnung durch Urban Mining ist nicht neu - wie auch Altmetallhändlerin Kranner betont. "Altmetalle hat man seit tausenden von Jahren im Kreislauf geführt, weil sie viel wert sind und die Neubeschaffung meist teuerer ist, als auf vorhandene Ressourcen zurückzugreifen."

Das Umdenken bereits begonnen hat, zeigen zwei Beispiele, die auch der Dokumentarfilm "Die Stadt als ewige Rohstoffquelle" beleuchtet: der alte Südbahnhof und ein stillgelegtes Ziegelwerk in der Kaltenleutgebner Straße in Liesing, wobei zweiteres nun einer der größten Wohnanlagen Wiens mit 450 Wohneinheiten beherbergt. Beim Abriss des Südbahnhofes 2010 wurden 90 Prozent des Abbruchmaterials mit 200.000 Kubikmetern wiederverwertet. 1,7 Millionen Tonnen Material wurden bewegt, darunter 25.000 Tonnen Metalle - schweres Eisen, Industriestahl und Kupfer. Beim Bau der Wohnungen am Areal des ehemaligen Ziegelwerkes wurden zwei Drittel des Bauschutts für die Errichtung von Wegen und Häuser verwendet. "Im herkömmlichen Abbruch und Abtransport dieses Industrieareals mit 200.000 Tonnen an Betonmassen würden 30.000 Lkw-Fahrten notwendig zu sein, um diese Anlage zu entsorgen. Wir schafften es, zwei Drittel der Fahrten zu eliminieren, sprich 20.000 Fahrten, weil wir vor Ort die Betonmassen wieder aufbereitet haben", erklärt Projektentwickler Gerald Parzer die Entstehung der 2016 eröffneten Wohnhausanlage "Waldmühle Rodaun.

Mülldeponien als Minen
für Seltene Erden

Doch Urban Mining ist mehr als Recycling, im Fokus steht ebenfalls ein bewusster Umgang mit Rohstoffen. Die Metalle der Seltenen Erden etwa - wichtige Rohstoffen für die Smartphone-Herstellung - werden in Europa nicht mehr abgebaut. "China bedient 90 Prozent des Marktes, 2008 sind die Preise um bis zu 800 Prozent gestiegen. So schnell kann man keine alternativen Quellen auftun", weiß Brigitte Kranner. Dresdner Forscher haben nun spezielle Viren entdeckt, mit denen man Seltene Erden aus dem Elektro-Schrott zurückgewinnen kann. Dafür erhielten sie 2018 den Chemie-Nobelpreis. Mittlerweile werden Deponien wieder aufgegraben, um Seltene Erden aus Elektroschrott zu gewinnen.