Wien. Es galt, den besten zu wählen; den besten aus fünfzehn Kandidaten. In der Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden. Jetzt endlich ist es so weit. "Un, deux, trois!" Wie eine Kellnerin, die eine Servierglocke lüftet, hebt Amélie Pommier den pizzagroßen Kartondeckel und präsentiert fünfzehn Weinbergschnecken die knackiggrünen Salatblätter in deren Mitte. Die Zuschauer jubeln. Das Schneckenrennen ist eröffnet.

Im Kellerlokal Heinrich auf der Thaliastraße, hinten im hellen Veranstaltungsraum, drängen sich an diesem Nachmittag Kinder, Frauen und Männer um einen runden Stehtisch. Fünfzehn Plastikrohre ragen in die von einem bierglashohen Drahtgitter umzäunte Tischplatte. Unter den Anfeuerungen der Zuschauer kriechen die Schnecken aus den Startrohren. Schnecke Nr. 10 kriecht am zielstrebigsten Richtung Salatblätter. Ein Zuschauer jubelt, er scheint die richtige Wahl getroffen zu haben.

Genau das hoffen auch 400 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union, die zwischen 23. und 26. Mai das Europäische Parlament wählen können. Mit ihren Stimmen entsenden sie 751 Abgeordnete, die mitbestimmen werden über die Führung der EU-Kommission, den EU-Haushalt, die Regulierung des Binnenmarkts, die Zukunft der Asyl- und Migrationspolitik sowie der Energie- und Klimapolitik.

Wenn in Wien am kommenden Sonntag gewählt wird, werden nicht nur Österreicher ihre Stimme abgeben, sondern auch Bürger anderer EU-Staaten, wie die Französin Amélie Pommier, der Engländer Simon Tyrrell und der Spanier Ignacio Garcia Vicente.

Teils zielstrebig, teils orientierungslos: Das französische Schneckenrennen in Ottakring erinnert ein wenig an die EU-Wahl.
Teils zielstrebig, teils orientierungslos: Das französische Schneckenrennen in Ottakring erinnert ein wenig an die EU-Wahl.

Französische Vision einer gemeinsamen Zukunft

Augenblicke vor dem Start pflückte Pommier Schnecke um Schnecke aus dem Käfig und klebte ihnen mit spitzen Fingern nummerierte Sticker auf die Häuser. Die Nummern passen zu den Namen auf der Liste, anhand derer die Zuschauer eine Schnecke wählen können.

"Weinbergschnecken heißen auf Französisch Escargots de Bourgogne. In einem kleinen Dorf im Burgund bin ich aufgewachsen", sagt Pommier, die vor mehr als sieben Jahren nach Wien kam. Nach dem Kunstgeschichte-Studium, um Deutsch zu lernen, wie sie sagt. Heute unterrichtet sie Französisch, hält Vorträge über französische Kultur in der Volkshochschule, bloggt für frankophone Wiener - und organisiert das Schneckenrennen.

In jeder Familie gebe es jemanden, der in einem anderen EU-Land lebt, sagt Amélie Pommier. "Für mich ist Europa Synonym für die Zukunft, eine Chance für uns alle."

Ganz anders ist die Situation für Engländer Simon Tyrrell: Für ihn und seine Landsleute scheint die Europäische Union bald Vergangenheit zu sein. Unweit des Kellerlokals Heinrich steht der Möbeldesigner inmitten Polstermöbeln, Beistelltischen und Schirmlampen.