Wien. (rös) Eine schwere Geburt: Sieben Jahre nach der Grundsteinlegung wurde am Montag um 8 Uhr die erste Patientin im KH-Nord - das jetzt Klinik Floridsdorf heißt - aufgenommen und von Bürgermeister Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (beide SPÖ) begrüßt.

Die Inbetriebnahme verlaufe laut Hacker plangemäß. Nach den medizinischen Probebetrieben und den hygienischen Endreinigungen siedeln bis inklusive 24. Juni etappenweise drei Spitäler sowie einzelne Abteilungen ins neue Krankenhaus:

Am 27. Mai wurde in einem ersten Schritt das Krankenhaus Floridsdorf am Standort geschlossen. Rund 600 Mitarbeiter haben bereits in der Vorwoche ihre neuen Arbeitsplätze in der neuen Klinik Floridsdorf bezogen. Das Leistungsspektrum des Bezirksspitals sei nun mit der Inneren Medizin, Chirurgie, Intensivstationen und der Zentralen Notaufnahme komplett, wie es hieß. Zusätzlich startet die für die Bezirke 20 und 21 zuständige Psychiatrische Abteilung aus dem Otto-Wagner-Spital am neuen Standort sowie die neu aufgebaute Kinder- und Jugendpsychiatrie, vorerst mit Ambulanz und Tagesklinik.

Mit 31. Mai übersiedelten zudem die rund 200 Mitarbeiter aus dem Orthopädischen Krankenhaus Gersthof. Ab 11. Juni soll dann die Abteilung für Orthopädie und Traumatologie in der Klinik Floridsdorf bereits mit geplanten orthopädischen Eingriffen starten. Danach folgt die Semmelweis Frauenklinik, die den Betrieb im 18. Bezirk am 10. Juni einstellt.

Ab 15. Juni sollen laut Hacker die ersten geplanten Geburten in der Klinik Floridsdorf stattfinden, am 17. Juni startet der Regelbetrieb. "Dann wird die erste echte Floridsdorferin oder der erste echte Floridsdorfer in unserem neuen Spital zur Welt kommen", erklärte Hacker am Montag.

Zur gleichen Zeit wie die Semmelweis-Frauenklinik siedelt die Kinder- und Jugendheilkunde-Station der Krankenanstalt Rudolfstiftung an den neuen Standort. Die Kinder- und die Down-Syndrom-Ambulanz sowie die neu renovierte Neonatologie verbleiben in der Rudolfstiftung.

"Wenn am 24. Juni die Herzchirurgie und die Kardiologie aus dem Krankenhaus Hietzing sowie die 1. Pulmologie und die Thoraxchirurgie aus dem Otto-Wagner-Spital in die Klinik Floridsdorf übersiedelt sind, ist das Spital mit allen Abteilungen und Fächern in Betrieb", erklärten schließlich die Ärztliche Direktorin der Klinik Floridsdorf, Margot Löbl, und Pflegedirektor Jochen Haidvogel. Über den Sommer werden die Kapazitäten ausgebaut, ehe das Krankenhaus im Herbst in Vollbetrieb gehen wird.

Die Klinik Floridsdorf verfügt insgesamt über 16 Operationssäle und knapp 800 Betten, die sich auf Ein- und Zweibettzimmer verteilen. 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden sich künftig um 17.000 Operationen, rund 250.000 Ambulanzbesuche und 46.000 stationäre Aufenthalte pro Jahr kümmern.

Um 300 Millionen Euro
teurer als geplant

Obwohl die Klinik gerade erst eröffnet wurde, hat das Projekt jahrelang für Schlagzeilen gesorgt. Es wurde später fertig als geplant und auch deutlich teurer: Der Grundstein war bereits 2012 gelegt worden, angekündigte Eröffnungstermine wurden immer wieder verschoben. Die Gesamtkosten für den Bau belaufen sich auf etwa 1,3 Milliarden Euro. Das sind rund 300 Millionen Euro mehr als ursprünglich veranschlagt. Auch die umstrittene Beschäftigung eines Energetikers hatte für enorme Kritik gesorgt.

Bereits zu Beginn des Großprojekts wurden schwere Fehler gemacht: Entgegen der Empfehlung eines Gutachters hatte sich der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) dazu entschieden, alle Leistungen an einen Totalunternehmer zu vergeben. Dabei sind vier Jahre Zeitverlust entstanden.

Als während des Baus die ersten schweren Mängel auftraten, hätte einem Rechnungshofbericht zufolge ein vorübergehender Baustopp verhängt werden müssen: Die örtliche Bauaufsicht hatte im Juli 2016 mehr als 8000 Baumängel erfasst. So wurde etwa mit dem Innenausbau begonnen, bevor die Fassade fertiggestellt war, was zu Schimmelschäden führte. Außerdem gab es brandschutzuntaugliche Elektrodosen in Brandschutzwänden und Fehler bei den Statik-Plänen. Stützen wurden falsch platziert und mussten wieder abgerissen und neu errichtet werden. Um die Mehrkosten zu kompensieren, wurden von der Stadt Gelder aus dem Mindestsicherungstopf und dem sozialen Wohnbau umgewidmet.

All diese Themen wurden in einer Untersuchungskommission behandelt - die Ende April nach zehn Monaten, 22 Sitzungen und 65 Zeugeneinvernahmen zu Ende gegangen ist. Fazit der rot-grünen Stadtregierung: Es seien eine Menge Fehler auf der Baustelle passiert. Dafür sei aber nicht - wie von der Oppositionen stets behauptet - die Politik, sondern das Management verantwortlich gewesen. Damit ähnliche Projekte künftig nicht mehr aus dem Ruder laufen können, wurde eine neue Kompetenzstelle für Spitals-Großvorhaben als Tochtergesellschaft des KAV beschlossen.