Wien. Die Ärmel sind zu lang, die Hosenbeine zu kurz. Das An- und Ausziehen - und somit jeder Toilettengang - ist eine Odyssee. Um funktionale Mode für Menschen mit Behinderungen auf den Markt zu bringen, gründeten die studierte Sozialpädagogin Josefine Thom und der Betriebswirt Johann Gsöllpointner das Unternehmen "MOB Industries".

Thom ist mit einer älteren Schwester aufgewachsen, die geistig und körperlich behindert ist, und war selbst in der persönlichen Assistenz tätig. Sie kennt die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung im Alltag konfrontiert sind. Die 31-Jährige gründete 2015 den Kulturverein "PRO21", setzte sich wiederholt in Kunst- und Kulturprojekten mit Behinderung auseinander - und will nun mittels Mode das Thema Inklusion positiv besetzen.

"In diesem Bereich gibt es noch nicht viel, und das, was es gibt, ist nicht das, was man gemeinhin unter Mode versteht, sondern hat eine starke Funktionsästhetik", sagt Thom. In den USA besetzen bereits einzelne Labels wie Tommy Hilfiger die Nische "Adaptive Fashion". In Europa steht die "angepasste Mode" noch in den Startlöchern.

- © JAKOB GSOELLPOINTNER
© JAKOB GSOELLPOINTNER

Im Juli präsentierte "MOB" die erste Kollektion im Wiener Museumsquartier; sie entstand in Kooperation mit den Wiener Design-Labels Moto Djali, Gon und Ferrari Zöchling. Die Jungdesignerinnen schneiderten schlichte Outfits in dunklen Tönen, aber auch Blusen und Jacken mit farbenfrohen Prints und Mustern. Alle Schnitte wurden speziell für Sitzpositionen entwickelt.

Praktische Outfits
für den Berufsalltag

Bei der Entwicklung der Kleidungsstücke wurde eng mit der Zielgruppe zusammengearbeitet: Regelmäßig trafen das Unternehmer-Duo und die Designerinnen eine kleine Gruppe von Menschen im Rollstuhl, die von ihren Erwartungen an Kleidung berichteten. Die meisten von ihnen sind berufstätig, einige arbeiten in Ministerien oder im öffentlichen Dienst, und waren auf der Suche nach bürotauglichen Outfits. Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen überdies bequeme Stoffe, es sollte nichts in den Rädern schleifen, alles waschmaschinentauglich und beim Toilettengang praktisch sein.

Nach zahlreichen Anproben und Feedbackschleifen wurde die Kleidung in Wien produziert. Teil der Kollektion ist beispielsweise eine Bluse, deren weißes Bones-Muster auf hellblauer Viskose an einen Wolkenhimmel erinnert, und hohe Funktionalität aufweist: Die Ärmel sind auf Dreiviertellänge verstellbar, damit sie sich nicht in den Rädern des Rollstuhls verfangen können. Die dazu passende Hose hat höher liegende Vordertaschen, sodass die Hände auch im Sitzen gut eingeschoben werden können, und einen elastischen Bund. Die Hose kann, ohne Ausziehen, in eine Short umgewandelt werden.