Am 8. Mai 2019 war der Mann auf dem Weg ins Fitnessstudio. Beim U-Bahngleis nahm er das spätere Opfer wahr, das eine Sonnenbrille und Kopfhörer trug. Er wisse nicht mehr, warum er den Mann hinuntergestoßen habe, gibt er vor Gericht an: "Ich konnte mich nicht kontrollieren, das war nicht ich." Gegenüber der Polizei hatte er erklärt, dass der Mann laut Luft durch die Nase eingezogen habe, "und so hat er gezeigt, dass er gewusst hat, dass ich zu Hause geweint habe".

Das Überwachungsvideo zeigt, dass der 20-Jährige das Opfer unmittelbar, bevor der Zug herannaht, auf die Gleise stieß. Noch fatalere Folgen konnten wohl nur verhindert werden, da die Tat sich an der vordersten Spitze des Bahngleises in Fahrtrichtung ereignete und der Zug daher nur mehr mit einer stark eingeschränkten Geschwindigkeit unterwegs war.

"Es gibt Hoch und Tiefs", beschreibt I. seinen Zustand seit der Tat. Der Mann ist auf einen Rollstuhl angewiesen, derzeit befindet er sich in Rehabilitation. Die Schmerzen seien überschaubar, er habe jedoch mit den psychischen Folgen zu kämpfen. Daher befindet er sich nun in Therapie.

Tränenreiche
Entschuldigung

"Darf ich was sagen?", mischt sich der 20-Jährige ein. "Er möchte sich entschuldigen. Legen Sie Wert darauf?", fragt Andreas Hautz, der vorsitzende Richter, das Opfer. Der Mann steht mühevoll vom Sitz auf, bereit, die Entschuldigung zu akzeptieren, woraufhin der 20-Jährige ihn umarmt und unter Tränen um Vergebung bittet.

Laut Wörgötter litt der 20-Jährige während des Tatzeitpunktes unter einer akuten Psychose, daher sei er zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig und nicht schuldfähig gewesen. Aufgrund der Tat und der Gefährlichkeit des Mannes empfiehlt sie dessen Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Die Geschworenen folgen dieser Empfehlung. Ihre Entscheidung fällt einstimmig aus.

Wer zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig ist, handelt nicht schuldhaft - und kann daher nicht bestraft werden. In einem solchen Fall ist aber die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher möglich (§ 21 Abs 1 Strafgesetzbuch). Zwei Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein. Einerseits muss der Rechtsbrecher eine entsprechende Anlasstat begangen haben. Dazu zählen Taten, die mit einer ein Jahr übersteigenden Freiheitsstrafe bedroht werden.

Andererseits muss eine Gefährlichkeitsprognose bestehen, dass der Rechtsbrecher eine mit Strafe bedrohte Handlung mit schweren Folgen begehen könnte. Die Unterbringung erfolgt auf unbestimmte Zeit. Sie dauert an, solange die besondere Gefährlichkeit weiter besteht.