Der Wiener murrt gerne. Die Straßenbahn ist ihm zu langsam, das Wetter zu schlecht, das Wartezimmer zu voll. Zwei Stunden hätte er gestern beim Hausarzt gewartet, erzählt Herr Koller seinem Nachbarn im Stiegenhaus. "Ein Wahnsinn, ich hab gar keinen Sitzplatz bekommen."

Das Suderantentum der Stadtbewohner ist auch jenseits der Landesgrenzen berühmt. Dort schmunzelt man über die Unzufriedenheit der Wiener. Hat Wien in Wahrheit doch meist die Nase vorn. Doch wie ist es wirklich um das Wiener Gesundheitssystem bestellt? Am Donnerstag präsentierte die Wiener Ärztekammer den ersten Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport. Er soll eine Bestandsaufnahme der Situation in den Krankenhäusern und Praxen der Stadt liefern.

Das Ergebnis: Das Gesundheitssystem funktioniert. Noch! Mit 45 Krankenanstalten und rund 5300 niedergelassenen Ärzten ist die Bundeshauptstadt grundsätzlich gut aufgestellt. Ob das so bleibt, ist ungewiss. Denn die Hürden für das System werden höher und höher. Ohne Korrektur droht es zu kippen.

Viele alte kranke Menschen

Das liegt vor allem am demografischen Wandel. Die Einwohnerzahl steigt. 2026 soll Wien die Zwei-Millionen-Marke knacken. Gleichzeitig nimmt die Lebenserwartung zu. In den vergangenen 40 Jahren stieg sie bei Frauen um 7,8 Jahre, bei Männern sogar um 10,1 Jahre. Neugeborene Mädchen können heute damit rechnen, über 82 Jahre alt zu werden, Buben über 78. Kurz: Wir werden immer mehr und immer älter.

Viele alte Menschen bedeutet auch viele Patienten und Pflegefälle. "Die letzten beiden Jahre des Lebens verursachen höhere Gesundheitsausgaben als die gesamten vorangegangenen Lebensjahre", sagt Bernhard Felderer, ehemaliger Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS), der den Report wissenschaftlich begleitete. Das stellt die Wiener Gesundheitsversorgung vor eine gewaltige Herausforderung. Um die zu meistern, gibt es laut Kammer momentan zu wenig Personal. Deshalb fordert der Wiener Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres mehr Ärzte. Konkret geht es um 300 zusätzliche Kassenärzte sowie 300 zusätzliche Spitalsärzte. Laut Report wären bis 2030 etwa zusätzlich 20 Prozent mehr Internisten nötig, um die demografische Veränderung zu stemmen.

Überfüllte Notaufnahmen

Das geforderte Mehr an Kassenärzte soll auch den Krankenhäusern helfen. Ihre Notfallambulanzen werden regelrecht gestürmt. Denn die Leistungen im niedergelassenen Bereich werden von vielen Patienten als geringer erlebt. Hat der Hausarzt zu, fahren sie sowieso ins Krankenhaus. Vor allem an Wochenenden drängen die Menschen in die Ambulanzen. Sie sind voll. Die Wartezeit beträgt oft Stunden. Die Ärztekammer fordert deshalb allgemeinmedizinische Akutordinationen für alle Wiener Spitäler. Sie sollen vom Ärztefunkdienst betrieben werden und vor allem die Notaufnahmen entlasten. Denn viele ihrer Patienten gehören eigentlich zum Kassen-Hausarzt. Diese werden statt mehr, jedoch seit Jahren weniger. Gab es 2010 noch 1741 Kassenärzte in Wien, waren es 2018 nur noch 1590.