Wien. Mit einem Lächeln spulte Eliud Kipchoge die letzten 400 Meter ab und wurde im Ziel von seiner Gattin Grace, seinem Coach Patrick Sang und den Schrittmachern begeistert empfangen. Der Kenianer war am Samstagvormittag in Wien einen Marathon in 1:59:40,2 Stunden gelaufen und damit als erster Mensch unter der 2-Stunden-Schallmauer geblieben.

Damit sicherte sich der 34-Jährige einen Platz in den Geschichtsbüchern des Sports. "Das Finish war der beste Moment meines Lebens", jubelte Kipchoge. Die Anspannung sei in den Tagen vor dem Bewerb größer geworden. "Als mich der Präsident Kenias und andere wichtige Personen angerufen haben, stieg der Druck", gab der Lauf-Star aus dem Hochland Kenias zu.

"War zu 90 Prozent sicher, dass es klappt"

Doch im Rennen war der Olympiasieger von Rio 2016 ruhig wie immer. "Ich habe versucht, genau nach Plan zu laufen, ich war mir zu 90 Prozent sicher, dass es klappt", betonte Kipchoge.

In der eigens für ihn organisierten Konkurrenz auf der Prater-Hauptallee, der "Ineos 1:59 Challenge", setzte Kipchoge dank akribischer Vorbereitung den ersten Schritt in eine neue Dimension des Marathonlaufs. Beim ersten Versuch vor zwei Jahren in Monza um 26 Sekunden gescheitert (2:00:25), klappte im herbstlichen Wien alles perfekt. "Die Erfahrung war wichtig. Ich habe meinen Traum realisiert", freute sich der dreifache Familienvater, der mit kenianischer Fahne eine Ehrenrunde drehte und mit den zahlreichen Zuschauern abklatschte.

2:50 Minuten pro Kilometer

Er wolle Geschichte schreiben und zeigen, dass es für keinen Menschen Leistungsgrenzen gebe, hatte Kipchoge im Vorfeld erklärt. Am Samstag trat er den Beweis an und spulte die 42,195-km-Distanz wie ein Uhrwerk ab. 2:50 Minuten pro Kilometer war die Zielzeit, die der dreifache Familienvater hinter den in V-Form laufenden Schrittmachern mit wenigen Sekunden Plus oder Minus exakt einhielt.

"Ich habe mich ab dem ersten Kilometer wirklich komfortabel gefühlt.. Dafür habe ich die letzten viereinhalb Monate trainiert", sagte Kipchoge. "Es war in meinem Herzen und in meinem Geist, dass ich einen Marathon unter zwei Stunden laufen kann und zu zeigen, dass kein Mensch limitiert ist." In der Nacht war er nach sechs Stunden Schlaf schon um drei Uhr aufgewacht und um fünf Uhr aufgestanden. "Die Zeit zwischen 5 und 8:15 Uhr (der Startzeit, Anm.) war die härteste meines Lebens", meinte der erfolgreichste Marathonläufer der Welt.

Hinter einem Auto, das exakt die angepeilte Marke von 2:59:50 Stunden vorgab und eine Laser-Linie auf den frisch verlegten Asphalt projizierte, und von fünf wechselnden Pacemakern (aus einer Gruppe von insgesamt 36 Topathleten) auf der orange markierten Ideallinie geführt sowie von einem Fahrrad von seinem Manager Valentijn Trouw mit Getränken versorgt, lief der 52 kg leichte Olympiasieger von Rio 2016 scheinbar mühelos die bisher schnellste Zeit.

Diese wird aber trotz der bei ihm und den Schrittmachern im Vorfeld und nach dem Bewerb durchgeführten Dopingkontrollen vom Weltverband nicht als Weltrekord anerkannt. Diverse Faktoren (kein offizielles Rennen, wechselnde Schrittmacher, fliegende Versorgung unterwegs) entsprachen nicht dem Reglement. Die offizielle Bestmarke hat Kipchoge jedoch seit dem Berlin-Marathon 2018 mit 2:01:39 Stunden auch in seinem Besitz.

Das Vorhaben in Wien war nicht unumstritten, der Ablauf mit zahlreichen wechselnden Pacemakern rief auch Kritiker auf den Plan. Doch Kipchoge rückte sein großes Ziel in den Vordergrund. #nohumanislimited (kein Mensch hat Grenzen) lautete sein Motto. Mit dem Erfolg wolle er vielen Menschen ein Vorbild sein, betonte er stets.

Die Klasse Kipchoges, der in Tokio 2020 erneut Olympia-Gold nachjagen wird, ist ohnehin unbestritten. 2003 hatte er mit 18 Jahren vor den Favoriten Hicham El Guerrouj (MAR) und Kenenisa Bekele (ETH) WM-Gold über 5.000 m geholt. Nach dem Wechsel auf die Marathon-Distanz 2013 gewann er zehn von bisher elf bestrittenen Stadt-Marathons und eroberte zudem Olympia-Gold. (apa)