"Chefin" Anna Karrer (r. vorne) mit Freiwilligen erstellt jenseits von Gefängnismauern Österreichs letzte Häftlingszeitschrift. - © P. Vécsei
"Chefin" Anna Karrer (r. vorne) mit Freiwilligen erstellt jenseits von Gefängnismauern Österreichs letzte Häftlingszeitschrift. - © P. Vécsei

Wien. Mehrheitlich junge Frauen haben bei Österreichs ältester noch bestehender Häftlingszeitung "Blickpunkte"  das Heft in die Hand genommen. Keine der Macherinnen ist über 30 Jahre alt und saß jemals im Gefängnis. Im Gegenteil - das Team um Chefredakteurin Anna Karrer wird von höchst honorigen Redakteur(innen) gebildet. Alle haben "ordentliche" Zivilberufe in der Jus- oder Marketingwelt und stellten sich in den Dienst einer guten Sache.

"Wir wollen den Häftlingen weiter eine Stimme geben, weil sie sonst keine mehr nach außen haben," sagt Karrer. Denn die "Blickpunkte", vor 25 Jahren in der Strafanstalt Mittersteig gegründet, dürfen aufgrund ministerieller Weisung seit 2016 de facto nicht mehr in der Haft hergestellt werden. Bis dahin planten, schrieben und gestalteten Häftlinge selbst die Ausgaben.

Möglich machte das eine kleine Gruppe engagierter Strafvollzugsbeamter unter Kommandant Rudolf Karl. Die Herausgabe der Zeitung sollte eine sinnvolle Beschäftigung im Gefängnisalltag ermöglichen. Die ursprüngliche Idee kam vom Gefängnispsychiater Patrick Frottier. Der wollte für seine Schützlinge ein Ventil schaffen. "Mir war es nicht so wichtig, ob alles, was drinnen steht, wahr ist, sondern dass es geschrieben werden darf."

Konflikte waren also vorprogrammiert. Die Anstaltsleiterin mutierte bald zu einer Gegnerin des Projektes. Der gesamte Apparat des Strafvollzugs schien zu erzittern, als die Redakteure grundsätzliche Kritik am Maßnahmenvollzug abdruckten. Dabei hatten sie bloß die Expertenbeiträge einer öffentlichen Tagung widergegeben. Seither wurde mehrmals versucht, die Zeitung abzudrehen, die inzwischen sogar Preise gewonnen hat.

Frottier arbeitet heute bei der Stadt Wien. Rudolf Karl steht vor der Pensionierung. Als Rettungsteam fand sich die heutige Redaktion, die mit dem Verein "SiM" die Blickpunkte am Leben erhalten will. Dieser Tage wurde mit der neuen Ausgabe das 25-Jahr-Jubiläum gefeiert. 40 zahlende Abonnenten (25 Euro im Jahr) gibt es schon. Karrer "könnte noch einige brauchen."