Ich komme seit Jahren hierher. Am liebsten würde ich hier arbeiten", sagt der junge Mann in der Schlange. Unter dem Arm hat er etliche DVDs. Gegenüber von der Budel, im Eck, sitzen sechs Männer höheren Alters in internationale Zeitungen vertieft. Zwei Kinder ziehen ihre Mutter in Richtung Kinderecke. Sessel und Tische sind - so weit man sehen kann - alle belegt: Stoßzeit im zweiten Stock am Urban-Loritz-Platz; in der städtischen Hauptbücherei, die mehr macht, als nur Bücher zu verleihen. Einen Stock tiefer sitzt Elke Bazalka in ihrem Büro. Die Direktorin der Büchereien Wien hat freien Blick auf die unter ihr schnellende U-Bahn, aber auch auf den Leopoldsberg. Dieser Tag ist nach ihrem Geschmack.

"Am meisten freut es mich, wenn ich sehe, dass die Bücherei voll ist", sagt Bazalka. Grund zur Freude hat die Direktorin ziemlich oft. Denn die Bücherei und ihre 39 Zweigstellen sind sehr beliebt. "Es gibt ja diesen dritten Ort, den man neben Beruf und Zuhause hat. Das kann ein Café sein, ein Einkaufszentrum, aber auch eine Bücherei." Vorteilhaft ist da, dass der Büchereibesuch gratis ist. Hier wird Schach gespielt, Kaffee getrunken, hier werden Hausaufgaben gemacht. "Viele Leute kommen einfach nur, um die Zeitung zu lesen. Wir haben Bereiche, wo man sich mit Freunden treffen kann, aber natürlich haben wir auch eine ,Pst-Zone‘, wo gelernt wird."

10.000 Veranstaltungen

Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Wien öffentliche Bibliotheken geschaffen, um das Volk zu bilden. Diesen Auftrag haben die Büchereien Wien bis heute. Nicht nur passiv, als Entlehnort für Bücher, sondern auch aktiv, über Lesungen, Vorstellungen, Ausstellungen, Diskussionsrunden oder sogar als Open-Air-Kino im Sommer. Rund 10.000 Veranstaltungen, machen die Büchereien Wien jährlich. Der Fokus: Kinder und Integration.

"Wir sind überzeugt davon, dass Kinder nicht früh genug mit Büchern in Berührung kommen können", erklärt Bazalka. Die nackten Zahlen unterstreichen die Strategie: Die absolut meisten Nutzer der städtischen Büchereien sind zwischen 11 und 20 Jahre alt, gefolgt von den 0- bis 10-Jährigen (siehe Grafik). Und: Es sind mehrheitlich Frauen und Mädchen.

"Wir versuchen, alle zu erreichen, und das geht am besten über Kindergärten und Schulen", sagt Bazalka. In jeder Gruppe, in jeder Klasse, die eine der Büchereien besuchen, gebe es ein, zwei Kinder, die am Nachmittag mit ihren Eltern wiederkommen, weil es ihnen so gefallen hat. "Es gibt Familien, in denen Bücher nicht vorhanden sind, und dann gibt es jene, die ohnedies schon bildungsaffin sind und mit ihren Kindern wegen des großen Angebots zu uns kommen." Auf der einen Seite der Hauptbücherei ist der 15. Bezirk, der den höchsten Migrantenanteil in Wien hat, auf der anderen Seite ist der 7. Bezirk mit hoher Akademikerquote. "Bei uns treffen sich alle", sagt Bazalka.