Sei ein Ehrenmann und halt deine Beine zam!", heißt es in einer neuen Social-Media-Kampagne der Wiener Linien. Weil sich viele Fahrgäste nämlich oft zu breit machen auf ihren Sitzen. "Man Spreading" lautet der Fachterminus für dieses Verhalten. Die Kampagne an sich ist gemessen an interessierten Usern äußerst erfolgreich - handelt es sich doch bereits jetzt um das meistdiskutierte Social-Media-Posting dieses Halbjahres. Was es mit dem "Man Spreading" wirklich auf sich hat, erklärt der Soziologe Christopher Schlembach von der Uni Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung":Hat das "Man Spreading" Ihrer Meinung nach einen biologischen oder einen soziologischen Hintergrund?

Christopher Schlembach: Aus der Entwicklungsperspektive gesehen bin ich mir sicher, dass Sozialisation ganz stark Geschlechterrollen prägt. Dass in unserer Gesellschaft Männer expressiv und dominant sein dürfen und Frauen eher zurückhaltend sein sollten, ist etwas, das man schon als ganz kleines Kind lernt.

Christopher Schlembach arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Soziologe der Universität Wien im Bereich Kultur und Wissen. Privat - © privat
Christopher Schlembach arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Soziologe der Universität Wien im Bereich Kultur und Wissen. Privat - © privat

Dann ist "Man Spreading" also etwas rein Geschlechterspezifisches?

Geschlechterspezifisch ist, dass Buben anders erzogen werden als Mädchen. Das ist aber immer eine schwierige Diskussion, ob das nun etwas Biologisches ist, dass die Männer dominant sein müssen, um evolutionär erfolgreicher sein zu können - es geht hier immer um sehr spekulative Überlegungen. Aber man weiß aus der Sozialisationsforschung, dass bereits im Kindergarten die Mädchen im Austragen von Konflikten viel kommunikativer sind und über Netzwerke agieren - man könnte sagen intrigieren -, während die Buben Konflikte mehr körperlich austragen und schnell einmal hinhauen.

Ich selbst bin Vater zweier Söhne, habe ihnen aber nie gezeigt, dass das Hinhauen ein Weg ist, um Konflikte zu lösen.

Das wird den Kindern nicht vorexerziert, es geschieht viel subtiler. So wird etwa generell bei Mädchen anders sanktioniert als bei Buben. Wenn Mädchen zu raufen beginnen oder körperlich werden, dann gehen die Eltern anders damit um, als wenn das Buben tun. Und bereits das prägt die Kinder. Es gibt aber auch Sozialisationsforscher, die meinen, dass das sehr wohl biologische Ursachen hat - und es nicht nur um Sozialisation alleine geht.

Ist das eine Meinung, die auch Sie vertreten würden?

Ich kann damit wenig anfangen, weil man das schwer beweisen kann. Es sind ja nicht nur die Eltern, die da wirken, sondern auch die Gleichaltrigen, mit denen man interagiert, die Betreuungspersonen, die Öffentlichkeit, durch die man sich bewegt.