Und was geschieht konkret beim "Man Spreading"?

Im Grunde genommen geht es darum, sich Raum zu nehmen. Es ist ein Territorialverhalten.

Aber kann das nicht auch biologische Gründe haben, wenn sich Männer breitbeinig hinsetzen? Ich selbst finde es unangenehm, beim Sitzen die Knie aneinander zu drücken, weil ich mir dann die Hoden einklemme.

Wenn es um "Man Spreading" geht, müssten Sie so große Hoden haben wie in der Folge der TV-Serie "South Park", wo die Männer aufgrund einer Erkrankung mit ihren Hoden Sackhüpfen spielen. Solche Dimensionen bräuchte man da, um das "Man Spreading" zu erfüllen.

Also ganz breites Sitzen?

Ja, da wird auch ein sehr expressives Verhalten mitkommuniziert, das verdeutlichen soll: Das ist mein Revier. Da steckt aber oft Unsicherheit dahinter. Macho-Männer sind generell oft unsicher und versuchen sich mit so einem Verhalten zu versichern, dass sie starke Figuren sind.

Und das machen ausschließlich nur Männer?

Nein, Frauen machen das genauso, aber anders.

Sie meinen das "She-Bagging"?

Genau. Die Frau stellt die Handtasche neben sich - und es werden keine Anstalten gemacht, sie wegzuräumen, wenn sich jemand anderer hinsetzen will. Die Methode ist hier, den Blickkontakt zu vermeiden. Sie starrt hartnäckig aus dem Fenster oder ins Leere und vermeidet so den Augenkontakt zu anderen. Der Blickkontakt könnte nämlich als Bereitschaft gedeutet werden, den Platz neben sich freimachen zu wollen. Mit dem Wegschauen wird diese Interaktion verweigert und signalisiert, dass man keinen Sitznachbarn wünscht.

Aber ist körpersprachlich gesehen ein Öffnen der Beine nicht auch ein Signal für Offenheit gegenüber anderen?

Auch hier wird geschlechterspezifisch unterschiedlich kommuniziert. Es wird einfach anders interpretiert, wenn ein Mann breitbeinig dasitzt oder wenn es eine Frau tut. Beim Mann könnte es als Macho-Gehabe aufgefasst werden, bei Frauen vielleicht als unsittlich. Aber das ist reine Sozialisation. Eine Art Sprache, die kulturell vermittelt ist.

Ist so eine Kampagne mit dem Spruch "Sei ein Ehrenmann und halt deine Beine zam" in der Lage, einen Umerziehungsprozess in Gang zu setzen, sodass die Menschen empathischer werden?

Solche Erziehungsmaßnahmen funktionieren meistens nicht. Aber es wurde immerhin ein öffentlicher Diskurs entfacht, weil es doch ein sensibles Thema ist, das ein bisschen mit Tabu behaftet ist - und es hat auch durchaus eine ironische Komponente, weshalb das Thema zumindest ins Bewusstsein der Menschen gehoben wird. Dass es dadurch eine Verhaltensänderung geben wird, glaube ich nicht. Bei den Zigarettenpackungen haben die Horrorfotos auch nicht dazu geführt, dass die Menschen zu rauchen aufhören. Es wurden vielmehr Wege gesucht, um diese Bilder zu bedecken. Also ist es nicht falsch, so etwas zu machen, aber man läuft Gefahr, "Moral Panics" zu erzeugen, wie es Kriminologen bezeichnen.