Rettung aus dem Osten

Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Alle jubelten, außer die Wiener. Dabei profitierte die Stadt am meisten.

von Matthias Winterer

In Berlin tanzen Menschen auf der Mauer. In Sopron fallen sich Familien weinend in die Arme. In Klingenbach kappt Alois Mock den Eisernen Vorhang mit einem Bolzenschneider. Euphorie liegt in der Luft in diesem zweiten Halbjahr 1989. Nur in Wien nicht. Hier ist man erst einmal neidisch.

Der Wiener empört sich. Er will sein Geld zurück. Am zweiten Adventwochenende des Jahres 1989 kommt eine Viertelmillion Tschechoslowaken nach Wien. Mit Bussen und Autos reisen sie von Prag, Brünn, Pilsen an. Sie wollen den Westen sehen. Zum ersten Mal seit mehr als vierzig Jahren. Die Stadt Wien gibt die Öffis frei. Für zwei Tage sind sie gratis. Doch das gefällt den Wienern nicht. Hunderte Jahreskartenbesitzer verlangen am Montag den Gegenwert von zwei Tagen zurück.

An der Missgunst der Wiener prallt Weltgeschichte ab. Die Anekdote bringt die Haltung der Hauptstadt zur Öffnung des Ostens auf den Punkt. Man wollte das alles nicht. Man wollte seine Ruhe. Doch den Tusch, der mit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch die Welt hallte, konnte auch Wien nicht überhören. Der Herbst 1989 stieß eine Kettenreaktion an, an deren Ende eine neue globale Weltordnung stand. Die Sowjetunion existierte nicht mehr, der Ostblock war zerfallen. Europa vereint. Und Wien fand sich plötzlich im Herz des Kontinents wieder. Die Stadt war mit einem Schlag von der Peripherie ins Zentrum gerückt. Noch wollte sie die neue Rolle nicht annehmen. Noch begriff sie ihre Chance nicht. Missmutig registrierte sie den Lauf der Geschichte.

In Wien herrschte Kapitalismus statt Planwirtschaft. (© apa/Robert Jäger)

Doch die Öffnung des Ostens sollte Wien nachhaltig prägen. Das sterbende Dorf sollte zur Stadt werden. Wien wurde endlich international. Und zu der Metropole, die wir heute kennen. Bunt. Modern. Offen. All das verdankt sie dem Herbst 1989. All das war zunächst undenkbar.

"Wien, du tote Stadt"

Wien schlief in den 1980er-Jahren. Im hintersten Winkel Europas hatte man es sich gemütlich gemacht. 40 Autominuten vom Eisernen Vorhang entfernt, an der Grenze, die Europa durchzog und die Welt in Ost und West trennte, wo scharf geschossen wurde, dort schnarchte Wien vor sich hin. Eigenbrötlerisch. Kauzig. Grau. Geografisch so eingeschränkt wie im Weltbild.

Alles was neu war, lehnte man ab. Die Pläne des Architekten Hans Hollein für das Haas Haus am Stephansplatz stießen Ende der 80er auf Groll. Zu modern, zu wenig Biedermeier. Passt nicht ins Stadtbild. Als Alfred Hrdlicka sein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus 1988 auf dem Albertinaplatz enthüllte, stöhnte das Volk. Als "Heldenplatz" von Thomas Bernhard im selben Jahr im Burgtheater prämierte, hyperventilierte es. Kuhmist wurde vor dem Theater abgeladen. "Nestbeschmutzer" stand in der "Krone". Die Vergangenheit sollte die Gegenwart nicht stören. Der Status quo der gemütlichen Selbstzufriedenheit musste mit allen Mitteln verteidigt werden.

Wiens Straßen waren aschfahl, dreckig, leer. Die Menschen wurden in Unterführungen unter die Erde verbannt, während sich Opel Corsa, VW Käfer, Fiat Panda ohne Katalysatoren durch die Stadt schoben. Begegnungszonen gab es keine, Fußgängerzonen waren die Ausnahme. Lebensmittel kaufte man beim Konsum, Kleidung beim Schöps. Sein Vierterl trank man im Beisl. Aschenbecher, Kerze und Doppler am Tisch. Die Funken der langsam aufkeimenden Punk- und New-Wave-Subkulturen konzentrierten sich auf wenige Lokale, wie die Blue Box im 7. oder das U4 im 12. Bezirk. Der Rest der Ausgehszene war Beisl. Mit Falco hatte Wien genau einen internationalen Star. In Wien musste er allerdings erst sterben, um zu leben. "Das Schönste jetzt in Wien ist der Schnellzug nach Berlin", sang die Wiener Band Blümchen Blau. Und der Fotograf Michael Snoj schoss am Naschmarkt ein Foto - ein Punk in Lederjacke mit obligatorischem Schriftzug: "Wien du tote Stadt".

In den Wohnzimmern echauffierte man sich nicht über Kurt Waldheim und dessen Verharmlosung seiner Rolle im Nationalsozialismus, sondern über den World Jewish Congress (WJC), der Waldheim so flegelhaft angriff. Mit weißen Tennissocken am braunen Fliesentisch sah man Jörg Haider in den Abendnachrichten rassistische Reden schwingen. Der neue FPÖ-Chef baute die Kleinpartei zu einer breiten Protestbewegung aus - mit der Hilfe eines Feindbilds: des Ausländers.

Einkaufstouristen aus der Tschechoslowakei im Herbst 1989 in Wien. (© Harald Jahn)

Und der war es auch, den man in Wien nach der Wende so fürchtete. Bis dahin war man unter sich. Und so sollte es auch bleiben. 1981 waren knapp 93 Prozent der Wienerinnen und Wiener Österreicher. Vier Prozent waren jugoslawische Staatsbürger, 1,3 Prozent Türken. Der winzige Rest war vernachlässigbar. Die Gastarbeiterwelle war auf ihrem Zenit 1973 gebrochen. Gegen Ende der 80er verebbt sie endgültig. Viele Hackler aus Jugoslawien waren ohnehin längst eingebürgert. An die paar verbliebenen Ausländer hatte man sich gewöhnt. Sie waren nicht vergleichbar mit der Dystopie, die sich die Wiener durch die Grenzöffnung ausmalten. Fand die Aufnahme der Gastarbeiter im Rahmen von Programmen statt, befürchtete man nun ungebremste Flüchtlingsmassen.

63 Prozent waren dagegen

Das Institut für empirische Sozialforschung (Ifes) führte im September 1989 eine Umfrage durch. 63 Prozent der Österreicher empfanden die Zunahme der Migration nach Österreich als "ungünstig". 22 Prozent sahen sie positiv.

Tatsächlich kam es "zwischen 1989 und 1991 zu nahezu ungehinderten Zuzug nach Wien", wie der Sozialhistoriker Andreas Weigl schreibt. Der Eiserne Vorhang war gefallen, die österreichischen Betriebe brauchten Arbeitskräfte. Die Zahl der Gastarbeiter begann wieder zu steigen. Und hinter der südlichen Grenze des Landes herrschte Krieg. Viele Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien kamen nach Wien. Insgesamt stieg die Zahl der Wiener ohne österreichischen Reisepass von 1989 bis 1993 von 140.000 auf 220.000 um etwa 80.000 Menschen. Dieser Entwicklung schob die restriktive Zuwanderungspolitik 1993 den Riegel vor. Das sogenannte Aufenthaltsgesetz deckelte Neuanträge - die nun nur mehr im Ausland gestellt werden durften - mit einer eng bemessenen Quote.

Die Dystopie bleibt aus

Bis weit in die 2010er-Jahre setzte sich der Anstieg der ausländischen Bevölkerung nun gebremst fort. Die verstärkte Zuwanderung von 2012 bis 2017 mit rund 29.000 Menschen pro Jahr speiste sich weniger aus den Nachbarländern Österreichs. Die Migration aus den südosteuropäischen Ländern wurde zunehmend von jener aus dem EU-Ausland abgelöst. Heute haben 40,7 Prozent der Wiener eine ausländische Herkunft - haben also entweder keine Staatsbürgerschaft oder sind Staatsbürger, wurden aber nicht in Österreich geboren. Ihr Gros kommt aus dem ehemaligen Osten, Ex-Jugoslawien und der Türkei.

Zum Glück. Als ungeliebte Gäste empfangen, haben sie Wien gerettet. Die so gefürchtete Migration entpuppte sich als Heilsbringer. Die Ostöffnung öffnete nicht nur den Osten, sondern auch Wien. Die demografische Lage der Stadt - an der die Wiener so beharrlich festhalten wollten - war in Wahrheit ein Problem. Die Donaumetropole war längst keine mehr. 1986 lebten nur noch 1,4 Millionen Menschen in Wien - der tiefste Einwohnerstand im 20. Jahrhundert. Denn die Stadt war durch den Eisernen Vorhang von ihren traditionellen Zuwanderungsgebieten abgekoppelt. "Die 1970er- und frühen 1980er-Jahre, bildeten eine Schrumpfungsphase, in der sich die Bevölkerung um 100.000 Menschen verringerte", schreibt Weigl.

Die Wiener zeigten sich im Herbst 1989 nicht gerade erfreut über die Gäste aus dem Osten. (© Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com)

Die Wiener wurden aber nicht nur weniger, sie wurden auch älter. Die Fertilitätsraten waren im Keller. Im Jahr 1971 war Wien das bei weitem älteste Bundesland und mit einem Medianalter von 42 Jahren eine der ältesten Städte der Welt. Der Anteil der über 65-Jährigen lag bei knapp 20 Prozent.

Und die wenigen Alten lebten nicht mehr im Zentrum der Stadt. Wien hatte mit massiver Suburbanisierung zu kämpfen. Seit den 1960ern zog es die Bürger in die Randbezirke. Der Stadtkern leerte sich. In den 70ern lebten fast zwei Drittel der Wiener in der Peripherie.

Wenige alte Menschen in einer leeren Stadt also. Wäre der Eiserne Vorhang nicht gefallen, wären die Grenzen dicht geblieben, wäre Wien geradewegs in die Katastrophe gerannt. Ein Gedankenexperiment zeigt, wie schwerwiegend sie gewesen wäre.

Anne Goujon und Ramón Bauer vom Institute of Demography der Österreichische Akademie der Wissenschaften haben 2015 berechnet, wie sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt in den vergangenen 30 Jahren ohne Zu- und Abwanderung entwickelt hätte. Das Ergebnis ist erschreckend. Wien würde nicht wachsen. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 2010 hätte die Stadt nur 1,2 Millionen Einwohner gehabt, um 500.000 weniger als in der Realität. Auch die Altersstruktur wäre eine völlig andere gewesen. Jeder vierte Wiener wäre über 65 Jahre alt. Der Altersmedian würde bei 48 Jahren liegen. Die Spielplätze wären leer, die Altersheime voll. Unser Pensionssystem würde kippen. Die Innenstadt wäre leer. Die verwaisten Schaufenster mit Brettern vernagelt.

Doch es kam anders. Der abrupte geopolitische Umschwung in Europa brachte Wien zum Erblühen. Das älteste Bundesland ist das jüngste geworden. Der Altersdurchschnitt liegt bei 40,9 Jahren. Im Jahr 2027 wird Wien aller Voraussicht nach die Zwei-Millionen-Marke knacken. Die MA 23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik) geht davon aus, dass Wien um etwa 11.000 Menschen pro Jahr wachsen wird, mit leicht abnehmender Tendenz.

Und auch das Zentrum ist wieder belebt. Die Entleerung des Kerns wurde durch den Zuzug von Migranten gestoppt. "Im Zeitraum 1984 bis 1993 verlor die Zone etwa 75.000 inländische Bewohner, gewann allerdings 145.000 ausländische dazu", schreibt Weigl.

Freude im Nachtasyl

Die Lokalszene ist multikulturell. Die Kulturszene sowieso. Auf den Unis wird in unterschiedlichsten Sprachen debattiert. Es gibt polnische Buchclubs und ungarische Bands. Wien ist wieder zu dem geworden, was es einst war - ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen. In den Straßen der Stadt wurde schon immer Böhmisch, Ungarisch, Slowakisch gesprochen. Die Nowaks, Dolezals, Navratils der 80er-Jahre hatten das vergessen.

Während sie sich am Montag nach dem zweiten Adventwochenende 1989 über die Freigabe der Öffis empörten, wurde im Nachtasyl Bier getrunken. Das Lokal in der Stumpergasse im 6. Bezirk war so etwas wie "Ricks Café" im Filmklassiker Casablanca. Hier traf sich die tschechische Diaspora. Von Pavel Kohout bis Karel Schwarzenberg. Jiri Chmel hat es 1987 gegründet.

Als Gegner des kommunistischen Regimes hat er die Charta 77 unterzeichnet und musste aus seiner Heimat fliehen. Nach der Wende ist er geblieben. Das Nachtasyl gibt es immer noch. Es ist längst zum unverzichtbaren Teil des Wiener Undergrounds geworden. Tschechische Bands treten hier genauso auf wie österreichische. Ein Vorzeigebeispiel für Völkerverständigung. Und die Wende wurde hier selbstverständlich gefeiert. Wenigstens irgendwo in Wien.



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