In Berlin tanzen Menschen auf der Mauer. In Sopron fallen sich Familien weinend in die Arme. In Klingenbach kappt Alois Mock den Eisernen Vorhang mit einem Bolzenschneider. Euphorie liegt in der Luft in diesem zweiten Halbjahr 1989. Nur in Wien nicht. Hier ist man erst einmal neidisch.

Der Wiener empört sich. Er will sein Geld zurück. Am zweiten Adventwochenende des Jahres 1989 kommt eine Viertelmillion Tschechoslowaken nach Wien. Mit Bussen und Autos reisen sie von Prag, Brünn, Pilsen an. Sie wollen den Westen sehen. Zum ersten Mal seit mehr als vierzig Jahren. Die Stadt Wien gibt die Öffis frei. Für zwei Tage sind sie gratis. Doch das gefällt den Wienern nicht. Hunderte Jahreskartenbesitzer verlangen am Montag den Gegenwert von zwei Tagen zurück.

An der Missgunst der Wiener prallt Weltgeschichte ab. Die Anekdote bringt die Haltung der Hauptstadt zur Öffnung des Ostens auf den Punkt. Man wollte das alles nicht. Man wollte seine Ruhe. Doch den Tusch, der mit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch die Welt hallte, konnte auch Wien nicht überhören. Der Herbst 1989 stieß eine Kettenreaktion an, an deren Ende eine neue globale Weltordnung stand. Die Sowjetunion existierte nicht mehr, der Ostblock war zerfallen. Europa vereint. Und Wien fand sich plötzlich im Herz des Kontinents wieder. Die Stadt war mit einem Schlag von der Peripherie ins Zentrum gerückt. Noch wollte sie die neue Rolle nicht annehmen. Noch begriff sie ihre Chance nicht. Missmutig registrierte sie den Lauf der Geschichte.

In Wien herrschte Kapitalismus statt Planwirtschaft. - © apa/Robert Jäger
In Wien herrschte Kapitalismus statt Planwirtschaft. - © apa/Robert Jäger

Doch die Öffnung des Ostens sollte Wien nachhaltig prägen. Das sterbende Dorf sollte zur Stadt werden. Wien wurde endlich international. Und zu der Metropole, die wir heute kennen. Bunt. Modern. Offen. All das verdankt sie dem Herbst 1989. All das war zunächst undenkbar.

"Wien, du tote Stadt"

Wien schlief in den 1980er-Jahren. Im hintersten Winkel Europas hatte man es sich gemütlich gemacht. 40 Autominuten vom Eisernen Vorhang entfernt, an der Grenze, die Europa durchzog und die Welt in Ost und West trennte, wo scharf geschossen wurde, dort schnarchte Wien vor sich hin. Eigenbrötlerisch. Kauzig. Grau. Geografisch so eingeschränkt wie im Weltbild.

Alles was neu war, lehnte man ab. Die Pläne des Architekten Hans Hollein für das Haas Haus am Stephansplatz stießen Ende der 80er auf Groll. Zu modern, zu wenig Biedermeier. Passt nicht ins Stadtbild. Als Alfred Hrdlicka sein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus 1988 auf dem Albertinaplatz enthüllte, stöhnte das Volk. Als "Heldenplatz" von Thomas Bernhard im selben Jahr im Burgtheater prämierte, hyperventilierte es. Kuhmist wurde vor dem Theater abgeladen. "Nestbeschmutzer" stand in der "Krone". Die Vergangenheit sollte die Gegenwart nicht stören. Der Status quo der gemütlichen Selbstzufriedenheit musste mit allen Mitteln verteidigt werden.