Der "Schlachtenbildersaal" im Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen befindet sich unweit vom Verhandlungsraum der bisherigen Koalitions-Sondierer in der Wiener Himmelpfortgasse. Während aber Kurz, Kogler & Co. in demonstrativ kargem Raum ohne Bildnis ihr zeitweiliges Konklave abhalten, sind die Prunkräume in unmittelbarer Nachbarschaft mit wahren Prachtgemälden von unschätzbarem kunsthistorischen Wert ausgestattet.

Überwiegend sind im "Schlachtenbildersaal" Motive aus dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) dargestellt. In diesem hatte sich Prinz Eugen, wie schon davor in den Türkenkriegen, feldherrliche Meriten erworben. Sie sollten ihm ewigen Dank des "Hauses Österreich", der Familie Habsburg, einbringen.

Viel später residierten lange im Palais die österreichischen Finanzminister. Das Ressort fungiert auch heute noch als Besitzer des Gebäudes. Einer dieser Minister soll nach dem Ersten Weltkrieg ein besonderer Knauserer gewesen sein. Denn als man damals daranging, die wunderbaren Gemälde von Ignace-Jacques Parrocel zu restaurieren, soll der damit beauftragte Maler Sebastian Isepp aus Kärnten mit einem Teil seiner Honorarforderung "übrig geblieben" sein. Aus Rache soll er zunächst unbemerkt den Radlfahrer statt eines Meldereiters ins Bild gemalt haben. - So lautet jedenfalls eine Fama, die noch 1989 von der Amtswirtschaftsstelle des Ressorts gegenüber dem Autor bestätigt wurde.

Obwohl es 1706 noch gar kein Hochrad gab, ist inmitten des Getümmels des Gemäldes "Schlacht von Turin" ein Bote mit dem Radl da. Ob es sich dabei um einen Schabernack oder einen Racheakt eines späten Restaurateurs handelt, ist nicht restlos geklärt. Vom Maler des Originals aus der Barockzeit, Ignace-Jacques Parrocel, stammt der frühe Biker jedenfalls garantiert nicht. - © Finanzministerium
Obwohl es 1706 noch gar kein Hochrad gab, ist inmitten des Getümmels des Gemäldes "Schlacht von Turin" ein Bote mit dem Radl da. Ob es sich dabei um einen Schabernack oder einen Racheakt eines späten Restaurateurs handelt, ist nicht restlos geklärt. Vom Maler des Originals aus der Barockzeit, Ignace-Jacques Parrocel, stammt der frühe Biker jedenfalls garantiert nicht. - © Finanzministerium

Eine Version, die von der seriösen Kunsthistorikerin des Generalsekretariates im Ministerium, Isabelle Foglar-Deinhartstein, heute zumindest relativiert wird: "Die Geschichte ist jedenfalls so nirgends verbrieft."

Vom "Wiener Zeitung"-Autor Dietmar Grieser stammt eine andere Version. Für sein 2003 erschienenes Buch "Verborgener Ruhm - Österreichs heimliche Genies" (Amalthea) recherchierte er bei Koryphäen des Kunsthistorischen Museums und stieß auf diese Story: Der österreichische Restaurator Viktor Jasper (1848 bis 1931) soll gleichsam aus Jux und Tollerei den einsamen Radlfahrer ins Bild gesetzt haben. Möglicherweise wollte er dem rund um 1880 in Wien aufkommendem Hochrad ein zunächst unbemerktes Denkmal setzen. Schließlich soll Jasper selbst ein früher, begeisterter Radfahrer gewesen sein.

Inzwischen ist jedenfalls viel Wasser die Donau hinunter geflossen. Hunderttausende Biker haben wohl seither die Radrouten an beiden Seiten des Stromes passiert. - Und auch im Finanzministerium ging die Zeit weiter. Jetzt wird eben gerade Koalition verhandelt. Der Radler in der Himmpelfortgasse darf wohl weiter bis zum Ende aller Tage durch das Schlachtengetümmel von Turin 1706 strampeln. Wahrheit und Fake werden sich dabei mangels Zeitzeugen nicht mehr zweifelsfrei klären lassen.