Bewegung, die Felis-Rubey Kraft gibt: das Radfahren. In den ersten Jahren fährt sie klassische Botendienste. Schnell von Büro zu Büro. Wenig Zeit für Small Talk mit den Kunden. "Oft sehen sie dich auch nur mit dem Arsch an", sagt Felis-Rubey. "Ich bin voll wichtig für euch, aber Respekt, was ist das? Ich bin ja nur die grindige Botin." Klar, man schwitzt, ist draußen im Dreck und in der Nässe. Das sei schon etwas anderes, als geschniegelt im Büro zu sitzen. Radschuhe, Radshorts, Trikot, die kurzen Haare unter Kappe und Helm, so sieht Felis-Rubey Arbeitskleidung aus. Erst vor wenigen Monaten schlüpft sie in das rot-schwarze Trikot von Heavy Pedals und tauscht das schnelle Rad gegen behäbige Lastenräder. Klimaschonend radelt sie jetzt die sogenannte "Last Mile", jene Strecke, die sonst Kleintransporter in der Stadt fahren müssten.

50 Kilometer pro Tag

Sechs Stunden pro Tag, vier Tage die Woche, im Schnitt 50 Kilometer pro Tag, transportiert sie nun schwerere und größere Fracht. Oft Gemüse- und Obstkisten für Privathaushalte. "Ich bin jetzt Lastenwagenfahrerin", sagt Felis-Rubey mit einem Schulterzucken. Aber immerhin: 30 Biokisten seien auch 30 Adressen, die kein Auto anfahren muss.

Zurück von der Tour hat Felis-Rubey Kollegin, die heute die Disponentin macht, einen neuen Auftrag: Sie muss eine Mischmaschine aus dem Baumarkt holen. Dafür braucht sie das größte Lastenrad im Fuhrpark. "Nimm die neue Radkutsche." Für Felis-Rubey, die selbst vier Fahrräder besitzt, ist es die Jungfernfahrt mit dem dreirädrigen Lastenrad. 2,6 Meter lang und 60 Kilogramm schwer ist das Gefährt, das von hinten aussieht wie ein kleiner Pritschenwagen. Nur von vorne sieht man, dass ein Elektromotor und Felis-Rubey kräftige Beine für den Vortrieb sorgen.

Weil sie immer wieder vergisst, den Blinker auszuschalten, rumpelt Felis blinkend über Bodenschwellen, fährt auf Radwegen und vor einer Kolonne von Autos durch Seitenstraßen. Am Straßenrand zeigen Schulkinder und starren Mütter. Obwohl es immer mehr Lastenräder in Wien gibt und sogar die Post beginnt, Elektro-Lastenräder loszuschicken, ist der Anblick noch immer neu. Auch die Verkäufer im Bauhaus wundern sich, dass eine behelmte Botin nach der abzuholenden Mischmaschine fragt. Doch Felis-Rubey ist die Blicke gewöhnt. Sie hebt die Maschine auf die Ladefläche, blickt in ihren Stadtplan und beschließt, ein paar Meter gegen die Einbahn zu fahren, um den Weg zum nächsten Ziel abzukürzen. Manchmal müsse man eben abwägen, ob es sich lohnt, schneller zu sein.

Welt- und Europameisterin

Denn eines nervt Felis-Rubey sehr: dass sie mit dem Lastenrad nun langsamer unterwegs ist. Kein Wunder: Sie ist zweifache Welt- und dreifache Europameisterin der Fahrradkuriere. Heuer wurde sie bei den Wettkämpfen, die den Botenalltag simulieren erneut Europameisterin, "in der Klasse WTFNB, also Women/Trans/Femme/NonBinary". Sie sei ehrgeizig und wolle so viel gewinnen wie möglich. In der offenen Klasse, "mit Cis-Männern", wird sie Achtzehnte. "Darauf bin ich nicht stolz. Eigentlich hätte ich Top 10 sein müssen", sagt Felis-Rubey. "Das ist dieser andere Ehrgeiz."

Auch in der egalitären Boten-Community kämpfen Frauen um ihren Platz. Obwohl bei ihrem aktuellen Arbeitgeber anteilsmäßig sogar mehr Frauen arbeiten, gebe es noch immer deutlich mehr männliche Kuriere. Der Job sei anstrengend, dazu komme der Respekt vor dem Verkehr. Und: "Es ist nervig, wenn Männer raushängen lassen müssen, dass sie so harte Typen sind und das süße, kleine Prinzesschen sowieso niemals so hart sein wird." Die Szene wirke nach außen oft nach Rowdytum, nach Anarchisten der Straße, sagt Felis-Rubey. In Österreich aber, sei die Community eigentlich sehr gemütlich.