Rund hundert Kolleginnen und Kollegen würden derzeit als klassische BotInnen durch Wien radeln, schätzt Felis-Rubey. 50 davon kenne sie vom Sehen, 20 weitere kenne sie gut. Und dann gebe es natürlich die vielen Essenszusteller. Mehr als 600 fahren allein für den Marktführer Mjam. Die Community wäre den neuen KollegInnen offen, sagt Felis-Rubey. Aber es sei schwer, an die Leute heranzukommen. Viele würden einfach ihren Job machen und sich nicht mit der Szene identifizieren. Es gebe auch kaum Vernetzung zwischen den Zustellern. Gemeinschaftsorte, sagt Felis-Rubey, würde es bewusst nicht geben.

Miese Arbeitsbedingungen

"Damit sich die Leute nicht zusammentun und jeder weiter sein eigenes Süppchen kochen muss." Das ärgert Felis-Rubey. Mit den oft miserablen Arbeitsbedingungen und prekären Anstellungsverhältnissen in der Branche will sie sich nicht abfinden. Im Vorjahr gründet sie mit Verbündeten die BIKE, die Berufs Initiative der Kurier*innen und Essenszusteller*innen. Sie wollen Aufklärungsarbeit leisten und letztlich die Stadt autofreier machen. In Stadtzentren sollte gar kein Auto fahren, sagt Felis-Rubey. Am wichtigsten aber: soziale Absicherung für Botinnen und Boten. Die Idee sei, irgendwann ein Gütesiegel für Arbeitgeber zu haben. Felis-Rubey freut sich darüber, dass Gewerkschaft und Arbeitgeber kürzlich einen eigenen Kollektivvertrag für Fahrradzusteller ausgehandelt haben. Neben der Schweiz sei Österreich da weltweit Vorreiter in der Branche, so Felis-Rubey, die jedoch skeptisch ist: "Stellt sich die Frage, wie die Vorgaben dann exekutiert werden?" Und es sei problematisch, dass der Kollektivvertrag nur für angestellte Fahrer gelte, nicht für die vielen freien Dienstnehmer.

Neben mehr Botinnen und Boten, gibt es in Wien auch mehr Radfahrerinnen und Radfahrer. Im Jahr 2018 ist der Radverkehr, erfasst an 14 Zählstellen, um sechs Prozent angestiegen. "Das ist cool, aber auch nervig", sagt Felis-Rubey. Obwohl es immer mehr Radwege gibt - waren es Anfang der 1990er-Jahre nur 190, sind es aktuell 1346 Kilometer -, seien diese jetzt oft voll oder würden in die falsche Richtung befahren werden. Mit dem großen Lastenrad sei das dann problematisch. Laut Verkehrsclub Österreich sind 40 Prozent der privaten Autofahrten in Österreich kürzer als fünf Kilometer. Da wäre das Fahrrad oder Elektro-Fahrrad eine nahezu schadstofffreie Alternative. Doch damit mehr Menschen das Rad nutzen, brauche es weitere Verbesserungen bei der Fahrrad-Infrastruktur. Felis-Rubey sieht das auch so. Dass nicht noch mehr Wienerinnen und Wiener aufs Rad steigen, sagt sie, liege auch an der Angst. Das Problem: zu wenig Platz und rücksichtslose Autofahrer. Die Politik unternehme nichts zum Schutz der Radfahrenden. "Es gibt nicht mal einen Mindestabstand beim Überholen." So komme es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Felis-Rubey persönliche Schadensbilanz: ein gebrochener Finger, einige Gehirnerschütterungen. "Nichts Schlimmes. Glück im Unglück."

Botin der Achtsamkeit

"Als Radfahrerin muss ich meinen Platz behaupten", sagt Felis-Rubey, die ihre Touren an diesem Tag schneller als geplant erledigt und zum Ende der Schicht den kanistergroßen Akku der Radkutsche zum Aufladen in den blinkenden Ladeschrank hievt. "Es bringt nichts, wenn ich zwei Zentimeter an einem Auto vorbeifahre, um einem anderen Auto Platz zu machen. Ich muss selbst Abstand halten, um klar zu signalisieren: Ich bin Teil des Verkehrs, ich brauche meinen Raum." Und wenn die Autofahrer dann langsamer fahren müssen, dann sei das halt so.

Dieses Selbstverständnis würde leider vielen Verkehrsteilnehmern fehlen. Letztlich, sagt sie, gehe es darum, achtsam zu sein. Darum, zu schauen, wie man sich im Verkehr nach den eigenen Bedürfnissen bewegt, ohne dabei eine andere Person zu verletzen. "Ich kann nicht mit Scheuklappen sagen: Das ist mein Weg und ich fahre jetzt", sagt Felis-Rubey. "Diese Fähigkeit könnte man auch auf die Gesellschaft übertragen. Aber vielleicht ist das auch zu Hippie."