Es ist gerade so, als würde jede Pedalumdrehung Köpfe verdrehen und Münder öffnen. Als würde das Kurbeln nicht nur die Räder antreiben, sondern auch Hälse wenden und Kiefer klappen lassen. Wenn Orca durch die Straßen Wiens radelt, dann wundern sich Passanten, staunen Lenker. Und später an diesem sonnigen Mittwochnachmittag sollten die Augen noch besonders groß werden.

Zieh, zieh, ziiiieeeh! Unter den anfeuernden Rufen ihres Kollegen beschleunigt Clara Felis-Rubey ihr mattschwarzes Lastenrad im Wiegetritt die Zentagasse hinauf. Unter der kleinen Regenbogenflagge hat sie eben ein Paket auf die Ladeplattform vor dem Lenker geschnallt. "Campus Vienna Biocenter 1", steht auf ihrer Auftragsliste. Felis-Rubey muss nicht auf den abgegriffenen Stadtplan in ihrer Hüfttasche schauen, sie kennt den schnellsten Weg. Weil sie so viel unterwegs ist auf den Straßen, habe sie mittlerweile ein ganz anderes Gefühl für die Stadt und den Verkehr. Sie weiß, wo sie sich an Autos vorbeizwängen und in vollem Tempo um die Ecke schießen kann. "Botinnen und Boten", sagt Felis-Rubey mit einem Grinsen, "wir sind halt ganz, ganz wilde Typen."

Seit acht Jahren radelt Felis-Rubey nun selbst als Botin durch Wien. Erst pedaliert sie nur neben dem Studium. Zum körperlichen Ausgleich, wie sie sagt. Seit vier Jahren lebt die Literaturwissenschafterin und gelernte Buchhändlerin vom Fahrradfahren - und hört auf den Kurier-Namen Orca. Wegen der weiß-schwarzen Jacke, die sie damals trug. "Und weil es schon einen Panda gab." Der Name blieb, genauso wie die Freude am Botinnendasein. Das Beste daran: einfach mit dem Rad draußen zu sein. Mit dem Verkehrsfluss zu fließen, ihren Raum zu behaupten und in so viele verschiedene Welten blicken zu können.

Felis-Rubey, die eigentlich "kucken" sagt, wächst mit drei älteren Brüdern in der Kleinstadt Schwäbisch Hall, im Großraum Stuttgart, auf. Schon immer habe sie sehr viel gekämpft für ihren Raum, immer wollte sie anders sein, sagt Felis-Rubey. Vielleicht manchmal zu gewollt gegen den Strom. Als alle anfingen mit Rauchen, Kiffen und Saufen, seinen Sport und Musik ihre Drogen gewesen. Damals kämpft sie gegen Lehrer und darum, Fußballspielen zu dürfen, auch wenn die Eltern das nicht wollten. Sich zu bewegen und kreativ zu sein, das hätte ihr Kraft gegeben - bis heute, auch wenn die Kämpfe jetzt andere sind.

Kreativ sein, das heißt für Felis-Rubey: Schreiben. Vor allem Texte für Poetry Slams. Auf der Bühne wird die junge Frau, die sonst leise spricht und ihre Worte mit Bedacht wählt, laut. Sie wolle Menschen Mut machen, sich selbst auszuleben, abseits der Norm. "Ich ziehe den Hut vor denjenigen, die gegen den Strom schwimmen und ihren eigenen Weg wählen. Ich habe Proviant im Gepäck und verteile Energie, die den Mut schüren soll", schreibt sie in einem Text.

Bewegung, die Felis-Rubey Kraft gibt: das Radfahren. In den ersten Jahren fährt sie klassische Botendienste. Schnell von Büro zu Büro. Wenig Zeit für Small Talk mit den Kunden. "Oft sehen sie dich auch nur mit dem Arsch an", sagt Felis-Rubey. "Ich bin voll wichtig für euch, aber Respekt, was ist das? Ich bin ja nur die grindige Botin." Klar, man schwitzt, ist draußen im Dreck und in der Nässe. Das sei schon etwas anderes, als geschniegelt im Büro zu sitzen. Radschuhe, Radshorts, Trikot, die kurzen Haare unter Kappe und Helm, so sieht Felis-Rubey Arbeitskleidung aus. Erst vor wenigen Monaten schlüpft sie in das rot-schwarze Trikot von Heavy Pedals und tauscht das schnelle Rad gegen behäbige Lastenräder. Klimaschonend radelt sie jetzt die sogenannte "Last Mile", jene Strecke, die sonst Kleintransporter in der Stadt fahren müssten.

50 Kilometer pro Tag

Sechs Stunden pro Tag, vier Tage die Woche, im Schnitt 50 Kilometer pro Tag, transportiert sie nun schwerere und größere Fracht. Oft Gemüse- und Obstkisten für Privathaushalte. "Ich bin jetzt Lastenwagenfahrerin", sagt Felis-Rubey mit einem Schulterzucken. Aber immerhin: 30 Biokisten seien auch 30 Adressen, die kein Auto anfahren muss.

Zurück von der Tour hat Felis-Rubey Kollegin, die heute die Disponentin macht, einen neuen Auftrag: Sie muss eine Mischmaschine aus dem Baumarkt holen. Dafür braucht sie das größte Lastenrad im Fuhrpark. "Nimm die neue Radkutsche." Für Felis-Rubey, die selbst vier Fahrräder besitzt, ist es die Jungfernfahrt mit dem dreirädrigen Lastenrad. 2,6 Meter lang und 60 Kilogramm schwer ist das Gefährt, das von hinten aussieht wie ein kleiner Pritschenwagen. Nur von vorne sieht man, dass ein Elektromotor und Felis-Rubey kräftige Beine für den Vortrieb sorgen.

Weil sie immer wieder vergisst, den Blinker auszuschalten, rumpelt Felis blinkend über Bodenschwellen, fährt auf Radwegen und vor einer Kolonne von Autos durch Seitenstraßen. Am Straßenrand zeigen Schulkinder und starren Mütter. Obwohl es immer mehr Lastenräder in Wien gibt und sogar die Post beginnt, Elektro-Lastenräder loszuschicken, ist der Anblick noch immer neu. Auch die Verkäufer im Bauhaus wundern sich, dass eine behelmte Botin nach der abzuholenden Mischmaschine fragt. Doch Felis-Rubey ist die Blicke gewöhnt. Sie hebt die Maschine auf die Ladefläche, blickt in ihren Stadtplan und beschließt, ein paar Meter gegen die Einbahn zu fahren, um den Weg zum nächsten Ziel abzukürzen. Manchmal müsse man eben abwägen, ob es sich lohnt, schneller zu sein.

Welt- und Europameisterin

Denn eines nervt Felis-Rubey sehr: dass sie mit dem Lastenrad nun langsamer unterwegs ist. Kein Wunder: Sie ist zweifache Welt- und dreifache Europameisterin der Fahrradkuriere. Heuer wurde sie bei den Wettkämpfen, die den Botenalltag simulieren erneut Europameisterin, "in der Klasse WTFNB, also Women/Trans/Femme/NonBinary". Sie sei ehrgeizig und wolle so viel gewinnen wie möglich. In der offenen Klasse, "mit Cis-Männern", wird sie Achtzehnte. "Darauf bin ich nicht stolz. Eigentlich hätte ich Top 10 sein müssen", sagt Felis-Rubey. "Das ist dieser andere Ehrgeiz."

Auch in der egalitären Boten-Community kämpfen Frauen um ihren Platz. Obwohl bei ihrem aktuellen Arbeitgeber anteilsmäßig sogar mehr Frauen arbeiten, gebe es noch immer deutlich mehr männliche Kuriere. Der Job sei anstrengend, dazu komme der Respekt vor dem Verkehr. Und: "Es ist nervig, wenn Männer raushängen lassen müssen, dass sie so harte Typen sind und das süße, kleine Prinzesschen sowieso niemals so hart sein wird." Die Szene wirke nach außen oft nach Rowdytum, nach Anarchisten der Straße, sagt Felis-Rubey. In Österreich aber, sei die Community eigentlich sehr gemütlich.

Rund hundert Kolleginnen und Kollegen würden derzeit als klassische BotInnen durch Wien radeln, schätzt Felis-Rubey. 50 davon kenne sie vom Sehen, 20 weitere kenne sie gut. Und dann gebe es natürlich die vielen Essenszusteller. Mehr als 600 fahren allein für den Marktführer Mjam. Die Community wäre den neuen KollegInnen offen, sagt Felis-Rubey. Aber es sei schwer, an die Leute heranzukommen. Viele würden einfach ihren Job machen und sich nicht mit der Szene identifizieren. Es gebe auch kaum Vernetzung zwischen den Zustellern. Gemeinschaftsorte, sagt Felis-Rubey, würde es bewusst nicht geben.

Miese Arbeitsbedingungen

"Damit sich die Leute nicht zusammentun und jeder weiter sein eigenes Süppchen kochen muss." Das ärgert Felis-Rubey. Mit den oft miserablen Arbeitsbedingungen und prekären Anstellungsverhältnissen in der Branche will sie sich nicht abfinden. Im Vorjahr gründet sie mit Verbündeten die BIKE, die Berufs Initiative der Kurier*innen und Essenszusteller*innen. Sie wollen Aufklärungsarbeit leisten und letztlich die Stadt autofreier machen. In Stadtzentren sollte gar kein Auto fahren, sagt Felis-Rubey. Am wichtigsten aber: soziale Absicherung für Botinnen und Boten. Die Idee sei, irgendwann ein Gütesiegel für Arbeitgeber zu haben. Felis-Rubey freut sich darüber, dass Gewerkschaft und Arbeitgeber kürzlich einen eigenen Kollektivvertrag für Fahrradzusteller ausgehandelt haben. Neben der Schweiz sei Österreich da weltweit Vorreiter in der Branche, so Felis-Rubey, die jedoch skeptisch ist: "Stellt sich die Frage, wie die Vorgaben dann exekutiert werden?" Und es sei problematisch, dass der Kollektivvertrag nur für angestellte Fahrer gelte, nicht für die vielen freien Dienstnehmer.

Neben mehr Botinnen und Boten, gibt es in Wien auch mehr Radfahrerinnen und Radfahrer. Im Jahr 2018 ist der Radverkehr, erfasst an 14 Zählstellen, um sechs Prozent angestiegen. "Das ist cool, aber auch nervig", sagt Felis-Rubey. Obwohl es immer mehr Radwege gibt - waren es Anfang der 1990er-Jahre nur 190, sind es aktuell 1346 Kilometer -, seien diese jetzt oft voll oder würden in die falsche Richtung befahren werden. Mit dem großen Lastenrad sei das dann problematisch. Laut Verkehrsclub Österreich sind 40 Prozent der privaten Autofahrten in Österreich kürzer als fünf Kilometer. Da wäre das Fahrrad oder Elektro-Fahrrad eine nahezu schadstofffreie Alternative. Doch damit mehr Menschen das Rad nutzen, brauche es weitere Verbesserungen bei der Fahrrad-Infrastruktur. Felis-Rubey sieht das auch so. Dass nicht noch mehr Wienerinnen und Wiener aufs Rad steigen, sagt sie, liege auch an der Angst. Das Problem: zu wenig Platz und rücksichtslose Autofahrer. Die Politik unternehme nichts zum Schutz der Radfahrenden. "Es gibt nicht mal einen Mindestabstand beim Überholen." So komme es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Felis-Rubey persönliche Schadensbilanz: ein gebrochener Finger, einige Gehirnerschütterungen. "Nichts Schlimmes. Glück im Unglück."

Botin der Achtsamkeit

"Als Radfahrerin muss ich meinen Platz behaupten", sagt Felis-Rubey, die ihre Touren an diesem Tag schneller als geplant erledigt und zum Ende der Schicht den kanistergroßen Akku der Radkutsche zum Aufladen in den blinkenden Ladeschrank hievt. "Es bringt nichts, wenn ich zwei Zentimeter an einem Auto vorbeifahre, um einem anderen Auto Platz zu machen. Ich muss selbst Abstand halten, um klar zu signalisieren: Ich bin Teil des Verkehrs, ich brauche meinen Raum." Und wenn die Autofahrer dann langsamer fahren müssen, dann sei das halt so.

Dieses Selbstverständnis würde leider vielen Verkehrsteilnehmern fehlen. Letztlich, sagt sie, gehe es darum, achtsam zu sein. Darum, zu schauen, wie man sich im Verkehr nach den eigenen Bedürfnissen bewegt, ohne dabei eine andere Person zu verletzen. "Ich kann nicht mit Scheuklappen sagen: Das ist mein Weg und ich fahre jetzt", sagt Felis-Rubey. "Diese Fähigkeit könnte man auch auf die Gesellschaft übertragen. Aber vielleicht ist das auch zu Hippie."