Das Gehen ist für Anna Nitsch-Fitz beschwerlich. 90 Meter sind es von der Straßenbahnstation zu ihrem Kino. Drei Minuten Wegzeit, die sie nur mithilfe eines Stockes und eines Freundes bewältigen kann. "Ich bin gesundheitlich angeschlagen. Meine Beine spielen nicht mehr so mit", sagt sie. Das hält die 80-Jährige jedoch nicht davon ab, tagtäglich den Weg von ihrer Hietzinger Wohnung in die Breitenseer Lichtspiele in Penzing anzutreten. "Sollte ich es mal nicht schaffen, müssen die Vorführer die Karten verkaufen. So viel habe ich sie schon erzogen", lacht sie.

Anna Nitsch-Fitz lebt für das Kino. Es sei ihr zweites Wohnzimmer. "Jeder behauptet, dass ich mit dem Kino verheiratet sei. Und ich bin es auch." Seit 50 Jahren führt Nitsch-Fitz die Breitenseer Lichtspiele. Es ist das älteste durchgehend bespielte Kino der Welt, wie sie erzählt. Gegründet wurde es 1905 von Theresia und Eduard Guggenberger als Zeltkino, als reisendes Kino, das in Wien von Platz zu Platz gezogen ist - in der Inneren Stadt, im Prater, aber auch auf der Mariahilfer Straße. 1909 bekam das Kino in dem damals neu errichteten Wohnhaus in der Breitenseer Straße 21 in Penzing unter dem Namen Breitenseer Lichtspiele einen fixen Standort.

Ältestes Kino Wiens

1930 laufen die letzten Stummfilme, im selben Jahr wird die erste Tonanlage in Betrieb genommen. 1969 werden die Breitenseer Lichtspiele an Anna Nitsch-Fitz verkauft. Seit 1999 - mit der Schließung des Erika-Kinos im 7. Bezirk - ist es das älteste noch bespielte Kino Wiens.

Heute, 110 Jahre nach der Gründung, liegen in dem schmalen länglichen Kinosaal mit 168 Plätzen Sitzkissen für die Besucher bereit. Der Charme der alten klappbaren Kino-Holzstühle gepaart mit ein wenig Komfort. Es ist die Original-Einrichtung. "Seit ich das Kino vor 50 Jahren übernommen habe, habe ich kaum etwas verändert. Das Einzige, was neu ist, ist die Heizung." Die Zeit hat jedoch ihre Spuren hinterlassen. "Bei manchen Stühlen geht ein wenig der Lack ab oder die Leute kletzeln daran. Dann geben wir einfach ein Klebeband darüber", erklärt die Kinobesitzerin.

Anna Nitsch-Fitz ist im Kino aufgewachsen, sie hat ihre gesamte Kindheit vor und hinter der Kinoleinwand verbracht. Ihre Großmutter hat das Nußdorfer Kino in der Heiligenstädter Straße 161 im 19. Bezirk betrieben. Angehörige von Kinobesitzern durften die sogenannte Bolette machen, die Genehmigung, 35mm-Filme vorzuführen.

"Wenn meine Mutter Dienst hatte, habe ich im Garten des Kinos in der Sandkiste gespielt. Später durfte ich Kinderfilme wie ,Heidi‘ sehen, und als ich größer war, Karten abreißen und die Kasse übernehmen. So bin ich langsam ins Kinogeschäft hineingewachsen", erinnert sie sich.