Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Hunderttausende Krähen einen Winter sehr wohl. Brechen im Spätherbst die Temperaturen ein, ist der Wiener Himmel schwarz gepunktet. Saatkrähen bevölkern die Stadt. Sie hocken auf Kabelleitungen, ächzen in Baumkronen, hüpfen humpelnd über die Grabhügel der Friedhöfe. Dunkle Gesellen in einer vermeintlich morbiden Stadt. Die Ankunft der Krähen ist charakteristisch für den Spätherbst in Wien.

Es ist ein alljährliches Ritual. Mit dem Winter kommen die Krähen. Mit den Krähen kommen die Beschwerden. Dann schrillen die Telefone der Behörden. Bei der MA 22 (Umweltschutz), bei der MA 60 (Veterinärdienste und Tierschutz), bei der Wildtier-Hotline der MA 49 (Forst- und Landwirtschaftsbetrieb) mehren sich die Anrufe empörter Wiener. "Im Herbst trudeln die Klagen über die Krähen ein", sagt Barbara Reinwein, Sprecherin der MA 22. Auch Ruth Jily, Direktorin der MA 60, stimmt ein. "Die Krähe wird von vielen Menschen missbilligt." Eltern befürchten Attacken auf Kinder. Pensionisten stören sich am schnarrenden Krächzen. Kleingärtner sorgen sich um Blumenzwiebel. Jogger regen sich über durchwühlte Mistkübel neben der Laufstrecke auf. Belästigung, Invasion, Plage, schreit der Boulevard. In Wahrheit sind die Krähen nicht nur harmlos, sondern auch nützlich. Doch die Krähe hat ein Imageproblem.

Die Nebelkrähe hat einen grauen Rumpf. Kopf und Flügel sind schwarz. - © Wiener Wildnis
Die Nebelkrähe hat einen grauen Rumpf. Kopf und Flügel sind schwarz. - © Wiener Wildnis

Sie ist kein putziges Kätzchen. Sie hat keine samtenen Pfötchen. Sie kann nicht mit dem Kindchenschema punkten. Dunkles Gefieder, gebogener Schnabel, knöcherne Beine, bizarre Laute, kauernder Trippelschritt, stechender Blick. Krähen wirken beklemmend. Sie haben sich den Ruf des Unglücksvogels eingehandelt. Im Märchen bringen sie Tod, Verderben, Apokalypse. In Hitchcocks Horrorklassiker "Die Vögel" hacken sie den Menschen die Augen aus.

In Wien tun sie nichts dergleichen. Und sorgen trotzdem für Unmut. Auf dem Wilhelminenberg steigt eine Schar schwarzer Vögel flatternd in die Abenddämmerung. Eine Spaziergängerin zuckt zusammen. "Scheiß Raben", murmelt sie ihrem Begleiter zu. Die Raben sind keine Raben. Es sind Krähen. Raben gibt es in Wien nicht.

Wien, Stadt der Nebel- und Saatkrähen

"Aus dem städtischen Gebiet wurden Raben längst vertrieben", sagt Thomas Bugnyar. Der Biologe und Leiter des Departments für Kognitionsbiologie an der Universität Wien beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhalten von Raben und Krähen. "Wenige Paare von Kolkraben brüten in der Lobau." Krähen gibt es hingegen zuhauf. In Wien überwiegen vor allem zwei Arten - die Nebel- und die Saatkrähe.