Schnee ist in Wien traditionell schwarz. Es ist ein Phänomen. Sobald er gefallen ist, färben ihn Russ und Feinstaub binnen Minuten. Auf der Wienzeile, am Ring, auf der Praterbrücke, am Gürtel sowieso. Unter funkelnder Weihnachtsbeleuchtung stapfen Tausende im dunklen Matsch umher. Weihnachtlich glänzet der Schlick. Das Desaster ist allerdings überschaubar. Schnee zu Weihnachten ist in Wien - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - ausgeschlossen. Wurscht. In den Schaufenstern liegt ja eh Plastikschnee. Was braucht das Konsumentenherz mehr?

Einen Plastik-Deko-Weihnachtsmann auf einer Leiter vielleicht? Das siebzehnte Engerl? Einen leuchtenden Stern? Einen Pullover mit Elfen drauf? Rentierhörner zum Aufsetzen? Ein ironisches Trump-Häferl? Eine Kerze in Form eines Bären? Ein Glöckchen? Einen Holzspecht? Blinkende Schlapfen? Eine rote Zipfelmütze? Eine güldene Perücke? Nie ist die Ramschdichte höher als zur Weihnachtszeit. Nie werden mehr Dinge verkauft, die niemand braucht, als jetzt.

Zuflucht im Weidinger

Ein als Weihnachtskugel verkleideter Mensch verteilt Prospekte. Voller Mitleid - und doch angewidert - senkt man den Kopf. Nur nicht aufschauen. Nur keinen Blick auf die Auslagen erhaschen. Wahnsinn ist ansteckend. Lieber mit Scheuklappen durch den Advent gehen. Die Haube tief ins Gesicht gezogen. Ziel ist das Café Weidinger. Der Körper schreit nach Stärkung.

Hier könnte auch Herbst sein. Nichts deutet auf Weihnachten hin. Keine Weihnachtsdeko. Keine Weihnachtslieder. Kein Punsch. Nur Gulasch und ein Seidl Bier. Ein Lebenselixier, wie Wolfgang Ambros schon in den 1970er-Jahren wusste.

Im Weidinger könnte auch Herbst sein. - © Stanislav Kogiku
Im Weidinger könnte auch Herbst sein. - © Stanislav Kogiku

Das Weidinger ist ein Altwiener Kaffeehaus, wie es im Buche steht. Anders als Hawelka, Central, Prückel, Landtmann und der ganze Rest, wird es nicht von Touristen gestürmt. Es protzt nicht mit Kitsch und üppig ausstaffierten Stuckdecken. Es ist im perfekten Maß grindig. Schließlich liegt es auch am grindigen Gürtel, direkt neben der Lugner City. Es passt sich seiner Ottakringer Umgebung an. Ein bisschen abgefuckt, aber nicht zu sehr. Man könnte auch gemütlich sagen. Schwarze Holzvertäfelung. Tschick-gegerbte Tapete. Vorhänge genauso. Grau gepolsterte Bänke. Kleine Tische. Neben fehlenden Touristen und Prunk unterscheidet sich das Weidinger in einem weiteren wesentlichen Punkt von den berühmten Kaffeehäusern der Stadt. Refugium für Künstler, Literaten, Intellektuelle aller Art sind die doch nur noch in ihrer Marketingstrategie. Im Weidinger ist das noch immer so. Stefanie Sargnagel löffelt hier Leberknödelsuppe. Voodoo Jürgens diniert Haustoast.

Die Gäste spielen Schach und Billard, karteln, lesen ausgiebig Zeitung. Ins Weidinger geht man auch allein. Stundenlang an einem Spritzer nippen und sich hinter dem Zeitungsständer verstecken ist hier kein Problem. Genau das ist jetzt auch ratsam. Abgleiten in die Welt des Feuilletons. Weltnachrichten lesen. Sogar die Tiefebene der Innenpolitik ist erlaubt. Alles, was von der ausweglosen Situation ablenkt, ist willkommen. Denn auch wenn das Weidinger den gütigen Mantel der Verdrängung über seine Gäste ausbreitet, ist immer noch Weihnachten in Wien. Diese Realität muss mit allen Mitteln verweigert werden.