Ich kann nicht mehr", lesen 18 Kursteilnehmerinnen in ihren Seminarunterlagen. Und: "Ich schreibe Ihnen, weil ich nicht mehr weiter weiß." So beginnt eines der Beispiele, die Bettina Zehetner, psychosoziale Beraterin, in einem Workshop zu Online-Beratung im Verein "Frauen beraten Frauen" in Wien austeilt. In Kleingruppen sollen die Anwesenden nun überlegen, wie sie "Gabriele Maurer", so der anonymisierte Name der Ratsuchenden, antworten würden.

Der Workshop ist gut besucht, der Raum in der Altbauwohnung in der Seitenstettengasse in der City ist bis auf den letzten Stuhl besetzt. Die Teilnehmerinnen sind allesamt Frauen aus psychosozialen Einrichtungen; viele sind von weit her angereist, eine sogar aus Innsbruck. Denn Ausbildungen dieser Art sind rar. Zwar sprießen Online-Beratungsangebote momentan allerorts aus dem Boden; ausgebildet nach einem ganzheitlichen Ansatz, der sozialarbeiterische und juristische Kompetenzen beinhaltet, wird in Österreich jedoch derzeit nur im Rahmen eines mehrtägigen Kurses der Arge Bildungsmanagement in Wien.

Bei der schriftlichen Beratung greift laut Experten das "Nähe-durch-Distanz-Paradoxon". - © stock.adobe.com/Ralf Geithe
Bei der schriftlichen Beratung greift laut Experten das "Nähe-durch-Distanz-Paradoxon". - © stock.adobe.com/Ralf Geithe

Online-Beratung oft auf Nebentätigkeit degradiert

Bettina Zehetner, eine der Vorständinnen von Frauen beraten Frauen, weiß um diesen Mangel und um die Schwierigkeiten, die entstehen können, wenn unausgebildeten Personen gesagt wird, sie sollen doch "einfach zurückschreiben".

"Schriftliche Beratung braucht ganz eigene Kompetenzen und vor allem kontinuierliche Qualitätssicherung in Form von Supervision und/oder Intervision", weiß Zehetner, die selbst vor rund 14 Jahren noch einen EU-zertifizierten Lehrgang zu psychosozialer Online-Beratung am Institut für Freizeitpädagogik in Wien besuchte. Dieser wurde mittlerweile eingestellt.

Wer sich heutzutage besser qualifizieren möchte, muss ins Ausland ausweichen, etwa ins renommierte Institut für E-Beratung der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule, das auch jährlich einen Kongress zum Thema veranstaltet. Mit ihren Seminaren füllt Zehenter hierzulande also eine Lücke.

Dass es tatsächlich einiges an Reflexion und Übung braucht, um gut "beratend" schreiben zu können, zeigt das Beispiel von Gabriele Maurer. "Ich könnte mir vorstellen, dass sie bereits nahe dem Burn-out ist", sagt Regina Zsivkovits, Leiterin des Wiener Hebammenzentrums, in der Runde. Aus ihrer eigenen Arbeitserfahrung kennt sie genügend Frauen mit kleinen Kindern, die derartige Sätze schreiben würden. "Momentan antworten wir auf derartige Anfragen nur kurz per Mail und versuchen, die Frauen so rasch wie möglich dafür zu gewinnen, persönlich zu uns zu kommen," sagt Zsivkovits. Dies würde jedoch oft nicht klappen - der Verein plant daher die Lancierung eines Online-Beratungsangebots. Finanzierung und personelle Ausstattung stünden allerdings noch in den Sternen.