Was die Karrieredauer vor allem von Eiskunstläuferinnen betrifft, so sieht Kerstin Frank zwei Welten: Die einen setzen auf Langlebigkeit und Ausdauer, die anderen auf möglichst viel und raschen Erfolg: "In der Russen-Maschinerie - man kann es nicht anders bezeichnen - haben Elfjährige Sprünge drauf, von denen bei uns Fünfzehnjährige nur träumen können, dafür sind sie oft schon als Teenager körperlich kaputt." Und so legt die aktuelle Olympiasiegerin Alina Zagitowa - übrigens Marharytas großes Vorbild - schon jetzt mit gerade einmal 17 Jahren eine Wettkampfpause ein. Bei den Burschen ist es etwas anders: "Die nehmen überhaupt erst mit der Pubertät an Kraft zu."

Kerstin Frank selbst ist vergleichsweise lange gelaufen und hat erst 2018 mit 29 Jahren ihre aktive Karriere beendet. "Ich war in diesem Alter in Österreich Spitze und international im Mittelfeld", sagt die sechsmalige Staatsmeisterin, die bei den Olympischen Spielen 2014 dabei war.

"Man lernt, besser mit seinem Leben umzugehen"

Ein Problem sieht sie in den großen Altersdifferenzen in der Seniorenklasse. "Ich sehe lieber weibliche Formen auf dem Eis. Aber bei den Senioren treten Frauen gegen halbe Kinder an, und es ist halt doch auch Physik, da hat es ein 15-jähriger Mädchenkörper in vielen Belangen leichter." In Bezug auf Magersucht und Bulimie hat sie in den vergangenen Jahrzehnten zumindest innerhalb Europas (Russland nimmt sie hier aus) ein Umdenken festgestellt. "Natürlich schaut man auf das Gewicht, aber es muss in einem gesunden Bereich sein." Immerhin entspricht eine vierminütige Kür bei den Senioren einem 800-Meter-Sprint, "der Puls ist durchgehend bei 180". Eiskunstlauf ist ein Kraft-/Ausdauersport, der auch viel Koordination verlangt, "und dabei soll man auch noch graziös aussehen und lächeln". Gut 30 Prozent des Trainings finden abseits des Eises statt: in der Kraftkammer, mit Ballett- und Tanzübungen.

Marharyta trainiert derzeit sechsmal pro Woche je zwei Stunden, nur die Sonntage sind eislauffrei. Geht sich da überhaupt ein "normales" Schul- und Freizeitleben aus? Darüber muss ihre Trainerin lächeln: "Das ist mein Lieblingsthema. Viele haben Panik, dass Kinder, die Sport machen, im Leben etwas verpassen. Aber es ist absolut nicht so. Ich stimme das Training auf die Schule ab, umgekehrt werden sie auch mitunter vom Unterricht freigestellt." So wie jetzt, wo Marharyta die Europameisterschaft bei Graz besucht. Aus eigener Erfahrung sagt sie: "Man lernt, besser mit seinem Leben umzugehen und konzentrierter zu arbeiten. Mir hat der Sport sogar geholfen, vor Schularbeiten den Kopf freizubekommen. Er ist sicher nicht schuld an schlechten Noten. Und man lernt, mit Niederlagen umzugehen." So wie 2010, als sie vergeblich auf Olympia hoffte. "Dann habe ich erst recht vier Jahre weitergemacht - und bin tatsächlich 2014 nach Sotschi gefahren."

Bei Marharyta überwiegt aktuell der Spaß, auch wenn sie bekennt: "Manchmal ist es schon sehr anstrengend." Mit den Hausübungen zusätzlich zum Training kämpft sie mitunter. Ihre Freunde trifft sie in der Schule, zwischen den Einheiten oder sonntags. Weniger Training kommt für sie aber nicht in Frage: "Am 1. Februar ist ein Wettkampf, da muss ich mich ordentlich vorbereiten." Ehrgeiz hat die Zehnjährige also.