Eine vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografie. Die Häuserreihe im Hintergrund ist marode. Ein graues Zinshaus, schiefe Gründerzeitbauten, zugige Fenster, Rauchfänge aus Ziegeln. Es ist kalt. Vor einer feuchten Mauer spielen Kinder in dicken Mänteln. Die Wollhauben und Schiebermützen sitzen akkurat. Wien kurz nach der Besatzungszeit. Eine Aufnahme, wie unzählige andere auch. Fast. Denn im Zentrum steht ein futuristisches Gebilde. Eine Rutsche, wie aus dem Interieur von Stanley Kubricks "Odyssee im Weltraum". Und so wie Kubricks Monolith nicht in die Steinzeit passt, passt auch sie nicht ins triste Wien der 1950er-Jahre.

Das Foto wurde im Jahr 1958 in der Hamburgerstraße im 5. Bezirk - einen Steinwurf vom heutigen Café Rüdigerhof enfernt - geschossen. Es ist ein historisches Dokument. Denn es zeugt vom längst vergessenen Phänomen der sogenannten Spielplastiken. Einem Phänomen, das auch heute, 70 Jahre später, noch erstaunlich progressiv anmutet - in seinem Umgang mit öffentlichem Raum, Pädagogik und Kunst.

Objekte aus der Zukunft

In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre tauchten auf Wiens Straßen vermehrt seltsam abstrakte Gebilde auf. Wie Objekte aus der Zukunft standen sie zwischen Bombenruinen. Kuben, Kegeln, Kugeln. Sie zogen Kinder an. Denn die Kunstwerke hatten eine dezidierte Funktion. Sie sollten zum Spielen animieren. Sie waren Höhle, Rutsche, Klettergerüst und moderne Kunst in einem.

Hunderte sogenannte Spielplastiken wurden von Künstlern entworfen und gebaut. Eine aufgeschlossene Stadtregierung unter Bürgermeister Franz Jonas (SPÖ) hatte sie in Auftrag gegeben. Vor allem die Bildhauer Josef Seebacher-Konzut und Josef Schagerl gelten als die Pioniere der Wiener Spielplastik. Seebacher-Konzut baute rund 50, Schagerl rund 25 Stück. Auch die Rutsche in der Hamburgerstraße kommt aus seinem Atelier.

Der Pionier der Wiener Spielplastiken Josef Schagerl. - © Winterer
Der Pionier der Wiener Spielplastiken Josef Schagerl. - © Winterer

Das kann Schagerl von seiner Wohnung aus sehen. Vor wenigen Jahren musste er es räumen. "Ich sehe zu schlecht. Ich kann nicht mehr arbeiten", sagt er und nippt an einer Tasse Tee. Schagerl trägt Hemd und Hosenträger. Der kurze Vollbart ist feinsäuberlich gestutzt. Seine 96 Jahre sieht man ihm nicht an. Zeit seines Lebens war er hoch produktiv, schuf Skulpturen aus Stein, Bronze, Kupfer, Messing, Chrom-Nickel-Stahl, baute eine Kapelle in Niederösterreich um, legte Mosaike, fertigte den Grabstein Gustav Klimts - und eben Spielgeräte mit höchstem ästhetischem Anspruch.

"Etwa um 1953 kam Seebacher-Konzut zu mir und zeigte mir die Spielplastiken des Dänen Egon Möller-Nielsen. Er war einer der Ersten, der über moderne Kunst und die Erlebniswelten von Kindern nachdachte", sagt Schagerl. "Das wollten wir auch machen." Inspiriert von Möller-Nielson, schufen die beiden Freunde eigene Formensprachen. "Seebacher-Konzut entwickelte Geräte mit extrem hohem Abstraktionsgrad. Etwa begehbare Kugeln. Ich verwendete viele ornamentale Elemente", sagt Schagerl.