Im November haben wir über den Wiener "Drei-Tages-Bürgermeister" Rudolf Prikryl berichtet. Der war nach der Befreiung Wiens durch die Sowjets am 13. August 1945 mit zwei Stempeln schnurstracks ins Rathaus in die Räume des Bürgermeisters marschiert und hatte dort zu amtieren begonnen. Prikyrl stellte alle möglichen Genehmigungen aus. Nach drei Tagen, am 16. April, war das "Stadtoberhaupt" wieder aus dem Rathaus verschwunden.

Wiens "erster Bürgermeister" erwies sich privat als "Unglücksrabe". Er war fünfmal verheiratet und verstarb 1965 völlig verarmt in einem Heim. Ein unkenntliches Ehrengrab bei der Feuerhalle nächst dem Zentralfriedhof ist, was letztlich von ihm blieb.

Auf unseren Bericht meldeten sich überraschend in der Redaktion eine Stieftochter Prikryls sowie der Historiker Manfred Mugrauer vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Dieser veröffentlichte im DÖW-Jahrbuch einen Beitrag zum Thema. Die Stieftochter lebt heute in Tirol. Mit ihrer Mutter war Prikryl von 1945 bis 1949 verheiratet. Der Ex-Spanienkämpfer habe seit 1943 als U-Boot in Wien gelebt und nach Kriegsende "allen sehr geholfen", erzählt sie der "Wiener Zeitung". Ihren Namen will sie nicht öffentlich preisgeben. "Am Anfang war er sehr nett zu allen" erinnert sie sich an den "Drei-Tages-Bürgermeister". Dann folgte sein Funktionsverlust. Am Weihnachtstag 1945 habe Prikryl ihre Mutter geheiratet. Bald sei zunehmend Alkohol ins Spiel gekommen und Prikryls endgültiger Absturz folgte.

Um der Familie nächtens Nüchternheit zu beweisen, balancierte er im 5. Stock am Balkongeländer. Im Zimmer skizzierte er eine Figur an die Wand und schoss ihr mit seiner Pistole ins markierte Herz. Noch vor der Scheidung 1949 erzählt ihr Prikryl, der sich immer sehr großzügig zeigte, sein Sohn habe ihn seinerzeit an die Nazis verraten. Die Stieftochter ist heute Psychotherapeutin.

Historiker Manfred Mugrauer erforschte, dass Prikryls Verfolgung durch die Austrofaschisten 1934 und in der Folge durch die Nazis die antifaschistische Grundlage für die kurze "Nachkriegskarriere" im Rathaus gewesen ist. Obwohl im Widerstand ein wenig bedeutendes Rädchen, kommt Prikryl in den letzten Kriegstagen in Kontakt mit der Bewegung "O5". Er wird in den wenigen Übergangstagen, bis sich die Parteien wieder reorganisieren, von der "O5" als Kommunist zum Vizebürgermeister nominiert. Glücksritter Prikryl zieht darauf mit zwei selbst organisierten russischen Stempeln ins Rathaus zum Kurzgastspiel als Stadtvater. Schon bald darauf wird der Sozialist Theodor Körner als Bürgermeister eingesetzt. Die wieder auftretende offizielle KPÖ will weder von Prikryl noch von der "O5" viel wissen. 1947 wird er wegen undurchsichtiger Geschäfte auch als Mitglied ausgeschlossen.

Mugrauer lüftete auch das Geheimnis um die Buchstabenkombination "KOB-SAR" auf Prikryls "Amtsstempel", mit welcher er Dokumente ausstellte: Sie verweist auf ein antifaschistisches Komitee sowjetischer Zwangsarbeiter rund um Mitja Gutow. Die Redaktion dankt für alle aufklärenden historischen Hinweise.