Fake News haben Hochsaison in Zeiten des Coronavirus. In Wien kam es nicht zuletzt auch wegen falschen Warnungen vor eingeschränkter Öffnungszeiten von Supermärkten zu Hamsterkäufen. Die "Wiener Zeitung" analysiert mit dem deutschen Psychologen Markus Appel die Hintergründe des Phänomens der Falschmeldungen.

"Wiener Zeitung":Was ist los mit Menschen, die in dieser Krise Falschmeldungen verbreiten? Wie ticken die?

Markus Appel: Die eigentliche Frage ist: "Was ist mit den Leuten generell los?" So unsicher war es ja für die meisten noch nie. Man weiß nicht, welche Regeln nächste Woche gelten werden. Nun hat sich in der Vergangenheit bei Naturkatastrophen beispielsweise gezeigt, dass diese unsicheren Zeiten ein guter Nährboden für Gerüchte sind. Wenn die Welt unklar ist und man nicht weiß, woran man ist, dann tauchen auch Falschmeldungen und Verschwörungstheorien auf.

Die Psychologie des Postfaktischen. Über Fake News, "Lügenpresse", Clickbait & Co. Von Markus Appel. Heidelberg: Springer.
Die Psychologie des Postfaktischen. Über Fake News, "Lügenpresse", Clickbait & Co. Von Markus Appel. Heidelberg: Springer.

Was ist jetzt aber mit einem Typen los, der über WhatsApp oder Facebook Fake News verbreitet? Etwa, dass das Virus schlimmer wird, wenn ich ein bestimmtes Medikament nehme.

So etwas bekommt man teils sogar von Bekannten weitergeleitet. Ich vermute, dass der oder die das weiterleiten gar nichts Schlimmes wollten. Leute gehen nur unbedacht mit Informationen um. Das ist keine Person, die jemanden schädigen will, sondern das ist eine Reaktion auf Unsicherheit. Die denkt sich: "Ich leite das lieber einmal weiter. Es könnte ein Fünkchen Wahrheit dahinterstecken." So können dann durch das Internet Desinformationskaskaden entstehen.

Markus Appel ist Psychologe, Medienforscher und Autor. Seit 2017 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. privat - © FOTOSTUDIO BALSEREIT
Markus Appel ist Psychologe, Medienforscher und Autor. Seit 2017 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. privat - © FOTOSTUDIO BALSEREIT

Aber irgendwo steht ja trotzdem am Anfang ein Typ, der die Falschmeldung bewusst lanciert? Etwa der, der die falsche Medikament-Empfehlung abgibt.

Das muss nicht sein. Das funktioniert wie die Stille Post. Am Anfang steht vielleicht gar keine Empfehlung, sondern nur eine Vermutung oder Überlegung, die sich über andere Leute, die das umformulieren, weiterentwickelt. Da stecken oft keine dunklen Hintermänner dahinter, sondern Menschen, die unbedacht kommunizieren.

In Österreich haben sich zwei Burschen offensichtlich einen Spaß machen wollen und eine Falschmeldung in Umlauf gebracht: Das Bild einer Person in Schutzanzug mit dem Verweis, dass das Coronavirus Einzug in ihr Dorf gehalten hätte. Was ist mit denen?

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas entstehen kann. Wenn die zwei gedacht haben, dass das witzig ist, war das dumm und fahrlässig. Aber die Menschen, die das weiterleiten, sind nicht bösartig. Die werden, ohne, dass es ihnen bewusst ist, Teil einer Desinformationskaskade.

Also unterm Strich reden wir von schlechter Kommunikation?

Ich will nicht ausschließen, dass der Ursprung auch teils in Personen liegt, denen andere weitgehend egal sind. Es gibt eine dunkle Triade der Persönlichkeit (Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie, Anm.). Wenn jemand mit einer ausgeprägten dunklen Persönlichkeit eine Falschmeldung in Umlauf bringt und dann immer wieder auf Social Media nachsieht, wie sich die verbreitet, kann ihm oder ihr das ein Gefühl der Macht geben.

Was tun gegen Fake News?

Nicht weiterleiten. Jeder, der so etwas zugeschickt bekommt, sollte zuerst überlegen, ob er weiß, dass das stimmt. Auch wenn es angeblich von einer todsicheren Quelle stammt, dem Arbeitskollegin von einer Bekannten und so weiter. Dadurch werden diese Kaskaden unterbrochen und Menschen nicht ohne Not desinformiert. Man sollte da auch die Courage haben und den Leuten, die so etwas verbreiten, sagen: "Ich leite das nicht weiter, weil das ein Gerücht ist, von dem wir beide nicht wissen, ob es stimmt." Dadurch werden allzu sorglose Menschen vielleicht vorsichtiger.

Im Zweifelsfall führt das aber doch zu einem Gewissenskonflikt? Man will doch Menschen, die man kennt, vor Unheil bewahren.

Das stimmt. Aber man kann auch durch das Weiterleiten schaden. Das sollte man in diesen Situationen vor Augen haben. Das Weiterleiten hängt stark davon ab, wie sehr man etwas glaubt. Es gibt genügend Verschwörungstheorien, die besagen, Mossad, FBI oder chinesischer Geheimdienst hätten den Virus bewusst gestreut. Jene Leute, die ohnedies glauben, dass die Welt von dunklen Mächten geleitet wird, sind eher bereit, so eine Nachricht zu akzeptieren. Wenn es meinem Weltbild entspricht, bin ich auch eher offen dafür es zu akzeptieren und weiterzuleiten.

Regierung und Handelsketten haben stets versichert, dass die Grundversorgung gesichert ist. Trotzdem gingen im Netz Warnungen um, die vor Schließungen warnten. Also zogen viele Menschen zu Hamsterkäufen aus. Wieso macht man so etwas?

Wenn das so ist, dass solche Nachrichten kursieren, dann steckt ja in diesen Hamsterkäufen eine gewisse Rationalität - gepaart mit Misstrauen gegenüber der Urteilsfähigkeit von anderen. Das führt dann zu Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen - wie etwa beim Toilettenpapier: Wenn alle extrem viel davon kaufen, dann wird es irgendwann knapp. Dann sind die Regale leer, auch wenn es nur für ein paar Tage ist. Wenn ich diese Warnungen also nicht glaube, aber ich denke alle anderen glauben daran, dann wird diese Ware tatsächlich knapp.

Apropos Hamsterkäufe: In Frankreich gab es einen Ansturm auf Rotwein, in Holland auf Cannabis und in Österreich und Deutschland auf Klopapier. Sagt das etwas über unsere Psyche aus?

Ernsthaft gesehen würde es mir zuerst einmal schwerfallen, das zu glauben. Das spielt ja klar auf Stereotype an. Sollte das aber tatsächlich so sein, könnte man weniger ernsthaft und augenzwinkernd mit Sigmund Freud einige Überlegungen anstellen, warum das so sein könnte. Stichwort "analer Charakter".