Distance-Learning heißt das neue Wort, das Österreichs Schüler und Lehrer in der vergangenen Woche lernen mussten. Und ein erster Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt, dass sie verschieden gut damit umgehen, nicht in der Schule zu sein und trotzdem Vollzeit lernen zu müssen. In einer Umfrage des Bildungsministeriums (800 Befragte) hat jeder Fünfte angegeben, dass es Probleme beim E-Learning gibt. Umgekehrt hat die Hälfte der Eltern angegeben, weder zusätzliche Hilfe noch Informationen für das Lernen daheim zu benötigen. Am anderen Ende passt für ein Drittel der Lehrer alles, jeder Vierte wünscht sich jedoch mehr Informationen, jeder Fünfte eine stabile Online-Lernplattform.

Derzeit ist noch nicht abzusehen, wann der reguläre Schulbetrieb für alle wieder aufgenommen werden kann. Bildungsminister Heinz Faßmann wollte am Montag noch nicht darüber spekulieren, "was nach Ostern sein wird". Es sei ihm aber ein Anliegen, "das Sommersemester ordnungsgemäß zu organisieren und zu einem guten Ende zu bringen". Als problematisch sehen in diesem Zusammenhang viele Lehrer und Eltern an, dass vor allem in den niedrigeren Schulstufen derzeit praktisch kein neuer Stoff erarbeitet werden kann.

Manchen fehlt Lernmaterial, andere fühlen sich überfordert

Während offenbar manche Lehrer vom erzwungenen Raumwechsel von der Schule ins Homeoffice kalt erwischt wurden und erst im Laufe der Isolationswoche Aufgaben nachreichen konnten, haben andere ihre Klasse bereits vorab mit einem Haufen Hausaufgaben ausgestattet. Manche geben genaue Wochenpläne und Aufgabenstellungen aus, andere verweisen auf die diversen Lern-Apps und lassen die Schüler den Stoff frei durchgehen. Gerade die App "Anton" stößt hier bei den Kindern auf Begeisterung, weil sie mit jeder Aufgabe virtuelle Münzen sammeln, die sie dann zwischendurch in kleine Online-Spiele einlösen können.

Bei weitem nicht alle Schüler haben Zugang zu einem Computer, um damit zu lernen - oder wenigstens ein Handy mit Internetzugang. - © apa/Erwin Scheriau
Bei weitem nicht alle Schüler haben Zugang zu einem Computer, um damit zu lernen - oder wenigstens ein Handy mit Internetzugang. - © apa/Erwin Scheriau

Manche Lehrer berichten, dass die Schüler jetzt sogar mehr an den Aufgaben dran seien als sonst. Ein BHS-Lehrer meint, dass "die ‚Anwesenheit‘ jetzt online zum Teil sogar höher ist als sonst in der Schule", sprich: Jene, die chronisch zu spät kommen, sind jetzt auch mit dabei. Und er glaubt auch, "dass sie jetzt auch Soft Skills wie selbstorganisiertes Lernen wesentlich besser trainieren, als sie es in der Schule täten". Den Schülern werde nun stärker bewusst, dass sie auch selbst für ihren Lernfortschritt verantwortlich sind.

Eine NMS-Lehrerin erzählt allerdings, dass ihre Schüler zwar "derzeit noch sehr motiviert, aber einige mit der Fülle der Aufgaben, die sie erledigen sollten, heillos überfordert sind, da sie nicht selbständig arbeiten können - prinzipiell zeigt sich online das gleiche Bild wie in der Klasse". Eine Mutter zweier Oberstufenschüler fasst die Situation so zusammen: "Einer ist brav und lernt - der andere macht quasi Ferien."

Nicht wenige Pädagogen haben jetzt einen echten Kreativitätsschub: Da werden via Ketten-E-Mail gemeinsam Geschichten geschrieben, tägliche Superhelden-Motivationsnachrichten mit Aufgabenstellungen verschickt oder ganz neue Lerninhalte eingebaut, etwa der Umgang mit dem Internet an sich. Manche versuchen, ihre Schüler auch "nicht mit Informationen zuzuschütten, sondern sie sinnvoll zu beschäftigen", etwa mit Bastelideen, Sportanleitungen oder regelmäßigen Erklärvideos zum Coronavirus. Die Lebens- und Wohnsituationen der Schüler sei ohnehin oft schon beschwerlich genug, meint eine NMS-Integrationslehrerin. "An den Rückmeldungen merkt man, dass der Kontakt zu den Lehrkräften für sie extrem wichtig ist."

Ständige Erreichbarkeit hier, verspätete Antworten dort

Manche Lehrer sind dabei tatsächlich von 7 Uhr Früh bis zum späten Abend online erreichbar und stehen in ständigem Austausch mit ihren Schülern. Andererseits berichten Eltern aber auch von Pädagogen, die trotz vorgegebenem Abgabetermin erst sehr verspätet auf Fragen der Schüler antworten, was für Frust sorgt.

Gerade für Eltern jüngerer Schüler ist die Situation eine zusätzliche Belastung. So erzählt die Mutter zweier Volksschulkinder (3. und 4. Klasse): "Ganz ehrlich, wir haben mehr als genug zu tun. Mein Haushalt steht still, die Kinder sind genervt und ich erschöpft vom Lehrer Spielen. Ich freue mich auf die Osterferien." Eltern, die eigentlich beide parallel im Homeoffice arbeiten müssen, stoßen da mitunter an ihre Grenzen, nicht nur zeitlich, sondern auch mental im Umgang mit ihren Kindern, die mitunter "wie die Kuh vorm Dorftor" vor ihren Aufgaben stehen, wie es eine Mutter formuliert. Mitunter liegen die Nerven blank. Dass jetzt auch mehr Väter als sonst ins Lernen ihrer Kinder mit eingebunden sind, kann in diesem Zusammenhang für beide Seiten befruchtend sein, aber auch zusätzlich anstrengend.

Manche Eltern fühlen sich in dieser Situation von den Pädagogen alleine gelassen. Umgekehrt meint ein Volksschullehrer süffisant: "Tja, jetzt sehen die Eltern einmal hautnah, was wir Lehrer so leisten." Eine Kollegin streut den Eltern ihrer Schüler allerdings Rosen: "Sie sind grandios, unterstützen und tun und machen derzeit mehr denn je." Und sie ist auch "echt stolz auf meine Schülerinnen und Schüler, das hätte ich nicht so toll erwartet". Ihr eigener Arbeitsaufwand ist jetzt freilich um einiges höher. Schließlich muss sie ja in der neuen Lernsituation ständig auf jedes Kind einzeln eingehen.

Aber auch für die Kinder ist es kein Zuckerschlecken. Gerade die Älteren stöhnen über mehr Belastung als im regulären Unterricht, die Kleineren wiederum kämpfen teilweise mit den Online-Lernprogrammen, die auch ihre Eltern nicht immer ganz durchblicken. Manche finden es aber auch sehr angenehm, dass sie sich ihre Lernzeit jetzt absolut selbst frei einteilen können und nicht in aller Früh zur Schule aufbrechen müssen. Manche sind jetzt so motiviert, dass ihre Eltern (eher scherzhaft) die Sorge äußern, dass das Material gar nicht bis Ostern reichen könnte. Tatsächlich waren aber nicht gar so wenige Eltern am Montag noch einmal bei der Volksschule, um neue Unterlagen für ihre Kinder zu holen.

Bildungspsychologin rät zu Regeln und Gelassenheit

Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien rät in der aktuellen Situation vor allem zu zweierlei: "Regeln und eine gewisse Gelassenheit. Stress und Hektik übertragen sich auf das Kind, und das Ganze wird noch einmal hektischer." Sie empfiehlt deshalb, gewisse Abläufe zu vereinbaren. "Ab dem Kindergartenalter kann man dem Kind erklären, dass man sich nun für eine bestimmte Zeit voll konzentrieren muss und es sich in dieser Zeit still selbst beschäftigen soll. Danach bekommt es dann dafür die volle Aufmerksamkeit von Mutter oder Vater. Wichtig ist, das auch einzuhalten und nicht daneben ständig aufs Handy zu schauen."

Je jünger die Kinder sind, umso wichtiger ist eine regelmäßige Tagesstruktur, in deren Planung man sie möglichst einbeziehen sollte. "Struktur gibt Sicherheit und Klarheit, und die Kinder sind daran gewöhnt", sagt Spiel. Sie findet es völlig in Ordnung, die Kinder jetzt etwas länger schlafen zu lassen. "Nach dem Frühstück sollten dann bei Schulkindern allerdings von Montag bis Freitag die Lernaufgaben angegangen werden. Und es ist auch wichtig, dass sie nicht den ganzen Tag im Pyjama bleiben."

Eltern sollten sich außerdem auch überlegen, was die Kinder und Jugendlichen machen können, wenn sie nicht lernen: "Da kann man Spiele spielen und auch selbst erfinden oder etwas malen. Das ist jetzt eine Phase, da können wir unsere Kreativität ausleben und Sachen machen, für die wir normalerweise viel zu wenig Zeit haben." Wichtig sind auch körperliche Aktivitäten, eventuell innerhalb der Wohnung. "Am Abend kann man dann besprechen, was vom Tagesplan umgesetzt werden konnte, was nicht und warum. Dadurch wird die Selbstorganisation der Kinder gefördert."

Gesellschaftliche Ungleichheit im Bildungswesen ist digital

Technisch im Vorteil sind jetzt die sogenannten Laptop-Klassen, die schon im Regelunterricht mit Online-Kommunikation Erfahrung gemacht haben. Umgekehrt berichtet eine NMS-Lehrerin: "Es war uns schon während der Schulzeit kaum möglich, mit den Kindern digitale Angebote zu nutzen - das wirkt sich natürlich in so einer Krisensituation aus. Die Kinder selbst sind zu Hause kaum technisch ausgerüstet, die wenigsten haben einen PC und wenn, dann einen mit einem sehr alten Betriebssystem; niemand erzählt von Tablets, Laptops, Drucker; auf den Handys der Kinder gibt es kaum Guthaben, und eine Internetverbindung haben die wenigsten. Es hat mehrere Tage - bereits innerhalb der Isolation - gebraucht, um für alle das bis dato nicht erlaubte WhatsApp einzurichten, und es grenzt an ein Wunder, dass jetzt alle Kinder aus meiner Klasse zumindest einmal täglich da hineinschauen können beziehungsweise könnten." Eine Volksschullehrerin ergänzt: "Wir sollen nun Höchstleistungen bringen, ohne das dafür notwendige Equipment dafür zu haben. Schon lange hätte es dafür eine Lösung in Form von Dienst-Laptop, -Tablet und -Handy geben müssen. Digital Learning wird immer stärker eingefordert, nur an der Ausstattung der Klassen und Pädagogen ändert sich leider nichts."

Beklagt wird auch die kurze Vorlaufzeit der ganzen Aktion: Es war kaum Zeit, vollständige E-Mail- oder Telefonlisten der Kinder zu erstellen, da ja bisher in der Regel nur die Kontaktdaten der Eltern aufgenommen wurden. Nun aber würden die Lehrer halt schon gerne direkt mit ihren Schützlingen kommunizieren. Der Mangel an dienstlichen Digitalwerkzeugen bringt sie teilweise auch in Datenschutznot. Und eine NMS-Lehrerin erklärt, ihre Schule habe gar keine digitale Ausstattung, weshalb den Schülern bloß analoges Arbeitsmaterial nach Hause mitgegeben worden sei, das bis Ostern reichen sollte. "Wie es danach weitergeht, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Viele der Schüler haben auch keine entsprechende Hard- oder Software, geschweige denn Internet daheim. Da sie allgemein sehr schwach und benachteiligt sind, befürchte ich, dass meine Schüler nachher weniger können werden als vor der Schulsperre und bei einer Verlängerung sehr zurückgeworfen werden." Und sie stellt eine Grundsatzfrage: "Warum werden Neue Mittelschulen, deren Schüler aufgrund der Dreiklassen-Gesellschaft eh schon so schlechte Chancen haben, hier wieder nur benachteiligt? So produzieren wir weiterhin Menschen, die nach der Pflichtschule nicht in der Lage sind, eine weiterführende Ausbildung zu machen, und beim AMS landen - obwohl sie mehr wollen und könnten."

Bildungsminister Faßmann verspricht hier "Maßnahmen, speziell, wenn das Distance Learning länger dauert, um diesen Kindern keinen Lernnachteil erwachsen zu lassen".

Heimarbeit zählt zur Mitarbeit - was auch immer das bedeutet

Eine Frage, die sich derzeit viele Eltern - und offenbar auch Lehrer - stellen, ist jene nach der Bewertung der Leistungen, die nun daheim erbracht werden. In den offiziellen Rundschreiben der Schulen ist dazu oft zu lesen, dass sie zur Mitarbeit zählen. Angesichts der Tatsache, dass niemand nachprüfen kann, unter welchen Umständen sie erledigt wurden, stellen sich hier aber manche Eltern die Sinnfrage. Und auch unter den Lehrern wirken manche diesbezüglich noch etwas ratlos. Eine NMS-Lehrerin sieht die Online-Hausaufgaben selbst vor allem als Angebot, "aber so wurde es uns nicht vermittelt, und so haben wir es auch den Kindern nicht vermittelt". Es werde sogar von einer Mitarbeitsnote gesprochen, die in die Jahresnote einfließen solle. "Wie sonst kann es sein, dass sämtliche Familien mit Aufgaben überschüttet werden und panisch alles erledigen wollen?" Insgesamt stellt sie jedenfalls fest, dass "all das, was vor der Schulschließung schon nicht wirklich gut geklappt hat, jetzt natürlich besonders zum Tragen kommt". Lernen auf Distanz sei mit ihrer Schülerklientel nicht wirklich gut möglich.

Sehr wenige Schüler in Notbetreuung vor Ort

Die Zahl der Kinder, die direkt in der Schule betreut werden müssten, ist teilweise einstellig, manche Schulen sind sogar ganz leer. Während das Ministerium eine Schulbetreuung von 25 Prozent angepeilt hat, sind es laut offiziellen Zahlen 10 Prozent. Die Eltern dürfen dabei das Schulgebäude nicht betreten: "Die Kinder werden von uns einzeln am Schultor abgeholt und direkt zum Händewaschen gebracht", erläutert eine Volksschullehrerin. In der Klasse sitzen sie dann möglichst weit voneinander entfernt. "Die Kinder sind trotzdem entspannt, weil wir unser Bestes geben, damit sie sich wohlfühlen." Neu erarbeitet werde nichts, sondern nur der Lernstoff wiederholt. "Sie brauchen beim Arbeiten auch meistens keine Hilfe." Zwischendurch läute sehr oft das Schultelefon, auch viele E-Mails von Eltern seien zu beantworten. Die Lehrkräfte wechseln sich meist im Journaldienst ab, denn es dürfen nicht zu viele Lehrer anwesend sein. "Ich persönlich bin dankbar, dass ich in die Schule gehen darf", meint eine Lehrerin, "wenigstens ein bisschen Normalität."

Besetzt werden offenbar auch leere Schulgebäude, was eine Lehrerin als "vertane Zeit, die anders genutzt werden könnte" und als Gefährdung der betroffenen Pädagogen bezeichnet. "Wir sollen jetzt digital arbeiten, was wir auch hervorragend machen, aber es wird nicht darauf vertraut, dass wir auch digital von den Eltern über einen eventuellen Betreuungsbedarf informiert werden können - ein Widerspruch in sich." Was sie dabei am meisten ärgert: "Wir Lehrer hatten bis jetzt nichts zum Desinfizieren oder einen anderen Schutz."