Die Welt ist wegen des grassierenden Coronavirus im Ausnahmezustand. Doch wie geht man mit Seuchen um, die noch gefährlicher sind? Marcus Bachmann war Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen während der Ebola-Epidemien in Afrika. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt er, was das Wiener Gesundheitssystem aus den dortigen Erfahrungen lernen kann.

"Wiener Zeitung:" In Wien mehren sich Berichte über Corona-infizierte Ärzte. Sie waren während der Ebola-Epidemien in Afrika im Einsatz. Wie schwer ist es für medizinisches Personal, sich zu schützen?

Marcus Bachmann: In Afrika hat man sich darauf konzentriert, ein paralleles Gesundheitssystem für Ebola aufzubauen, das komplett getrennt war vom restlichen System. Menschen, die in einem Ebola-Behandlungszentrum gearbeitet haben, haben Routinen neu erlernen müssen. Die wussten, dass es dort am gefährlichsten ist, aber auch, dass sie dort einen besonders geschützten Rahmen vorfinden. Es hilft, sich auf nur eine Gefahr zu konzentrieren. Im Falle von Covid-19 ist es die große Herausforderung, neue Routinen in ein bestehendes System einzuführen. Da gibt es auf einmal nur zwei Eingänge, jedem Mitarbeiter und jedem Patienten wird die Temperatur gemessen, es gibt neue Sicherheitsregeln. Bis man sich wirklich nachhaltig umgestellt hat, dauert es einige Zeit.

Marcus Bachmann war Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen während der Ebola-Epidemien in Sierra Leone und im Kongo. Herwig Prammer
Marcus Bachmann war Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen während der Ebola-Epidemien in Sierra Leone und im Kongo. Herwig Prammer

Was für Sicherheitsregeln?

Es ist wesentlich, grundlegende Hygienemaßnahmen zu beachten: Händewaschen, Abstand halten, einander nicht berühren, jeder hat seine eigene Trinkflasche, Besteck und so weiter.

Klingt etwas simpel für eine virale Bedrohung, nicht?

Vielleicht, aber es ist der erste, grundlegende Schritt des ganzen Pakets. Während der Ebola-Epidemie hat man Neulinge sofort daran erkannt, dass sie die Hand zum Gruß ausgestreckt haben und die anderen wie bei einem Angriff zurückgewichen sind. Medizinisches und unterstützendes Personal wie Reinigungskräfte in den Ebola-Krankenhäusern tragen natürlich Schutzkleidung. Da ist es ganz wichtig, wie man sich an- und auskleidet, wobei das Entkleiden der kritischere Prozess ist, weil diese Einwegkleidung dann kontaminiert ist. Die Erfahrung zeigt, dass sich dabei medizinisches Personal bereits infiziert hat. Die nächste Stufe sind Maßnahmen zu Vorbeugung und Kontrolle von Infektionen.

Was wird da gemacht?

Das bedeutet Barrieren und Zugangskontrollen und eine Hochinfektionszone. Letztere ist der Bereich, in dem die Personen behandelt werden, die an Ebola erkrankt sind. Der wird selbstverständlich besonders kontrolliert. Was da reinkommt, darf in der Regel nicht mehr heraus, wird also entweder verbrannt, kontrolliert entsorgt oder dekontaminiert. Zwischen Eintritts- und Austrittspunkt gibt es ein Einbahnsystem mit strikt definierten Wegen, auf denen über eine kontrollierte Abfolge systematisch dekontaminiert wird. Dann gibt es noch die Triage.

Was ist das?

Damit wird bei Personen, die in eine Gesundheitseinrichtung kommen, systematisch erhoben, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Person ein Virusträger ist. Das wird unterteilt in hoch, gering und kein Risiko. Da spielt eine Rolle, ob die Person aus einem Risikogebiet kommt, in Kontakt mit einem Infizierten stand, ob sie Ebolasymptome zeigt und so weiter. Abhängig davon werden die Menschen dann über unterschiedliche Kanäle geleitet. Jemand der nicht schwer krank ist, sollte besser nicht ins Krankenhaus gehen. Erstens einmal, um das System freizuspielen für die Bekämpfung der Epidemie. Und auch, um das Risiko zu minimieren, dass sich die Person im Krankenhaus ansteckt.

Wie gut hat das in Afrika funktioniert?

Es sind alles Menschen und Menschen machen Fehler. Es passiert, dass sich Personal trotz all dieser Sicherheitsmaßnahmen infiziert. In Westafrika haben wir knapp 6000 bestätigte Ebola-Patienten in dutzenden Behandlungszentren über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren behandelt. Dabei haben sich auch Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen angesteckt. Deren Zahl war im unteren zweistelligen Bereich.

Wie ist das passiert?

In einigen Fällen ist es im Behandlungszentrum passiert, in manchen Fällen außerhalb. Die Sicherheitsmaßnahmen dauern ihre Zeit und die Leute werden mit der Zeit ungeduldig und beginnen dann, Maßnahmen zu überspringen oder sie nicht gründlich durchzuführen. Gleichzeitig gab es einen großen Druck der Gemeinschaft. Ärzte und Krankenschwestern wurden gebeten, Freunden und Bekannten helfen, und haben sich dann bei Hausbesuchen angesteckt.

Wie hat sich während der Ebola-Epidemie die Suche nach einem Impfstoff, beziehungsweise einem Medikament, gestaltet?

Anfänglich war das Interesse minimal. Erst als sich das Ganze ausgeweitet hat und Ebola über zwei Missionare auch in Spanien gelandet ist, hat sich etwas getan. Unter dem Eindruck einer möglichen globalen Gesundheitskrise ist etwas geschehen, das es in dieser Form davor noch nicht gegeben hat: Es gab einen großen kollektiven Willen zur Kooperation von allen Beteiligten, um nach Impfstoffen und Medikamenten zu forschen. Entwicklungsprozesse wurden beschleunigt, Prozesse, die üblicherweise nacheinander ablaufen, liefen auf einmal parallel, um die Entwicklung zu beschleunigen. Davon profitieren wir jetzt bei Covid-19.

Inwiefern?

Diese parallelen Entwicklungsprozesse werden jetzt auch angewandt. Bei Ebola hat man damals gesagt, dass die Zeit nicht reicht, etwas Neues zu entwickeln. Stattdessen wurden Wirkstoffe hergenommen, die schon für andere Indikationen vorhanden waren. Die wurden dann in vitro getestet, um zu sehen, ob sie gegen das Virus wirken. Die vielversprechendsten Kandidaten hat man in klinischen Versuchen getestet, ob sie die Überlebenschancen erhöhen. Das macht man gerade auch mit Covid-19, wobei man speziell auf Mittel achtet, die gegen Sars und Mers untersucht worden sind.

Gibt es einen Rat, den Sie in dieser Situation geben können?

Immer, wenn etwas passiert, dass es vorher nicht gab, müssen viele Entscheidungen getroffen werden, und sie müssen rasch getroffen werden. Unweigerlich ist eine Folgeerscheinung, dass auch Fehler passieren. Das Wichtigste ist jetzt, ein Klima zu schaffen, das eine Fehlerkultur zulässt und völlig transparent zu sein. Nur so schafft man ein lernendes System, in dem man sich durch Fehler weiterentwickeln kann.