Die Matura 2020 wird besonders: Die Vorbereitung findet in Isolation statt; dass der von 5. auf 18. Mai verschobene Starttermin tatsächlich halten wird, kann man derzeit nur hoffen; die Prüfungen selbst könnten womöglich aus Sicherheitsgründen in halbleeren Klassenzimmern stattfinden; und selbst die Maturareise ist ein Unsicherheitsfaktor. Ein Teil der heurigen Matura ist der Corona-Krise bereits zum Opfer gefallen: die Präsentation der sogenannten Vorwissenschaftlichen Arbeiten (VWA), die vor Ostern abzugeben sind. Um den Zeitplan halbwegs aufrechtzuerhalten, werden diesmal nur die schriftlichen Arbeiten bewertet, einzig in Ausnahmefällen soll es mündliche Termine geben, um eine andernfalls negative VWA-Bewertung noch ausbessern zu können.

Die Corona-Krise hat eine Frage, die seit der flächendeckenden Einführung der AHS- und BHS-Zentralmatura 2014/15 sowie 2015/16 jedes Jahr gestellt wurde, relativ rasch wieder aus der öffentlichen Debatte verdrängt: Sind die Aufgabenstellungen in Mathematik zu schwierig? Dass die Maturanten hier - je nach erreichter Note - geteilter Meinung sind, liegt auf der Hand. Aber auch unter den Lehrern gibt es durchaus Stimmen, die vielleicht nicht kritisch, aber doch differenziert sind. So stellt Sabine Bogner, die an einer Wiener AHS unterrichtet, fest, dass zwar der erste Teil der schriftlichen Mathematikmatura "so gemacht ist, dass es zu schaffen ist", der zweite Teil sei aber schon recht schwierig.

Wichtige Informationen in sehr viel unnötigem Text versteckt

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Warum? "Teil eins besteht aus 24 kurzen Fragen, die verschiedene Grundkompetenzen abdecken. Da muss man kurz etwas ausrechnen, irgendeinen einfachen Text in eine Formel verwandeln, Zuordnungen treffen oder richtige Antworten ankreuzen. Das reicht von ganz trivialen Dingen bis hin zu komplexeren Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Extremwertaufgaben." Diese Aufgaben findet sie "relativ einfach". Teil zwei hingegen ist sehr textlastig. "Da muss man sich schon durch viel Text durchkämpfen dafür, dass dann recht wenig von den Schülern verlangt wird", meint Bogner. Oder wie es Fabian Rihl (Maturajahrgang 2018) formuliert: "Bei unseren Maturabeispielen waren immer wieder Fallen eingebaut: Da standen Informationen in der Angabe, die fürs Rechnen selbst völlig irrelevant waren und nur abgelenkt haben." Dabei geht es letztlich oft nur um eine einfache Ableitung oder Integration. Büffeln alleine ist hier übrigens zu wenig, es braucht auch echtes Verständnis für Mathematik und Logik. "Ich kenne viele, die bis zum Abwinken gelernt und trotzdem nur einen knappen Vierer geschafft haben", erzählt Rihl. "Man muss die Textbeispiele wirklich verstehen, und das fällt vielen schwer."

Die Macher der Mathematikmatura wissen das aber offenbar selbst, denn sie haben in Teil zwei auch sogenannte Kompensationsaufgaben eingebaut. "Viele der schwächeren Schüler konzentrieren sich auf diese Punkte, um genug für ein Genügend oder Befriedigend zu haben, und schauen sich die anderen Beispiele gar nicht mehr genau an", berichtet Mathematiklehrerin Bogner. Eine Änderung im Vorjahr kommt ihnen da entgegen: Früher mussten sie Teil eins nach zwei der viereinhalb Stunden abgeben, jetzt dürfen sie ihn bis zum Ende behalten. "Das hat die Matura entschärft", meint Bogner. "Jetzt ist es leichter, ein Genügend zu bekommen."

Das gesamte Konzept der Matura neu überdenken

Ob sich die Zentralmatura als solche bewährt, darüber scheiden sich nach wie vor die Geister. Kritisiert wird vor allem, dass man sie in Österreich nicht konsequent zentralisiert hat, weil immer noch die Lehrer die Arbeiten ihrer eigenen Schüler benoten. Und es sind bei weitem noch nicht alle Maturafächer zentralisiert, sondern nur die sogenannten Hauptfächer. Und bei der Vergleichbarkeit, die ja die Intention dieser standardisierten Reifeprüfung war, gäbe es auch noch manches nachzuschärfen. Gerade in Mathematik kommt es nämlich Bogners Ansicht nach "schon auch darauf an, wie gut die Schüler darauf vorbereitet worden sind". Sprich: Wird in der Oberstufe bei jeder Schularbeit auf die Art der Aufgabenstellung hingearbeitet, tun sich die Schüler bei der Matura damit leichter. "Aber manche Lehrer fangen damit erst recht spät an." Außerdem findet sie dieses Trimmen auf den Tag X hin als Mathematiklehrerin schade, weil in der 8. Klasse wenig Zeit dafür bleibt, "sich damit auseinanderzusetzen, wo die Mathematik noch so hingehen kann".

Die gesamte Matura am liebsten völlig auf neue Beine stellen würde Ernst Smole. Der Obmann des Internationalen Forums für Kunst, Bildung und Wissenschaft arbeitet mit einem multidisziplinären Team an einem neuen Bildungsplan und findet drastische Worte: "Die Matura ist nicht erst seit Corona, sondern bereits seit Jahren in der Krise. Teils der Grundrechnungsarten und des sinnerfassenden Lesens nicht mächtige Maturanten, die Klagen der Universitäten darüber, der schleichende Verlust der Bedeutung der Matura als generelle Studienberechtigung - all dies zwingt mit Macht, die Matura generell und ganz besonders ihre derzeitigen, wenig gefestigten, von halbherzigen Reformen gebeutelten Ausprägungen zu überdenken."

Er glaubt nicht an eine ordentliche Durchführbarkeit im Mai und fände auch eine Verschiebung in den Herbst nicht sinnvoll, sondern plädiert dafür, "dem Rat jener schulpraktisch orientierten Experten zu folgen, die eine ‚Krisenmatura‘ vorschlagen, die vollständig auf Prüfungen verzichtet und ein Maturazeugnis vorsieht, das hoch verantwortungsbewusst aus den Lernergebnissen der vorletzten Klasse und des im Februar 2020 zu Ende gegangenen Semesters komponiert ist". Dies brächte eine spürbare Entlastung für tausende Maturanten, Eltern und Lehrer, "die ohnehin in vielen anderen Lebensbereichen in den kommenden Monaten noch nie dagewesene Herausforderungen zu bewältigen haben werden".

Stärken alleine und in einem sozialen Gefüge nachweisen

Für die Zukunft wünscht er sich "eine echten Lebensnutzen bringende Matura", bei der nicht bloß der in den Jahren davor vermittelte Stoff abgeprüft wird, sondern jeder Kandidat seine Stärken sowohl als Einzelperson als auch als Teil eines sozialen Gefüges (Stichwort: Teamarbeit) nachweisen kann, und zwar in Form von öffentlichen Solo- und Teampräsentationen. Damit würde er auch die VWA umkrempeln. An ihre Stelle sollten seiner Meinung nach je ein fundiertes schriftliches Konzept für eine Solo- und eine Teamarbeit treten, die mehrere Monate vor der eigentlichen Matura "in einem würdigen, also feierlichen Rahmen der Öffentlichkeit vorgestellt werden". Die Lehrer sollten die Maturanten "behutsam, herausfordernd und geduldig stimulieren", aber auch "jenen die Zuerkennung der Matura zu verweigern, die im Teamprojekt kein Engagement zeigen und die anderen für sich arbeiten lassen wollen".

Sein einjähriger Matura-Zeitplan sähe dann etwa so aus:

Juli: Wechsel von der 7. in die 8. Klasse AHS beziehungsweise von der 4. in die 5. Klasse BHS mit einer nicht-kommissionellen Prüfung über Grundkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen), Fremdsprachen, Zukunftswissen (Erkenntnisfähigkeit, Geschichts- und Gegenwartsverständnis, Ethik, Wirtschafts- und Umweltwissen), Nutzung digitaler Werkzeuge und Sozialverhalten (Teamfähigkeit) als Zulassungskriterium für die Maturaklasse.

Ab Jänner: Vorbereitung der Gruppen- und Einzelarbeiten; die Konzepte sind online einsehbar und müssen laufend optimiert (überarbeitet) werden.

Jänner/Februar: Öffentliche Präsentation eines professionellen, schriftlichen Konzeptes für die Einzel- und Gruppenarbeiten.

Mai/Juni: Öffentliche Präsentation der Einzel- und Gruppenarbeiten vor einer Kommission mit einem externen Vorsitzenden.

Juni: Feierliche Überreichung der Maturazeugnisse.

Juli: Maturareise.

VWA als Vorbereitung auf späteres Studium an der Uni

Was die VWA betrifft, hätte auch die renommierte Bildungspsychologin Christiane Spiel Nachbesserungsvorschläge: "Man sollte sie gründlich sowohl hinsichtlich ihres Informationsgehalts über Wissen und Kompetenzen der Schüler als auch hinsichtlich des Lerngewinns für diese überdenken. Denn wichtig wäre ja, mit Blick auf die Zentralmatura, dass alle in gleicher Weise fair bewertet werden können und einen in etwas gleichen Lerngewinn haben." Bei der VWA sieht sie jedoch eine sehr große Bandbreite sowohl bei der Durchführung durch die Schüler als auch bei der Bewertung durch die Lehrer.

Dass die Einführung der VWA sinnvoll war, davon ist Biologielehrerin Angela Ransdorf überzeugt. Sie hat die Pension schon im Blick und in ihrem Lehrerleben schon viele Fachbereichsarbeiten (FBA) betreut, die von den VWA abgelöst wurden. "Das Gymnasium mit seiner allgemeinen, breiten Ausrichtung, eben nicht als Berufsausbildung, hat ja als Hauptziel die Studierfähigkeit. Und dazu gehört auch, dass man imstande ist, sich mit wissenschaftlichen Texten auseinanderzusetzen, sie zu bearbeiten, die Quintessenz herauszulesen und sie auch zusammenzufassen. Hier ist die VWA ein gutes Training für die Uni", meint sie. Während die FBA als Vorläufer der VWA quasi eine freiwillige Schreibarbeit war, um sich ein schriftliches Maturafach zu ersparen, werden jetzt alle zu ihrem Glück gezwungen. "Und da liefern manche mitunter überraschend tolle Arbeiten, die sie sonst nie geschrieben hätten." Auch, weil die Schüler das Thema völlig frei wählen können. Umgekehrt sind aber auch andere "etwas schwach auf der Brust", wie sie es formuliert. Und: "Arbeiten, die erst auf den letzten Drücker geschrieben worden sind, merkt man das auch an."

Hier kommt man den Schülern heute entgegen: "Ganz am Anfang hieß es sogar, wenn nur ein Punkt im Bewertungsbogen - und da gehörte etwa auch das Zeitmanagement dazu - negativ war, konnte das Ganze nicht mehr positiv sein. Das bedeutete im Klartext: Wenn jemand zu spät zu schreiben begann, war die Arbeit automatisch negativ. Und das war verhängnisvoll. Das wurde Gott sei Dank geändert." Auch die mündliche Präsentation wurde im Laufe der Jahre aufgewertet und hat so manchen noch herausgerissen.

Die Rolle der Lehrer bei der VWA besteht vor allem darin, auf die Formalkriterien zu achten, erklärt Ransdorf. Inhaltlich und stilistisch mischen sie sich nur bei der Themenwahl ein, aber beim Schreibprozess nicht mehr. Das sollen die Schüler alleine erledigen. Aber tun sie das auch? "Bei vielen Arbeiten merkt man schon, dass die Schüler es selbst geschrieben haben, mit all ihren Fähigkeiten und Nichtfähigkeiten", meint Ransdorf.

Das größte Problem sieht sie darin, dass sich viele nicht von den Formulierungsweisen ihrer oft gestelzt formulierten wissenschaftlichen Quellen lösen können, "und dann oft etwas übernehmen, von dem sie selbst gar keine Ahnung haben, was es ausdrückt". Da tauchen dann mittendrin Satzgebilde auf, bei denen ihr klar ist: "Das ist jetzt nicht die Sprache dieses Schülers." Eine ernsthafte Gefahr sieht sie vor allem im Externistenbereich: "Die haben beim VWA-Schreiben gar keine Betreuung - und es gibt vor allem keine Plagiatsanalyse. Das ist lächerlich. Da wird sich wohl über kurz oder lang ein sehr einträgliches Geschäft für Ghostwriter entwickeln." Dabei sollte die VWA eigentlich für niemanden ein Problem darstellen, der die Matura anstrebt, meint sie: "Eine solide, vernünftige Arbeit, bei der man ein paar Bücher hernimmt und das Thema zusammenfasst, ist einem Gymnasialschüler zumutbar."

"Lehrpersonal fehlt wissenschaftliche Bildung"

Was den Sinn dieser vorwissenschaftlichen Schreibübung betrifft, ist Bildungspsychologin Spiel nicht so überzeugt: "Meiner Erfahrung als Universitätsprofessorin nach ist zu bezweifeln, dass alle Lehrpersonen wissenschaftlich ausreichend ausgebildet sind, um den Schülern wissenschaftliche Standards vermitteln und die Arbeiten entsprechend bewerten zu können." Sie tritt dafür ein, stattdessen daran zu arbeiten, die "Schnittstelle" zwischen AHS oder BHS und Hochschule zu einer "Nahtstelle" zu machen.

Bleibt die Frage, ob der aktuelle Krisenmodus den heurigen Maturanten eine gewisse Milde bei der Beurteilung bringen wird. Mathematiklehrerin Bogner ist da eher skeptisch. Schließlich sind die Vorbereitungsbedingungen aus ihrer Sicht so schlecht auch wieder nicht: "Wir waren beim Ausbruch der Corona-Krise mit dem Maturastoff schon durch. In der 8. Klasse sind wir jetzt in einer reinen Übungsphase, und da geht zumindest in Mathematik über die Übungsplattformen recht viel."

Ohnehin soll es vor der Matura noch einmal ab Anfang Mai zwei Wochen regulären Unterricht geben, um das Semester abschließen zu können. Da sind auch noch einmal Schularbeiten geplant. "So knapp vor der schriftlichen Matura kann das ein Vorteil sein. Die Frage ist halt, wie die Schüler nervlich mit der ganzen Situation zurechtkommen." Die Frage, ob es sich die Uni-Bewerbung oder der Zivildienst-Antritt dann noch ausgeht, dürfte aber viele ohnehin mehr beschäftigen als jene nach den Maturanoten.