Die Glascontainer sehen mancherorts in Wien aus wie sonst nur zu Neujahr: Rappelvoll, überquellend, umrandet von Flaschen, die darin keinen Platz mehr haben. Das trotz regelmäßiger Leerung. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Wiener in der Corona-Krise ein Vielfaches an Alkohol konsumieren als normalerweise üblich. Allerdings verfügt man bei der MA48 über keine Daten, die diese These untermauern würden.

Vielleicht ist ja nur der Konsum an Lebensmitteln in Einweckgläsern gestiegen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich das Entsorgen von Glas nur an andere Stellen verschoben hat. Schließlich haben Bars und Restaurants geschlossen, die ihre Flaschen sonst ja ebenfalls in Containern versorgen. Der Konsum dort fällt jetzt weg. Der Großhändler Metro meldet so gut wie keinen Verkauf an die Gastronomie. Trinken die Wiener aber wie gewohnt weiter, entsorgen sie die Flaschen bei sich in der Nähe. Ein Schluss, zu dem man auch beim Handelsunternehmen Spar gekommen ist.

Roland Mader ist Psychiater am Anton Proksch Institut und Leiter der Station für Alkohol-, Medikamenten-, Spielsucht. - © Foto Wilke
Roland Mader ist Psychiater am Anton Proksch Institut und Leiter der Station für Alkohol-, Medikamenten-, Spielsucht. - © Foto Wilke

Dort konnte man eine Steigerung beim Verkauf von alkoholischen Getränken in den letzten Wochen verzeichnen, und zwar quer durch alle Geschäfte egal, ob Spar, Interspar oder der Onlineshop Weinwelten.at. "Wir gehen davon aus, dass das zu einem großen Teil der momentan fehlenden Gastronomie geschuldet ist und die Menschen nun eben ihr ,Feierabend-Bier‘ oder dergleichen zu Hause trinken", erklärt Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann gegenüber der "Wiener Zeitung". Ein Indiz dafür ist der Onlineshop von Spar. Dort werden neuerdings auch vermehrt einzelne Weinflaschen gekauft, während bisher meist kisten- beziehungsweise kartonweise bestellt wurde. Die Menschen decken sich dort also offensichtlich nicht auf Vorrat ein, sondern kaufen die Menge, die sie sonst auch im Lokal trinken würden.

Eines fällt jedenfalls auf: Die Menge an Menschen, die sich auf Social Media und in Videokonferenzen mit einem Glas Wein in der Hand melden, ist groß. Diese Verhaltensänderung kann aber gefährlich sein, erklärt Roland Mader, Koordinator des Schwerpunktbereichs Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit am Anton Proksch Institut.

"Wiener Zeitung":Der Verkauf von Alkoholika in Supermärkten ist gestiegen. Es wird vermutet, dass die Leute jetzt ihr Bier statt in der Bar zu Hause trinken. Ist das gefährlich, wenn ich daheim trinke statt im sozialen Rahmen?

Roland Mader: Grundsätzlich: Ja. Das Trinken bekommt dadurch eine andere Qualität. Es geht dann weg vom sozialen Ereignis zu einem sehr persönlichen Trinken, beispielsweise aus Langeweile, weil es mir nicht gut geht in der Situation, in der ich mich befinde. Das kann dann schon zu einem Missbrauch werden, nämlich einem Wirkungstrinken.

Was bedeutet Wirkungstrinken?

Alkohol hat eine psychotrope Wirkung, das heißt, Alkohol ist eine Droge, die mit meiner Psyche etwas macht. Sie verändert mich. Die Wirkung ist vielfältig. Alkohol ist in geringen Dosen leicht aktivierend, danach ist er eher beruhigend, angstlösend, schlafanstoßend. Das Gefährliche ist, wenn mich eine dieser Wirkungen anspricht, so, dass ich mehr davon will.

Der Reiz könnte gerade jetzt erhöht sein, Alkohol ist doch das billigste und zugänglichste Mittel gegen Depressionen, oder?

Es stimmt, Alkohol ist billig und leicht verfügbar, aber er wirkt eigentlich gar nicht gegen Depressionen. Im Gegenteil, bei regelmäßigem Konsum ist er eher depressionsfördernd. Hier liegt aber genau die Gefahr: Wenn ich depressiv bin und glaube, das Ganze mit Alkohol besser ertragen zu können, dann will ich ihn immer regelmäßiger haben. Alkohol wird dann quasi zum Medikament und dann kann es bei regelmäßigem Konsum über eine Toleranzentwicklung zu einer Dosissteigerung kommen. Das heißt, dass ich immer mehr brauche, um diesen positiven Effekt zu erzielen.

Gibt es Tipps, damit es nicht so weit kommt?

Beim Alkoholkonsum ist immer ganz wichtig, dass er in Frequenz und Menge reglementiert ist. Man darf nicht aus Langeweile, oder weil es einem vermeintlich guttut, den ganzen Tag über Alkohol trinken. Man muss sich genau vornehmen, wann man das tut. Beispielsweise zum Abendessen ein gutes Glas Wein. Und was die Menge betrifft: Eine Flasche am Tag wäre da klarerweise zu viel. Die WHO gibt folgende Richtwerte vor: Nicht mehr als 20 Gramm Alkohol am Tag (das entspricht etwa einem Vierterl Wein) und zwei bis drei alkoholfreie Tage pro Woche.

Hat Alkohol in der jetzigen Situation irgendetwas Positives?

Bei Alkoholkranken ist es eine Zeit, in der die Versuchungen wegfallen. Das Stammlokal hat ja zu, in das sie täglich gegangen sind. Das kann durchaus einen positiven Effekt haben. Das heißt, es ist die ideale Zeit, nicht mehr Alkohol zu trinken. Ja, es wäre eine gute Zeit aufzuhören, wenn man das Trinken vom Stammwirtshaus nicht nach Hause verlagert.