In der Nacht, in der er verraten wurde, wachte und betete Jesus einsam am Ölberg, während seine Jünger schliefen. Die Gläubigen des Jahres 2020 werden zwar wohl nicht unbedingt schlafen, eine einsame Angelegenheit werden die Gottesdienste in der Karwoche dennoch für die Geistlichen in aller Welt. Zwingt doch die Corona-Krise zu liturgischen Feiern im kleinsten Kreis. Selbst der Papst wird den Kreuzweg, der sonst als Großereignis mit zehntausenden Pilgern im Kolosseum in Rom als einer der stimmungsvollsten Höhepunkte im ganzen Kirchenjahr gilt, mehr oder weniger alleine gehen.

Alle zentralen Gottesdienste von Palmsonntag bis Ostersonntag feiert Franziskus diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Altar des Petersdoms. Unklar ist noch, ob es sich Franziskus tatsächlich nehmen lassen wird, am Gründonnerstag wie gewohnt jungen Häftlingen die Füße zu waschen. Und im Vatikan zerbricht man sich wohl auch noch den Kopf darüber, wie heuer der traditionelle Segen "Urbi et Orbi" erteilt werden soll, wird doch der Petersplatz menschenleer sein. Wo doch gerade Franziskus so gerne in der Menge badet. Wie mag er sich gefühlt haben, als er am 27. März in einer außergewöhnlichen Aktion den feierlichsten Segen der Katholischen Kirche, "Urbi et Orbi", von den Stufen des leeren Petersdomes aus über den verwaisten Petersplatz schickte, um für ein Ende der Corona-Krise zu beten?

Palmsonntagsprozessionen (hier im Vorjahr mit Kardinal Schönborn vor der Pestsäule) fallen aus. - © EDW/Tobias Bosina
Palmsonntagsprozessionen (hier im Vorjahr mit Kardinal Schönborn vor der Pestsäule) fallen aus. - © EDW/Tobias Bosina

Orgelweihe verschoben, Osternacht im leeren Dom

Seit drei Wochen steht natürlich auch in Wien das öffentliche Kirchenleben weitgehend still. Pfarrsekretariate sind nur sporadisch geöffnet, Taufen (auch jene von 93 Erwachsenen aus 18 Nationen, die in der Osternacht im Wiener Stephansdom stattfinden hätte sollen), Erstkommunionen, Firmungen und Hochzeiten müssen in den Herbst verschoben werden.

Ein Opfer der Corona-Krise ist auch die 1994 stillgelegte und nun runderneuerte Riesenorgel im Stephansdom. Diese sollte eigentlich im Rahmen des Hochamts am Ostersonntag eingeweiht werden - und zwar genau 75 Jahre nach der Zerstörung des Doms durch den Brand am 11./12. April 1945. Doch die Weihe des Instruments, das mit 185 Registern und rund 12.500 Pfeifen Österreichs größte Orgel ist und nun ein völlig neues Klangerlebnis bieten sollte, muss nun verschoben werden.

Stattdessen feiert Erzbischof Christoph Schönborn das Hochamt am Ostersonntag (10.30 Uhr, live in ORF 2) ebenso wie die Liturgien am Palmsonntag (9.30 Uhr, ORF 2), am Gründonnerstag (18.15 Uhr, ORF III) und am Karfreitag (19.15 Uhr, ORF III) sowie die Osternacht am Karsamstag (20.15 Uhr, ORF III) fast alleine (nur mit Zeremoniär, Diakon, Organist und Sängerin) im menschenleeren Dom. In den Kirchenbänken werden aber Porträts von Gläubigen aufgestellt, die bis 8. April unter www.netzwerk-gottesdienst.at gesammelt werden.

Auch der wichtigste Gottesdienst im evangelischen Kirchenjahr wird live im TV übertragen: ORF 2 sendet die Karfreitagsliturgie um 9.30 Uhr mit Bischof Michael Chalupka und der Mödlinger Pfarrerin Anne Tikkanen-Lippl aus der Kapelle des Evangelischen Zentrums in Wien. Am Ostermontag senden um 10 Uhr die Regionalradios einen Gottesdienst mit Chalupka aus Mödling. Der Bischof hat einen eigenen Brief an alle evangelisch-lutherischen Haushalte in Österreich geschickt, in dem er auf TV-Übertragung und Video-Streams hinweist und zu Hausandachten einlädt.

Nur je ein Pfarrer und vier ausgewählte Gläubige

Aber jetzt kommt erst einmal der Palmsonntag als erste Bewährungsprobe für Christen in aller Welt, so auch in Wien. Denn drei Sonntage hintereinander nicht in die Kirche gehen zu können, das hält das durchschnittliche Katholikenherz ja noch ganz gut aus. Aber keine Palmprozession? Das ist dann doch eine andere Liga. Geschweige denn der Gedanke daran, heuer die Osternacht daheim im kleinsten Familienkreis verbringen zu müssen.

Palmsonntagsutensilien zum kontaktlosen Mitnehmen (hier in der Pfarre Zu allen Heiligen im 20. Bezirk, Vorgartenstraße 56). - © Markus Brosch
Palmsonntagsutensilien zum kontaktlosen Mitnehmen (hier in der Pfarre Zu allen Heiligen im 20. Bezirk, Vorgartenstraße 56). - © Markus Brosch

Die Vorgabe seitens der Kirchenführung lautet, dass die Pfarrer jeweils nur mit vier ausgewählten Gläubigen die Kar- und Osterliturgie begehen sollen. Der Rest der Gemeinde kann via Internet zuschauen, entweder in der Heimatgemeinde, sofern ein Livestream auf die Beine gestellt wird, oder auf einem der öffentlichen Kanäle etwa der Erzdiözese Wien. Schon jetzt feiert Kardinal Schönborn täglich um 8 Uhr eine Online-Morgenmesse, aber auch zahlreiche andere katholische und evangelische Geistliche stellen sich seit Tagen regelmäßig als Vorbeter für ihre Gläubigen in ihrer jeweiligen Pfarrkirche vor eine Smartphone-Kamera. Manche Gemeinden schneiden jetzt auch ihr ganz eigenes Osternacht-Video mit Lesungen und Vorsängern, das dann für alle zum Mitbeten auf Youtube gestellt wird.

Es ist die Stunde der "Hauskirche", wie sie schon der Apostel Paulus in seinen Briefen beschreibt - ein Rückgriff auf die Ursprünge des Christentums also. "Anpassungsfähigkeit ist uns Christinnen und Christen gleichsam in unsere DNA geschrieben", meint dazu der katholische Salzburger Erzbischof Franz Lackner. "In diesen Tagen der vielen wichtigen auferlegten Einschränkungen verbringen die Menschen viel Zeit zu Hause und in ihren Familien. Das hat auch Folgen für das eigene und gemeinsame Glaubens- und Gebetsleben. Das gilt auch für den Palmsonntag, den Gründonnerstag, den Karfreitag und Ostern. So werden unsere Wohnzimmer dieser Tage gleichsam zu Kirchenbänken."

Der evangelische Bischof Chalupka hält dazu fest: "Wenn wir in der Familie den Gottesdienst zu Hause feiern, schließen wir damit an die Tradition des Geheimprotestantismus an, weil unsere Kirche über Jahrhunderte den Gottesdienst zu Hause gepflegt hat." Er betont die Rolle des Karfreitags, der für die Evangelischen zentral ist. "Er erinnert uns an die Zerbrechlichkeit und Bedürftigkeit nach Versöhnung. Und jetzt in der Corona-Krise merken wir plötzlich, wie bestimmend diese Zerbrechlichkeit zu unserem Leben gehört, die wir sonst in der Geschäftigkeit des Treibens immer ausblenden."

Die Kirche hat in der Krise das Internet so richtig für sich entdeckt und streamt nicht nur Gebete und Gottesdienste, sondern gibt etwa unter www.netzwerk-gottesdienst.at auch Tipps für die liturgische Feier alleine oder im kleinsten Kreis. Die Website auf Initiative der Erzdiözese Wien beinhaltet Modelle mit Gebeten, Lesungen, Segenshandlung, Anregungen für die Feier mit Kindern und Liedvorschlägen. Dabei geht es auch darum, wie schon der Name sagt, Gebetsnetzwerke zu knüpfen. Und ein Schwerpunkt liegt auch auf der Übertragung von Gottesdiensten. Das Angebot richtet sich also an Pfarren ebenso wie an Einzelpersonen. Die Beiträge kommen aus ganz Österreich, der Schweiz und Österreich. Auch die Evangelische Kirche gibt ihren Mitgliedern Gestaltungshilfen.

Auch der evangelische Bischof Michael Chalupka feiert derzeit TV- und Online-Gottesdienste. - © epd/Uschmann
Auch der evangelische Bischof Michael Chalupka feiert derzeit TV- und Online-Gottesdienste. - © epd/Uschmann

"Rückschritt in zentralistische, hierarchische Kirchenbilder"

Kritik am Verhalten der Kirche in der Corona-Krise übt Johannes Pock. Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien spricht im Blog www.theocare.network von einer "vertanen Chance", weil der Großteil der Katholiken durch die Vorgaben der Gottesdienstkongregation und der Bischofskonferenzen von der Kar- und Osterliturgie ausgeschlossen werde. Zwar sei das breite Angebot an Streaming- und TV-Gottesdiensten zu begrüßen, doch zugleich "bieten die nun vorgestellten Normen nicht einen Fortschritt, den man auch nach der Corona-Krise als Errungenschaft mitnehmen könnte, sondern einen Rückschritt in zentralistische und hierarchische Kirchenbilder", kritisiert Pock. "Im Fokus stehen noch mehr als sonst der Bischof und die Priester. Es gibt nicht den kleinsten Schritt dahin, dass man hier das gemeinsame Priestertum stärkt - und in dieser Notlage zuerkennt, dass das gemeinsame Feiern in den Hausgemeinschaften auch ohne einen Priester in Gegenwart Christi geschieht."

Dabei hätte man gerade jetzt die Chance ergreifen und sagen können: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen." Das werde von den Bischöfen auch so gesagt, "aber diese zwei oder drei müssen um einen Priester versammelt sein - und noch schlimmer: bei versperrten Kirchentüren". Für Pock klingt das Ganze "wie ein schlechter Witz", stellt einen massiven Rückschritt in den Bemühungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil dar und ist vor allem ein fatales Signal: "Trotz aller Beteuerungen, dass man dies gut vermitteln muss, dass es nicht den Anschein von ‚Auserwählten‘ machen sollte, ist der Augenschein ein anderer: Wir schließen die Pforten der Kirchen (zumindest für diese Feier) und einige Auserwählte feiern dahinter für alle anderen die Liturgie."

"Ein schwerer Verzicht, aber eine einmalige Ausnahmesituation"

Wenn schon, dann müsste man die Sache konsequent weiterdenken, meint der Theologe. Mit Blick auf die Generalabsolution, die der Papst vor einer Woche über die Medien in die ganze Welt geschickt hat, schlägt Pock vor, dass doch auch der jeweilige Bischof für seine ganze Diözese die Eucharistie feiern könnte, "und die Gläubigen vor den Bildschirmen feiern aktiv mit, und dies nicht nur mit einer geistlichen Kommunion, sondern tatsächlich mit Brot und Wein auf dem Tisch".

Ein Vorschlag, der freilich auch Widerspruch innerhalb der Kirche stößt. Seitens der Erzdiözese Wien heißt es dazu: "Wichtig ist, dass wir vereint feiern." Die Priester in den Kirchen feiern nicht für sich, sondern immer für alle Menschen, betont Diözesansprecher Michael Prüller. "Das tun auch die Gläubigen, die zuhause eine kleine Feierstunde abhalten, eine Ölbergandacht am Gründonnerstag zum Beispiel, oder eine Kreuzmeditation am Karfreitag. Man ist da nicht bloß Augenzeuge eines Gottesdienstes anderswo, sondern Mitfeiernder zuhause. Als Zeichen, dass wir im Gebet alle verbunden sind, schlagen wir vor, währenddessen eine brennende Kerze ins Fenster zu stellen." Ein vereinendes Element kann auch das Läuten der Kirchenglocken zur Feierstunde sein. Und er weist auf die TV-Übertragungen für jene hin, die keinen Zugang zu Online-Streams haben.

"Bei alldem gilt natürlich: Ja, es ist für viele ein schwerer Verzicht, nicht in der Kirche mitfeiern zu können", sagt Prüller. "Aber es ist nur eine einmalige Ausnahmesituation, nicht die Art, wie wir in Zukunft Ostern feiern werden. So viele Menschen müssen in diesen Tagen auf so vieles verzichten, da wollen wir nicht jammern. Es wird alles wieder gut."