Vor 75 Jahren, in der Nacht auf den 12. April 1945, stand der Wiener Stephansdom in Flammen. Der Zweite Weltkrieg neigte sich seinem Ende zu, Ostersonntag war damals schon am 1. April gewesen. An diesem Tag waren die ersten Voraus-Abteilungen der Roten Armee in Wien einmarschiert, Wehrmacht, SS und der Volkssturm leisteten Widerstand, standen aber auf verlorenem Posten. Die Sowjets sollten am Gürtel und am Donaukanal aufgehalten werden, doch beide "Hauptkampflinien" hielten nur kurz der sowjetischen Übermacht stand.

Vor 75 Jahren brannte der Stephansdom - © NB-BILDARCHIV/ALBERT HILSCHER
Vor 75 Jahren brannte der Stephansdom - © NB-BILDARCHIV/ALBERT HILSCHER

Der Erste Bezirk war von SS und Wehrmacht geräumt worden und nicht unmittelbares Kampfgebiet. Deutsche Flakstellungen eröffneten allerdings jenseits der Donau das Feuer, der Stephansdom erhielt einige Treffer. Gleichzeitig plünderten Horden von Wienern die Geschäfte und Lager in der Umgebung und setzten Gebäude in Brand, um die Spuren zu verwischen. Plötzlich brannten in unmittelbarer Nähe des Doms Kaufhäuser, jetzt hatten die Einschusslöcher im Dach fatale Auswirkungen: Der Innenraum der Kirche war kühl, wie bei einem Blasebalg wurde die heiße Luft von außen angesaugt. Das 500 Jahre alte Lärchenholz des Dachstuhls begann lichterloh zu brennen. Am Nachmittag des 12. April zerschellte die 22 Tonnen schwere Pummerin unter fürchterlichem Getöse am Boden.

Zeitzeuge Butterweck kann sich an den Brand des Stephansdoms erinnern.  - © Michael Schmölzer
Zeitzeuge Butterweck kann sich an den Brand des Stephansdoms erinnern.  - © Michael Schmölzer

Die "Wiener Zeitung" hat letzte Zeitzeugen ausfindig mache können, die den Brand des Stephansdoms miterlebt haben und heute davon erzählen können. So war der damals 17-jährige Hellmut Butterweck in der Leopoldstadt in Deckung gegangen. "Vom Dachboden aus habe ich gesehen, dass der Stephansdom brennt", erzählt er. "Ich bin dann hinunter in den Keller und habe gesagt ,der Steffl brennt‘ und die Leute haben gesagt ,nein, das auch noch!‘, so Butterweck, der später als Publizist Bekanntheit erlangte.

- © archiv
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Auch der Wiener Robert Schigutt hat den Steffl brennen sehen. Er wohnte 1945 in der Nähe des Schafbergs. "Ich bin hinauf auf die Anhöhe, da hat man Blick auf die Innenstadt. Und da habe ich den Stephansdom brennen sehen. Lichterloh. Das hat als Wiener weh getan", erinnert sich der spätere Arzt.

Dom sollte in Schutt und Asche gelegt werden

Doch eigentlich hätte es noch viel schlimmer kommen sollen: Denn als sich die russischen Truppen schon bis in die Innenstadt vorgearbeitet und die Deutschen über den Donaukanal zurückgezogen hatten, nutzte der österreichische Widerstand die Gunst der Stunde und hisste auf dem Turm des Steffls die weiße Fahne. Daraufhin erging der deutsche Befehl, den Turm unter Beschuss zu nehmen. Der in Hannover geborene Wehrmachtshauptmann Gerhard Klinkicht kommandierte damals eine Flakstellung jenseits der Donau auf dem Bisamberg. Er erhielt folgenden Befehl: "Als Vergeltung für das Hissen der weißen Fahne auf dem Stephansdom ist der Dom zunächst mit 100 Granaten Schutt und Asche zu legen. Sollte das nicht ausreichen, ist bis zu seiner Zerstörung weiterzuschießen." Klinkicht verweigerte den Befehl. Aus Gewissensgründen. Die Befehlsverweigerung hätte ihn Kopf und Kragen kosten können.

1997 wurde Klinkicht im Beisein von Erzbischof Christoph Schönborn mit einer Gedenktafel am Stephansdom geehrt.