Nur Spaziergänger, ein paar Sportler und "hie und da ein Hundebesitzer" kommen derzeit am exklusiven Tabakwarengeschäft von Maria Mohilla am Wiener Kohlmarkt vorbei. "Statt ansonsten 400 habe ich derzeit um die 100 Kunden pro Tag. In den Wochen davor waren es 30", sagt sie. Vor allem Stammkunden sind es, die im Moment bei ihr einkaufen: "Sie sind froh, dass ich da bin, und es macht mir Freude, ihnen die Krise mit einer guten Zigarre zu versüßen."

Mohilla betreibt mit ihrem Geschäft einen der letzten Traditionsbetriebe am Kohlmarkt. Seit 1856 ist das Geschäft in der Familie, seit 1906 am jetzigen Standort. Mit 22 Jahren hat sie 2008 das Geschäft von ihrem Vater übernommen, seither führt sie den Betrieb mit großer Leidenschaft. Derzeit macht auch sie sich freilich viele Gedanken, wie es weitergeht. "Die laufenden Kosten sind ja trotz fehlender Umsätze da. Was ich derzeit einnehme, ist längst nicht kostendeckend." Dennoch sei sie "relativ optimistisch", denn: "Mein Geschäft hat in seiner langen Geschichte schon viele schlimme Zeiten überlebt - ich hoffe, dass wir auch diesmal danach wieder aufstehen und neu durchstarten."

"Wir spüren einen starken Rückhalt aus der Tradition", sagen die Inhaberinnen der Buchhandlung am Lichtensteg 1 (gegründet 1817) schräg vis-à-vis der Ankeruhr. - © Fa. Remmer
"Wir spüren einen starken Rückhalt aus der Tradition", sagen die Inhaberinnen der Buchhandlung am Lichtensteg 1 (gegründet 1817) schräg vis-à-vis der Ankeruhr. - © Fa. Remmer

Trotz Krise und Schwierigkeiten sich wieder aufzurappeln und weiterzumachen, das kennen viele Betreiber von Wiener Traditionsgeschäften bereits aus der Zeit vor Corona. Viele der oft jahrhundertealten Unternehmen haben schon zwei Weltkriege und mehrere Wirtschaftskrisen überstanden. Heute machen die vergebliche Suche nach einem Nachfolger, Großbetriebe und große Online-Händler, wachsende Digitalisierung und Schnelllebigkeit ihnen das (Über-)Leben schwer. Besondere Sorgen bereitet den meisten die ortsübliche Miete, durch die der Mietpreis bei einer Neuvergabe meist enorm steigt und die Übernahme oft unleistbar wird.

Auch Maria Mohilla spürt den Druck durch die ortsübliche Mietanpassung. Jetzt, wo die Umsätze fehlen, stärker denn je. Der monatliche Mietpreis liegt "im mittleren fünfstelligen Bereich" und steigt jedes Jahr um ein Fünfzehntel. "Wenn die Miete in fünf Jahren das ortsübliche Niveau erreicht hat, zahle ich das 31-Fache von dem, was mein Vater bezahlt hat", sagt die Geschäftsfrau.

Zum Vergleich: Laut Mietpreisspiegel der MA 25 für Stadterneuerung liegt der Richtwert bei Mietpreisen für Geschäftslokale am Kohlmarkt derzeit bei 250 bis 400 Euro, am Graben bei 250 bis 350 Euro netto pro Quadratmeter, auf der Kärntner Straße bei bis zu 300 Euro und auf der Mariahilfer Straße je nach Hausnummer bei 30 bis 100 Euro (Mietpreise verhandelbar).

Auch für Christoph Masin, Besitzer des 1862 gegründeten Teegeschäfts JägerTee in der Operngasse, ist die Miete ein großer finanzieller Brocken. Er stieg als Quereinsteiger in den Familienbetrieb seiner Frau ein und übernahm ihn 2013 in vierter Generation von seinem Schwiegervater. Das Geschäft hatte, obwohl es zum Lebensmittelhandel zählt, bis vergangene Woche geschlossen, weil sich ein Offenhalten nicht rentierte. Zudem wollte er seine Kunden und Mitarbeiter schützen, so Masin. Der Betrieb laufe auf Kurzarbeit. "Ich habe bei der Hausverwaltung um Mietzinsminderung angesucht, aber eine negative Antwort bekommen, weil ich ja hätte offenhalten dürfen. Gerade in dieser Situation hätte ich mir ein Entgegenkommen in irgendeiner Form gewünscht", sagt er.

Visiere statt Masken

Seit 14. April hat das kleine Teegeschäft von 10 bis 15 Uhr wieder geöffnet. Eine Herausforderung sei die Maskenpflicht, sagt Masin: "Nach ein paar Stunden im Verkauf ist die komplett nass, deshalb tragen meine Mitarbeiter und ich, nach Rücksprache mit der Wirtschaftskammer, jetzt Plexiglasvisiere."

Aber auch die Kunden müssten sich erst an die Masken gewöhnen. 90 Prozent von jenen, die derzeit kommen, seien über 70 Jahre alt: "Einige nehmen beim Sprechen die Maske vom Mund oder wollen ohne einkaufen. Auch das nötige Abstandhalten funktioniert trotz Hinweisen am Boden nicht immer."

Was Masin in den vergangenen vier Wochen positiv bleiben ließ, war sein Online-Shop, in den er in den vergangenen Jahren viel investiert hat. Das lohne sich jetzt: "Der Online-Shop war der Schwimmreifen, der uns über Wasser hielt. Wir hatten sehr viele Bestellungen und Unterstützung durch Stammkunden und Freunde und konnten durch Mundpropaganda und verstärkte Werbung auf Social Media auch viele neue Kunden dazugewinnen." Trotz allem sei der Umsatz online nicht zu vergleichen mit dem Umsatz im Geschäft. Der finanzielle Verlust liege derzeit bei 30 bis 40 Prozent. Wie groß die Einbußen tatsächlich seien, werde sich aber erst in ein paar Wochen oder Monaten zeigen.

Kündigungen

Auf Kurzarbeit umgestellt hat auch Hanni Vanicek, seit 60 Jahren Eigentümerin des heuer 300 Jahre bestehenden Geschäftes "Zur Schwäbischen Jungfrau" für erlesene Tisch-, Bett- und Frotteewäsche am Graben. "Es wird enger für uns. Was mir am meisten wehtut, ist, dass ich zwei Mitarbeiterinnen kündigen musste, weil wir die Krise sonst nicht überleben", sagt die 82-jährige gelernte Schneidermeisterin. "Die Mitarbeiter sind bei uns ja wie Familienmitglieder. Ich hoffe sehr, dass ich sie im Herbst wieder einstellen kann."

Der Traditionsbetrieb auf drei Etagen mit kleinem Lift, den Hanni Vanicek mittlerweile mit ihrem Sohn führt, ist sehr auf persönliche Beratung ausgerichtet und hat zudem viele Kunden aus dem Ausland. "Wenn keine Fremden anreisen können, wird es wahrscheinlich bis Weihnachten dauern, bis wir uns erholen."

Als eine Reaktion auf die Krise näht der Betrieb derzeit Schutzmasken "aus unseren bunten Stoffen" in der hauseigenen Näherei. Die Nachfrage aus dem In- und Ausland sei groß. Was sie in den vergangenen Wochen geärgert habe, sei, dass die Supermärkte "alles bis hin zum Fahrrad verkaufen durften", sagt Vanicek: "Dass die großen Ketten daran verdient haben, während die Fachgeschäfte geschlossen hatten, ist gemein", sagt sie. Ihr Geschäft habe nun wieder von 10 bis 18 Uhr geöffnet: "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass jetzt schon viele bei uns einkaufen, weil es nicht dringend ist. Bettwäsche kann man ja auch ein Monat später kaufen." Trotz aller Sorge zeigt sich die erfahrene Geschäftsfrau aber auch zuversichtlich: "Es ist eine schwere Zeit für alle, eigentlich eine Katastrophe. Aber wir stehen das schon durch. Wir halten alle im Team zusammen und werden fest arbeiten."

Langsames Öffnen

Über eine Welle von Hilfsbereitschaft und Unterstützung seitens ihrer Kunden freuen sich Ulla und Susanne Remmer, die Inhaberinnen der 1817 gegründeten Buchhandlung "Franz Leo & Comp." am Lichtensteg 1, schräg vis-à-vis der Ankeruhr. "So viele Leute signalisierten uns ‚Bitte haltet durch! Wir bleiben euch treu!‘", sagt Ulla Remmer.

Drei Stunden pro Tag habe das Buchgeschäft nun wieder geöffnet, bei Bedarf könne man außerhalb dieser Zeiten aber auch anklopfen. Nur zwei Kunden gleichzeitig dürfen hinein. "Ab nächster Woche wollen wir dann Schritt für Schritt länger aufsperren."

Über regelmäßige Newsletter hielten die Schwestern während der Schließung aus Geschäft und Homeoffice Kontakt zu ihren Stammkunden, per Telefon oder Mail bestellte Bücher wurden, und werden auch jetzt noch, verpackt, versendet und im Rahmen der Möglichkeiten auch persönlich zugestellt. Auf der Homepage führte neben dem Webshop zudem ein virtueller Rundgang mit Buchtipps durch die geschlossene, frühlingshaft dekorierte "Dornröschen-Buchhandlung".

"Wenn uns Kunden fragten, wie sie uns helfen können, antworteten wir meist, dass sie uns ohnehin schon helfen, indem sie bei uns Bücher kaufen", sagt Remmer. Manche hätten auch ein Guthaben deponiert, das ihnen für künftige Käufe angerechnet wird. In den Hintergrund gerückt sei in den vergangenen Wochen die persönliche Beratung, aber auch da gab und gibt es Möglichkeiten per Mail und Telefon: "So hat uns etwa eine Großmutter angerufen, die ihrer Enkelin derzeit online Märchen vorliest und fragte, welches Buch wir empfehlen."

Natürlich sei die Lage auch für sie prekär, sagt Ulla Remmer, es fehlten Laufkundschaft und Touristen und auch der Webshop könne das nicht auffangen, doch: "Wir haben Bestellungen und wir haben Arbeit. Es ist schön zu sehen, dass der Buchhandel auch in so einer Situation funktioniert."

Die lange Geschichte ihres Geschäfts gebe ihnen derzeit viel Kraft, sagt Remmer, ähnlich wie Maria Mohilla. Erst kürzlich, als sie mit dem Rad Bücher zustellte, habe sie an ihren Vater denken müssen, wie er in der Nachkriegszeit per Fahrrad die Bücher ausgeliefert hat. "Ich spüre einen starken Rückhalt aus der Tradition. Unsere Buchhandlung hat schon viel Schlimmeres erlebt und irgendwie fand sich immer eine Lösung - und so wird es auch jetzt sein."

Kleine Betriebe unterstützen

Gut sei, "dass das Bewusstsein jetzt gestärkt wird, wieder bei kleinen lokalen und regionalen Betrieben einzukaufen", sagt Pia Huber-Pock, die mit ihrem Bruder die renommierte, 1901 gegründete Papierwarenhandlung Huber & Lerner in vierter Generation führt. Das Geschäft in der Weihburggasse, das sich bis 2002 an der Adresse Kohlmarkt 7 befand, ist auf exquisite Drucksorten spezialisiert und konnte während der Schließung online einen gewissen Betrieb aufrechterhalten. "Das ist aber nur ein kleiner Bruchteil von unserem sonstigen Umsatz, wir haben Kurzarbeit beantragt", sagt Huber-Pock. "Jetzt haben wir am Nachmittag vier Stunden offen. Die derzeitige Situation zeigt hoffentlich, wie wichtig es ist, dass kleine Betriebe, die ja in Summe Systemträger sind, unterstützt werden."

Gerade für Traditionsgeschäfte habe sich in den vergangenen Jahren viel verändert am Markt, sagt die Geschäftsführerin: "Vom guten Ruf und der langen Tradition alleine kann man heute nicht mehr leben. Die Anforderungen durch gesetzliche Auflagen und Vorgaben sind gestiegen, die Leute sind informierter, erwarten mehr, wollen alles schneller. Es kommen immer mehr Aufgaben und Herausforderungen dazu und all das muss man mit kleinstem Personalaufwand bewältigen." Sie wünscht sich mehr Unterstützung für Traditionsbetriebe von Stadt und Politik, denn: "Wir brauchen andere Rahmenbedingungen. Man muss sich einmal vorstellen, was es für die Stadt bedeuten würde, wenn die Traditionsbetriebe alle weg sind."

Abschied für immer

Dass viele Wiener Traditionsbetriebe in den vergangenen Jahren von der Bildfläche verschwunden sind, sei traurige Realität, sagt Freya Martin, Autorin des 2019 erschienenen Buches "Wiener Traditionsbetriebe - Ein Stück vom alten Wien". "Wenn ein Wiener Traditionsgeschäft schließt, dann ist das ein Abschied für immer. Jedes Jahr sperrt wieder eine Handvoll zu. Die Liste derer, die es einmal gab, ist lang." Mit jedem Traditionsbetrieb, der zusperrt, gehe ein Stück Wiener Stadt- und Kulturgeschichte unwiederbringlich verloren. Und auch das Stadtbild verändere sich: "Souvenirläden und internationale Ketten machen sich breit und sorgen für einen Einheitsbrei an Geschäften wie in jeder x-beliebigen Stadt."

Um ein Zeichen dagegen zu setzen, gründete sie mit Claudia Niedersüß vom alteingesessenen Herren-Modeatelier Knize am Graben den Verein "Wiener Werke". "Wir wollen die Traditionsbetriebe wieder ins Bewusstsein der Wiener rücken, denn viele wissen gar nicht, welche Schätze es da zu entdecken gibt", sagt Niedersüß, die die Herausforderungen seit Jahren im eigenen Traditionsbetrieb erlebt. "Den Geschäftsleuten, von denen wir mit vielen in persönlichem Kontakt sind, möchten wir eine gemeinsame Plattform zur Vernetzung bieten und uns für ihre Interessen einsetzen." Einige Pläne wurden auch schon umgesetzt: So wollen Martin und Niedersüß etwa bei der Unesco um die Anerkennung der Wiener Traditionsgeschäfte als immaterielles Kulturerbe ansuchen. Ein eigener Ball der Wiener Traditionsbetriebe ist angedacht, es fanden Podiumsgespräche zum Thema statt und auch Gespräche mit der Stadt sind geplant, um diese mit ins Boot zu holen. Zudem wird das Mietrechtsgesetz mithilfe von Juristen nach möglichen Grauzonen durchsucht.

Zeit, Qualität, Genuss

Auch in der Gegenwart herrsche in den Wiener Traditionsunternehmen noch immer dieses besondere Flair von einst vor, freilich gepaart mit modernem Unternehmertum, sagt Freya Martin: "Ob das Glaswaren- und Luster-Handelshaus J. & L. Lobmeyr, die Hutmanufaktur Mühlbauer, das Stoffgeschäft Wilhelm Jungmann & Neffe oder einer der vielen anderen spannenden alten Betriebe - sie gehen mit der Zeit und pflegen dennoch ihre langjährige Geschichte."

In der derzeitigen Krisensituation könne sie nur den Hut davor ziehen, "mit wie viel Kraft und Zuversicht die Wiener Traditionsbetriebe dieser begegnen, obwohl es für viele Unternehmen alles andere als rosig aussieht", so Martin. Nichtsdestotrotz bräuchten diese Geschäfte jetzt mehr denn je die Unterstützung der Kunden: "Vielleicht ein Anlass und Anstoß für den Einzelnen, umzudenken und einmal weniger bei internationalen Online-Plattformen zu kaufen."

Zeit, Qualität, Genuss und persönlicher Service seien die Dinge, die die Menschen an traditionellen Betrieben vor allem schätzen, sagt Christoph Masin. Wer bei den Traditionsgeschäften kaufe, kaufe nachhaltig, so Hanni Vanicek: "Es wird heute billig gekauft, konsumiert und weggeschmissen. Wer bei uns kauft, gibt vielleicht ein bisschen mehr aus, hat an den Dingen aber viele Jahre eine Freude." Viele Wienerinnen und Wiener verbinden auch persönliche Erinnerungen und ein ganz spezielles Einkaufsgefühl mit Traditionsgeschäften oder haben schon als Kinder mit den Großeltern dort eingekauft. So liest man im noch aktiven Online-Gästebuch des ehemaligen Spielzeuggeschäfts Hilpert in der Schulerstraße hinter dem Stephansdom, das 2019 nach 147 Jahren zusperren musste, von "strahlenden Kinderaugen" beim Anblick der Schaufenster, vom "wunderbar knarrenden Holzboden" und viel Bedauern, dass "ein kleines Stück Wien jetzt leider gestorben" ist.

Den gibt’s auch nicht mehr?

Ausrufe wie: "Was, den gibt’s auch nicht mehr?", hört man immer wieder von Passanten, die an den leeren Schaufenstern eines verschwundenen Betriebs vorbeigehen. "Von ‚Oh, wie schade‘ kann aber keiner leben", sagt Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel der Wirtschaftskammer Wien. Ein Patentrezept gegen das Aussterben der Traditionsgeschäfte gebe es angesichts der vielen Ursachen von hohen Mieten bis Stadtentwicklung nicht, aber: "Der Letzte, der das Überleben dieser Betriebe wirklich in der Hand hat, ist der Konsument. Wenn ich bei den kleinen Geschäften nur einkaufe, wenn ich mal was vergessen habe, können die nicht weiter bestehen."

Mehr Infos unter: www.wienerwerke.com

Buchtipp: Freya Martin: "Wiener Traditionsbetriebe - Ein Stück vom alten Wien", Sutton Verlag, 2019.