Am 27. April jährt sich zum 75. Mal der Tag der Unabhängigkeitserklärung der Zweiten Republik. Das entsprechende Schriftstück von 1945 ist von vier Gründungsvätern gezeichnet: Staatskanzler Karl Renner, Adolf Schärf (SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) und Johann Koplenig (KPÖ). Namen und Text der Erklärung wurden in Alfred Hrdlickas Albertina-Denkmal gleichsam zur "ewigen" Erinnerung in Mauthausener Marmor eingemeißelt: "Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten", lautet ihr Anfang.

Für drei Unterzeichner gibt es in Wien Benennungen öffentlicher Flächen. Nicht so für den Vizekanzler der provisorischen Regierung, Johann Koplenig (1891 bis 1968). Er war schon 1924 KPÖ-Chef geworden und stand seiner Partei bis 1965 vor. Sie war die einzige politische Kraft, die im März 1938 zum Kampf für die Wiederherstellung eines selbständigen Österreich aufrief. Ebenfalls historisch unbestrittenes Faktum ist, dass die KPÖ jene Partei war, die den größten Blutzoll im antifaschistischen Kampf zu entrichten hatte. Laut dem Herausgeber des Lexikons der Wiener Straßennamen, Peter Autengruber, wurden in den vergangenen 20 Jahren 21 Verkehrsflächen nach Kommunisten benannt.

Also hielt die Bezirksvertretung Brigittenau unter Bezirksvorsteher Hannes Derfler (SPÖ) die Zeit für gekommen, historische Gerechtigkeit walten zu lassen. Man beschloss mehrheitlich (mit Grünen und Neos), einen Teil des Höchstädtplatzes, wo sich bis 1991 die KPÖ-Zentrale befand, als symbolischen Akt nach Koplenig zu benennen. Dort hatte die KPÖ schon 1988 für ihn in Eigenregie einen Gedenkstein errichtet. Adressänderungen von Anrainern wären in diesem Teilbereich des Platzes nicht erforderlich. Der Historiker Manfred Mugrauer hat eben ein Buch über die Politik der KPÖ nach 1945 veröffentlicht. Für den Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) wäre ein Koplenig-Platz "eine fällige Geste für KP-Verdienste im Widerstand und beim Wiederaufbau eines demokratischen Österreich in einem Jubiläumsjahr".

Im Februar wurde der Bezirk von einer Ablehnung seitens der Stadt überrascht. Ein Unterausschuss des zuständigen Gemeinderatsausschusses schmetterte den Antrag mit Stimmen aller Parteien ab. Bezirkschef Derfler dazu: "Eine solche Entscheidung ohne Rücksprache mit dem Bezirk zu treffen, ist schon kritisch zu hinterfragen." Aber er akzeptiere als Demokrat "den Beschluss der Experten im Ausschuss". Allein, wer waren diese Experten? Welche Autoren mit welcher Expertise lieferten das bloß magistratsinterne Gutachten der MA 9 (Wien-Bibliothek)? Und was ist dessen genauer Inhalt? Von der Stadt wird dies als geheime Kommandosache behandelt. "Datenschutz" heißt aus dem Büro von Stadträtin Veronika Kaup-Hasler (SPÖ) gegenüber der "Wiener Zeitung". Und auf weitere Nachfragen: "Unser Autor ist renommiert, der Name tut nichts zur Sache."

Wie Bürgermeister Michael Ludwig den Vorgang einschätzt, war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren. Denn Ludwig wäre ein echter Experte für Fragen der Geschichte der Arbeiterbewegung. Sein Studium hat er 1992 immerhin mit einer anerkannt fundierten Dissertation über das Parteikonzept der ostdeutschen SED abgeschlossen.

Das Kulturressort möchte nun neue Grundlagen haben. "Die Message ist: Wir werden ein neues externes Gutachten in Auftrag geben", so Sprecherin Renate Rapf. Das nächste Republik-Jubiläum gibt es 2025 - 80 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung.