Sehen Sie, das ist mein neues Vorzimmer." Michaelas Augen strahlen. Hell und freundlich sieht der Raum aus, den sie per Handy-Kamera dem Besucher zeigt. "Das war nicht immer so. Dahinter steckte jede Menge Arbeit", erklärt Michaela selbstbewusst und führt per Kamera ins Wohnzimmer.

"Habe meine Scheu verloren", sagt Michaela. - © Erben
"Habe meine Scheu verloren", sagt Michaela. - © Erben

Seit mehr als 20 Jahren wohnt sie in einer Genossenschaftswohnung in Stadlau. Heuer wollte sie Teile davon sanieren und neu ausstatten, dachte sie sich vor einigen Monaten. Doch es kam anders. "Ich konnte durch das Vorzimmer nicht mehr gehen", sagt Michaela. "An den Bodenfliesen nagte der Zahn der Zeit." Deren Fugen waren grau und unansehnlich. Doch tauschen wollte sie davon keine einzige: Weder hatten sie Sprünge noch waren sie angeschlagen. Michaela machte sich also auf die Suche nach einem professionellen Fliesenleger, der die Fliesen neu hätte verfugen sollen. Doch die Coronavirus-Pandemie machte ihr einen Strich durch die langfristige Planung. Handwerker in ihrer Umgebung waren plötzlich Mangelware; einige standen überhaupt nur für Notfälle zur Verfügung - nicht jedoch für Verfugungen oder Verfliesungen in einer Wohnung. "Auch wollte ich keinen Handwerker mehr in meiner Wohnung haben", gibt Michaela zu. "Um mich so vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen."

Videoclips als Lehrmeister

Michaela gab nicht auf. Jetzt erst recht, dachte sich die 43-Jährige. "Ich muss es wohl selber machen." Mehrere Video-Clips sah sie sich über richtiges Verfugungen im Internet an; suchte nach weiteren Informationen auf verschiedenen Web-Plattformen. "Ja, in nur wenigen Tagen wurde ich so fast zur Profi-Fliesenverfugerin." Mit diesem Informationsvorsprung wagte sie sich nun ans Werk, legte eine Schürze an, setzte sich eine Haube auf, um sich vor dem Staub zu schützen. Dann nahm sie einen Schraubenzieher in die eine Hand und schabte damit die alte Masse in den Fugen so lange auf, bis sie sich darin löste. Danach bereitete sie eine neue Fugenmasse vor und schwemmte diese in die Fliesen ein; modellierte darin vorsichtig die Zwischenräume.

Das für diese Arbeiten notwendige Material hatte sie bereits im Keller gelagert, erzählt sie. "Ich habe es vor wenigen Wochen im Baumarkt gekauft." Fuge um Fuge tastete sie sich voran. Stolz war sie auf ihr Tagwerk, erzählt Michaela. Am nächsten Morgen plagten sie furchtbare Schmerzen in den Knien und am Rücken. "Weil ich immer nur gebückt gearbeitet habe."

Handwerkerinnen-Workshop

Dass Michaela aus der Not eine Tugend machte und sich traute, selbst Hand anzulegen, führt sie auf einen Handwerkerinnen-Workshop im vergangenen Herbst zurück, den sie besuchte. Hier lernte sie das erforderliche "Handwerkszeug", wie sie sagt. Sie war nicht die Älteste und auch nicht die Jüngste. Die angehenden Amateurinnen waren zwischen 25 und 60 Jahre alt. Alle trugen einen gelben Helm. Vielfältig und abwechslungsreich war das Gebotene. Michaela machte sich zuerst an einer Ziegelmauer ans Werk. "Mit einer Schlagbohrmaschine bohrte ich hier einige Löcher."

Weiter ging es mit dem Grundieren und Streichen von Wänden. Auch das Tauschen von Dichtungen oder das Montieren von Armaturen lernten viele der knapp 120 Teilnehmerinnen - darunter auch Michaela. In der Pause gab es zur Stärkung Getränke, belegte Brötchen und Knabbereien. Michaela verließ den Kurs mit einer Urkunde und mit jeder Menge Dübeln, Farben und Katalogen. Auch ein Paar Arbeitshandschuhen befanden sich darunter. "Diese konnte ich jetzt gut gebrauchen", lacht Michaela. Ein Bild mit der Aufschrift "Michaela at Work" hängt neuerdings als Erinnerung in ihrem Vorzimmer. "Women at Work ist ein voller Erfolg, denn Baumärkte sind längst keine reine Männer-Domäne mehr", sagt Jörg Bierlein, Marktleiter von Hornbach Stadlau.

"Geschlecht ist irrelevant"

"Zu uns kommen immer mehr Frauen, die selbst ans Werk gehen wollen und gezielt nach Anleitungen und Tipps von Profis suchen." Bohren, Hämmern, Dübeln - bei Projektabenden werde das nötige Know-how vermittelt, so der Marktleiter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Überwiegend positiv sei das Feedback der Amateurinnen auf die Handwerkerinnen-Kurse bei Hornbach, freut sich der Marktleiter. Auf die Frage, ob sich diese Abende positiv auf den Umsatz des Stadlauer Marktes auswirken, ging er im Gespräch nicht ein.

Sind Frauen handwerklich genauso geschickt wie Männer, wollen wir von Karin Brunner von der Fraueninitiative Craftistas in der Roseggergasse im 16. Bezirk in Wien wissen. "Ja, das habe nichts mit dem Geschlecht zu tun", sagt sie. "Alles, was ich lernen will, kann ich lernen." Keine Frau soll daher eine Scheu vor handwerklichen Tätigkeiten haben. Craftistas unterstützt Frauen durch Workshops, in denen sie den richtigen Umgang mit Werkzeugen lernen; erfahren hier auch, wie sie Waschmaschinen selbst warten und reparieren. Auch sollen sie danach Lichtschalter oder Steckdosen tauschen können; mit Naturmaterialien wie Holz arbeiten oder Sofas mit Stoff neu beziehen. Amateurin Michaela hätte hier bestimmt ebenso das Verfugen von Fliesen lernen können, ist Karin Brunner überzeugt.

Lockdown war ein Drama

Das ehrenamtliche Team bei Craftistas setzt sich aus Tischlerinnen, Elektrotechnikerinnen und textilen Handwerkerinnen zusammen. Die Kurse seien zwar nicht kostenlos, jedoch berücksichtigen die Organisatoren die soziale Situation der Teilnehmerinnen. Gewinnorientiert arbeite die Initiative nicht. Sie wird von der öffentlichen Hand unterstützt. Das handwerkliche Talent von Frauen soll in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen werden, wünscht sich die hauptberufliche Elektrotechnikerin Karin Brunner, die Craftistas auch als "ein politisches Statement" versteht. Der Lockdown war für den Verein im Übrigen ein Drama. Alle Workshops mussten plötzlich abgesagt werden. Daher freut sich die Initiative über die Wiederaufnahme des Betriebs im Juli. Unmittelbar vor dem Vereinslokal auf einem Parkplatz soll dann bald eine sogenannten Grätzel-Oase entstehen, die im Rahmen eines Workshops von den Kursteilnehmern geplant und errichtet wird.

Handwerklich geschickt war sie immer schon, gibt Michaela jedenfalls zu. Arbeiten in der Wohnung gehen ihr jetzt nach den letzten Wochen in Zukunft bestimmt noch leichter von der Hand, ist die Neo-Handwerkerin überzeugt. Auf professionelle Handwerker möchte sie daher in Zukunft großteils verzichten. Strom- und Wasserleitungen würde sie jedoch niemals anfassen. Nein, das wäre ihr viel zu riskant. "Ich weiß jetzt, dass ich mich auf meine eigenen Fähigkeiten und Talente verlassen kann", sagt Michaela. "Gerade in Krisenzeiten, wenn Not an Handwerkern ist."