Familien sitzen unter Eichen im Gras. Die Drachen der Kinder schaukeln in der warmen Brise. Trotz bedrückender, pandemischer Weltlage ist die Stimmung auf der Jesuitenwiese im Prater beinahe ausgelassen. Es ist ein herrlicher Frühlingstag mitten im April. Bäume treiben Knospen aus. Ihre Kronen sind saftig und grün. Doch das Idyll blendet. Es täuscht über eine imminente Katastrophe hinweg. Hobbygärtner und Landwirte haben sie als Erste bemerkt. Nun dämmert es langsam auch den Städtern: Das Niederschlagsdefizit ist enorm. Zwar hat es pünktlich zum Maibeginn geregnet. Das ist aber nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Die Folgen der lang anhaltenden Trockenheit sind noch nicht absehbar. Es droht eine Dürre.

Die Wasserspeicher
der Böden sind leer

Schüttet man einen Liter Wasser in ein ein Quadratmeter großes Aquarium, steht es genau einen Millimeter hoch. Meteorologen sprechen dann von einer Wassermenge von einem Millimeter. In gewöhnlichen Jahren fallen in Wien im April etwa fünfzig Millimeter Regen. Heuer waren es sieben. Sieben Millimeter für alle Bäume, Sträucher, Blumen, Gräser der Stadt. Dabei bräuchte die Natur gerade jetzt kräftigen Niederschlag. Denn die vergangenen beiden Jahre waren außergewöhnlich trocken. Die Wasserspeicher der Böden sind leer.

Hier hat die Miniermotte zugeschlagen. Sie liebt die Hitze, im Gegensatz zum von ihr befallenen Kastanienbaum. - © WInterer
Hier hat die Miniermotte zugeschlagen. Sie liebt die Hitze, im Gegensatz zum von ihr befallenen Kastanienbaum. - © WInterer

Das hat man auch an jenem Apriltag auch der Jesuitenwiese angemerkt. Regen hatte sie schon lange keinen mehr gesehen. Ein Streifenwagen auf Corona-Patrouille wirbelte eine Staubwolke auf. Kinder rieben sich die Augen. Der Boden zwischen den Grashalmen war steinhart, trocken und fest. Wie im Hochsommer. Dabei war es erst Ende April.

Im Frühling säuft sich die durstige Natur eigentlich den Wasservorrat für den endlosen Sommer an. Im Frühling werden Spaziergänge von ausgiebigen Landregen vermasselt. Im Frühling durchpflügen Regenwürmer, Asseln, Milben die nasse Erde. Im Frühling stehen Regenbögen reihenweise am Himmel. Eine feuchte, warme, fruchtbare Periode, mit nassen, tiefen Wiesen und bierflaschenhohen Gräsern. So war es, und so ist es nicht mehr. Aber warum eigentlich nicht? Warum bleibt seit einigen Jahren vor allem im Frühling der Regen aus?

Schuld daran sind Max, Jürgen und Günter - Hochdruckgebiete, die sich hartnäckig über Europa festsetzen. "Die Wetterlagen sind statischer als früher", sagt der Klimaforscher Klaus Haslinger von der ZAMG. "Wenn es also einmal heiß und trocken ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es lange so bleibt." Das liegt an der Oberflächentemperatur des Nordatlantiks. Der steuert die Wetterlagen in Europa. "Wir beobachten in den vergangenen Jahren immer wieder, dass die feuchte Luft vom Atlantik von Hochdruckgebieten blockiert wird und nicht nach Europa durchdringt. Eine ähnliche Situation gab es bereits in den 1940er Jahren mit extrem trockenen Sommern."

Eine wiederkehrende Wettersituation also? Keine Folge des Klimawandels? Haslinger winkt ab. "Die Veränderung des Klimas trägt mit Sicherheit zur anhaltenden Trockenheit bei." Denn die wärmeren Temperaturen lassen die Pflanzen früher austreiben. Über ihre Blätter verdunsten sie früher mehr Wasser, was wiederum zu einem Defizit im Boden führt. Über kurz oder lang geht ihnen die Feuchtigkeit aus.

Gestresste Bäume sind anfälliger für Schädlinge

Die Folgen können gravierend sein. Bauern müssen ihr Vieh schlachten, weil sie kein Futter mehr haben. Ernten fallen, Bachläufe trocknen aus, Quellen versiegen. Ganze Wälder können absterben. Gestresste, durstige Bäume sind anfälliger für Schädlinge, wie man an der Fichte sieht. Der Borkenkäfer frisst sich unaufhaltsam durchs Land. Und der Forstwirtschaft ihren Brotbaum weg.

Aber auch die Stadt ist von der Trockenheit betroffen. Die Hälfte der Fläche Wiens besteht aus Grünraum. Davon sind rund zwei Drittel öffentlich zugänglich, das sind 12.600 Hektar Wälder, Wiesen und Parks. Sie sind essenziell für das städtische Mikroklima. In Zeiten des Klimawandels kommt ihnen besondere Bedeutung zu. Ein Blick auf die Hitzekarte Wiens zeigt: Wo Grünraum ist, ist es kühler. Pflanzen spenden Schatten, kühlen die Luft durch Verdunstung, speichern Kohlenstoff. Abgasfreie, effiziente, natürliche Klimaanlagen. Sie müssen vor der Dürre geschützt werden.

Dafür ist Rainer Weisgram zuständig. Als Direktor der Wiener Stadtgärten (MA42) ist er für rund 900 Parks und Grünflächen verantwortlich. Er und sein etwa 1000 Mitarbeiter großes Team kümmern sich um knapp 500.000 Bäume, 1,2 Millionen Blumen, unzählige Sträucher, Hecken und Wiesen. "Genau jetzt ist die heikelste Zeit im Jahr. Jetzt ist der Austrieb erfolgt. Regnet es in den kommenden Tagen nicht ausgiebig, haben wir ein Problem", sagt Weisgram. Dabei wären die Stadtgärtner eigentlich gut gerüstet. Ausbleibender Regen. Über 40 Hitzetage pro Saison. An die 50 Tropennächte. Temperaturen knapp unter der 40-Grad-Marke. Die Wetterextreme der vergangenen Jahre kamen nicht über Nacht. Die Entwicklung war abzusehen. Und so tüftelt die Stadt seit Jahren an Strategien gegen die Krise.

Japanischer Schnürbaum statt Rosskastanie gepflanzt

Eine davon verändert sukzessive das Stadtbild. Sie dürfte dem aufmerksamen Flaneur wohl kaum entgangen sein. Die Bäume in den Straßenzügen sind zunehmend andere als noch vor wenigen Jahren. Die Stadtgärten haben ihr Sortiment vorsorglich umgestellt. Zwei der drei häufigsten Baumsorten - die Wiener Klassiker -, die die Stadt über Jahrhunderte prägten, haben auf lange Sicht ausgedient - der Ahorn (26 Prozent aller Straßen- und Parkbäume) und die Rosskastanie (12 Prozent) sind den extremen Temperaturen nicht mehr gewachsen.

Der Spitzahorn ist hitzegestresst. Er verliert oft schon Anfang August seine Blätter. Auch der Kastanienbaum ist geschwächt. Er kann sich nicht mehr gegen die Miniermotte wehren. Der Schädling liebt die Hitze. Die Kastanie hasst sie. Sterben die Bäume, pflanzen die Gärtner der MA42 robustere, exotische Alternativen nach. "Der sogenannte Zürgelbaum hat sich als höchst hitzeresistent erwiesen", sagt Weisgram. Er ist auch unter dem Namen "Steinbrecher" bekannt. Seine kräftigen Wurzeln sollen selbst in Felsspalten sprießen. Ursprünglich wuchs er in Südeuropa, in Afrika, in der Türkei. Heute wird er oft in zentraleuropäischen Metropolen gepflanzt.

Auch Sommerblumen
werden ausgetauscht

Der Zürgelbaum löst den Spitzahorn auf der Ringstraße langsam aber sicher ab. "Auch Platanen, Eschen, Japanische Schnurbäume oder Säulengleditschien kommen mit wenig Wasser aus und mit der Hitze gut zurecht. Diese Bäume werden nun vermehrt gesetzt." Letztere bilden etwa in der Begegnungszone auf der Mariahilfer Straße ein fantastisches Blätterdach.

Auch bei den Sommerblumen sattelt die Stadt auf widerstandsfähigere Sorten um, etwa auf Katzenminze, Schafgarbe, Astern und Sonnenhut. Anfang Mai wechseln sie in den 3000 Blumenbeeten der Stadt die Tulpen ab. Die haben es heuer gerade noch geschafft. "Sie blühten zwar in den unterschiedlichsten Farben, waren aber viel zu kurz", sagt Weisgram.

Im Wienerwald setzt man auf eine alte Bekannte - die Eiche. Der rund 1000 Quadratkilometer große Wald bindet Millionen Tonnen CO2 und kühlt Wien mit einer Brise aus dem Umland. Doch auch er leidet unter der Trockenheit. In den vergangenen Wochen gab es sogar etliche Brände. Die Buche - die häufigste Baumart im Wienerwald - braucht viel Wasser.

"Langfristig bauen wir den Wald um", sagt Pia Buchner, Pressesprecherin der Österreichischen Bundesforste, die das Gros des Waldes bewirtschaftet. "Die Eiche hält lange Trockenperioden besser aus und wächst auch auf trockenen Standorten, zusätzlich bildet sie zwei Meter tiefe Pfahlwurzeln aus, mit der sie auch aus tieferen Schichten Feuchtigkeit holen kann."

Bis zu 200 Mitarbeiter fürs Gießen abgestellt

Doch selbst der genügsamste Baum braucht ein Mindestmaß an Wasser. Ihn damit zu versorgen, ist die derzeit größte Herausforderung der Stadtgärtner. Dem Wiener Straßenbaum ist per se kein feuchter, nährstoffreicher Waldboden vergönnt. Er steht in knappen Baumscheiben. Die Wurzeln quälen sich durch knochenharte Böden. Der Beton darüber trennt sie vom Regenwasser, das im Kanal abrinnt.

In Trockenperioden verschärfen sich die Bedingungen zusätzlich. Vor allem die Jungbäume bereiten Weisgram Sorgen. In den ersten drei Jahren benötigen sie etwa 150 Liter Wasser pro Woche. Müssen die Pflanzen in gewöhnlichen Frühlingen kaum bewässert werden, ist die Gießflotte heuer im Dauereinsatz. "150 bis 200 Mitarbeiter sind dafür abgestellt", sagt Weisgram. Mehr als tausend unterirdische und per Funk gesteuerte Bewässerungssysteme helfen den Gärtnern außerdem. Sie versorgen Bäume, Sträucher, Blumen und Wiesen. Viereinhalbtausend Gießsäcke wickeln sich um die Stämme von Jungbäumen. Sie geben das Wasser über einen perforierten Boden langsam ab und halten den Wurzelstock feucht. "Die Trockenphase kostet die Stadt eine Million Euro extra", sagt Weisgram. Für zusätzliche Gießanhänger und zusätzliches Personal. Neben der künstlichen Bewässerung soll eine Wiener Innovation für Abhilfe sorgen. Gemeinsam mit der Boku haben die Wiener Stadtgärtner ein spezielles Substrat entwickelt. Es wird in jedes neue Pflanzloch gekippt. Dabei handelt es sich um ein ausgefeiltes Gemisch aus Ton, Schluff, Sand, Kies und Schotter. Es speichert Wasser und belüftet den Wurzelstock gleichzeitig. Denn außer Wasser braucht ein Baum genügend Sauerstoff, um zu gedeihen. Und so wie Wasser, ist auch der im Großstadtboden knapp - erst recht, wenn er trocken ist.

"Schwammstadt"-Konzept
in Aspern ausprobiert

Wird ein neuer Stadtteil erschlossen, setzt die Stadt deshalb auf das Konzept der sogenannten "Schwammstadt". In der Seestadt Aspern wurde es erstmals in Wien angewandt. Die neu angelegten Straßen sind wie ein Schwamm mit einem Gemisch aus Steinen, Splitt und Kompost unterfüttert. Die Bäume stehen zwar - wie im historischen Bestand - in ihren Baumscheiben, ihre Wurzeln reichen aber in das grobkörnige Schotter-Substrat darunter. In die Hohlräume wird Feinmaterial geschwemmt. Der Boden saugt das Wasser auf und speichert es. Gleichzeitig kann überschüssiges Wasser bei Starkregen ungehindert abfließen. Die Schwammstadt funktioniert im Praxistest. Die Kronen der Bäume in Aspern gedeihen prächtig. Doch auch sie lechzen nach Regen.

Trotz Finanzspritze, ausgebauter Gießflotte, ausgeklügelten Bewässerungssystemen, robusten Bäumen könnte es knapp werden. "Trockene Frühjahre sind oft ein Indiz für Dürren im Sommer", sagt Klimaforscher Haslinger. Die Natur braucht dringend anhaltenden, ergiebigen Regen. 80 Millimeter Niederschlag fehlen in Wien heuer bereits auf das langjährige Mittel. Die Grundwasser-Defizite aus den vergangenen Jahren sind da noch gar nicht mitgerechnet. Mit einem kurzen Mairegen ist es noch nicht getan. Viel mehr gibt die derzeitige Prognose nicht her. Dabei wartet die Stadt auf die Sintflut.