Die Corona-Krise hat die Urbanität in den Städten stark verändert. Wien hat etwa, wie ausführlich berichtet, temporäre Begegnungszonen und Pop-up-Radwege eingeführt, um die Attraktivität der Stadt einigermaßen aufrechtzuerhalten. Die "Wiener Zeitung" hat nun auch bei den Bürgermeistern von Innsbruck und Graz nachgefragt, welche Maßnahmen sie getroffen haben, um die Urbanität ihrer Städte am Leben zu erhalten.

"Wiener Zeitung":Herr Bürgermeister, inwieweit hat sich aus Ihrer Sicht die Urbanität durch die Corona-Krise verändert?

Georg Willi: Auch wenn sich die Situation derzeit entspannt, hat sich durch das Abstandhalten und die Sicherheitsvorkehrungen gerade in Städten viel verändert. Innsbruck ist eine Stadt, die von einer lebendigen Kulturszene, einer bunten studentischen Szene, Gastronomie und Tourismus geprägt ist. Das alles fehlt derzeit noch.

Die Beibehaltung von ein, zwei Tagen Homeoffice könnte Eltern und Umwelt helfen, sagt Siegfried Nagl. - © apa/Scheriau
Die Beibehaltung von ein, zwei Tagen Homeoffice könnte Eltern und Umwelt helfen, sagt Siegfried Nagl. - © apa/Scheriau

Siegfried Nagl: Die Gemeinschaft an sich hat sich stark verändert. Mir ist besonders die Hilfsbereitschaft der jungen Bevölkerung gegenüber den älteren Grazern aufgefallen. In Mehrparteienwohnhäusern wurde zum Beispiel den Nachbarn Hilfe und Unterstützung bei Besorgungen angeboten, es fanden Gespräche mit den Nachbarn, die man vorher nicht kannte, statt. Ich würde sagen, die städtische Anonymität hat sich gewandelt, man war auf einmal füreinander da, hat sich gegrüßt und sich ausgetauscht. Das urbane Flair mit belebten Straßen und Plätzen, vollen Veranstaltungskalender etc. hat sich auf der anderen Seite durch die Ausgangsbeschränkungen von einem Tag auf den anderen komplett gewandelt.

Wie hat die Stadt auf die veränderte Urbanität reagiert?

Willi: Die Stadt war lange Zeit fast gespenstisch ruhig. Ganz wenig Verkehr, kein Flugverkehr. Völlig veränderte Kommunikationswege. Zum Glück sind die Innsbrucker freiheitsliebend. Sie holen sich jetzt Schritt für Schritt ihre Freiheiten zurück, beim Sporteln, über kreative Wege des Kulturschaffens, neue Formen der "Begegnung mit Abstand". Wir als Stadt unterstützen das.

Nagl: Unsere Krisenstäbe haben vor Monaten mit täglichen Sitzungen zu arbeiten begonnen und konnten so innerhalb kürzester Zeit, alle notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge einleiten. Täglich wurden Evaluierungen des öffentlichen Verkehrs durchgeführt und der Takt flexibel angepasst. Für die Grazer Wirtschaft, Bauernmärkte, Gastronomie etc. haben wir ein umfangreiches Soforthilfe-Wirtschaftspaket zusammengestellt. Es wurde auch ein flexibles Kinderbetreuungsangebot geschnürt.

Wien hat einzelne Straßen und Gassen zu temporären Begegnungszonen erklärt - welche konkreten Maßnahmen hat Ihre Stadt gesetzt?

Willi: In Innsbruck wurden die ersten Fußgängerstraßen und Gehsteigverbreiterungen umgesetzt, an mehreren Begegnungszonen wird gearbeitet. Um die Abstandsregelungen einhalten zu können, benötigen wir mehr Platz für Radfahrende und Fußgänger. Dafür sind die Gesetzesänderungen, die von Bundesministerin Gewessler initiiert wurden, sehr hilfreich.

Nagl: Bis auf den Schlosspark in Eggenberg, welcher aufgrund von umfangreichen Pflegemaßnahmen bis heute noch geschlossen ist, waren sämtliche Parkanlagen für die Grazer zugänglich. Zusätzlich haben wir aufgrund der Ausgangsbeschränkungen beschlossen, unsere neue Augartenbucht, früher als geplant, zu öffnen und somit einen Naherholungsraum im dicht besiedelten Gebiet direkt am Wasser zur Verfügung gestellt.

In einzelnen europäischen Städten wurden Einkaufsstraßen zur Unterstützung der Gastronomie an Wochenenden komplett zu Schanigärten umfunktioniert - wäre so etwas auch bei Ihnen denkbar?

Willi: Innsbruck erlässt zur Unterstützung der Gastronomie die Gastgartengebühren für das ganze Jahr 2020 und gestattet die Erweiterung der Gastgärten, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Das hat in manchen Straßen einen ähnlichen Effekt wie etwa in Vilnius, in den Stadtteilen können Kurzparkzonenplätze für Gastgärten verwendet werden.

Nagl: Graz hat eine der größten zusammenhängenden Fußgängerzonen. In diesen Fußgängerzonen halten wir lediglich Verkehrsflächen für Fußgänger und Einsatzfahrzeuge frei, alle weiteren Flächen stehen den Gastgärten zur Verfügung. Sollten Gastronomen weitere Flächen für ihren Gastgarten, aufgrund der Abstandsbestimmungen, benötigen, können diese darum ansuchen. Zusätzlich wollen wir die Gastronomen und Veranstalter finanziell entlasten und haben für das heurige Jahr beschlossen, auf Nutzungsentgelte für Gastgärten, mobile und fixe Imbissstände sowie Veranstaltungen im öffentlichen Raum zu verzichten. Bisher geleistete Zahlungen werden von uns zur Gänze rückerstattet.

Gibt es Maßnahmen, bei denen Sie sich vorstellen können, dass sie auch in der Zeit nach Corona bestehen bleiben?

Willi: Gerade die Maßnahmen, die mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer schaffen, finde ich großartig. Ich hoffe, dass das Erleben dieses "Mehr an Raum" von den Innsbruckern so positiv erlebt wird, dass wir die politischen Mehrheiten finden, das auf Dauer beizubehalten. Grundsätzlich sind wir bemüht, möglichst viel aus der Krise zu lernen.

Nagl: Maßnahmen sind gedacht, eine herausfordernde Situation temporär zu überbrücken. Ich denke daher nicht, dass es darum geht Maßnahmen beizubehalten. Aber die Pandemie hat uns gezeigt wo wir Lücken schließen müssen und wo wir eine neue Prioritätenreihung vornehmen sollten. Hierzu zählen für mich zum Beispiel das Gesundheitssystem sowie die Forschung und Entwicklung. Autarkie und Regionalität müssen in Zukunft in Österreich und der EU wichtiger werden. Medikamente und Schutzausrüstung etwa, dürfen nicht mehr nur als Importware zur Verfügung stehen. Wir haben die Chance bekommen, die Digitalisierung schneller im beruflichen Bereich zu implementieren und dadurch auch dem "Arbeiten von zuhause" einen neuen Stellenwert zu geben. Mit ein bis zwei Homeoffice-Tage pro Woche können wir den Verkehr und dadurch Emissionen minimieren. Gleichzeitig kann es eine große Erleichterung für Eltern, Pendler und alle Menschen sein, welche eine Beeinträchtigung haben oder Mitmenschen sowie Tiere im Haushalt betreuen.

Wie geht man in Ihrer Stadt mit dem Abstandhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln um, wenn die Schule wieder startet und tausende Kinder zu den Stoßzeiten unterwegs sind? In Frankreich fordern die Bürgermeister zusätzliche Polizisten, um die Einhaltung der Maskenpflicht und Abstandsregeln zu kontrollieren.

Willi: Lassen wir die Kirche im Dorf: Die Öffis halten an jeder Haltestelle und alle Türen gehen auf, damit die Durchlüftung passt. Wir arbeiten mit der Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe und Landesrätin Beate Palfrader daran, gestaffelte Schulöffnungszeiten zu bekommen, um den Morgenverkehr zu entzerren. Dazu kommen gute Informationen der Innsbrucker Verkehrsbetriebe, regelmäßige Desinfektion der Öffi-Fahrzeuge und gut geschultes Fahrpersonal. Bisher funktioniert das sehr gut. Und jeder weiß: Innsbruck als Stadt der kurzen Wege ist ideal für das Fahrrad.

Nagl: Wir führen bereits seit einigen Wochen, in regelmäßigen Abständen, mit der Polizei Schwerpunktaktionen zur Überprüfung der Einhaltung des Mund-Nasen-Schutzes in den öffentlichen Verkehrsmitteln durch. Weiters setzen wir auf Sensibilisierung mittels einem "Erklär-Video". Den Takt der öffentlichen Verkehrsmittel werden wir im Vergleich zum Normalfahrplan weiter erhöhen und wie bisher auf tägliche Evaluierungen und flexible Anpassungen setzen. Auch die Eltern selbst können einen großen Beitrag zur Entlastung der öffentlichen Verkehrsmittel leisten, indem sie mit ihren Kindern wieder den Schulweg zu Fuß entdecken und ihre Kinder motivieren, kurze Wege zu gehen.

Gibt es Maßnahmen zur Förderung der Fahrrad- oder sogar der Autonutzung, um die Öffis zu entlasten?

Willi: Wir nehmen einen Trend zu mehr Radverkehr wahr. Die Autonutzung werden wir sicher nicht fördern, weil dafür unser Straßennetz zu eng ist. Unser Rezept ist eine Stadt der kurzen Wege, wo das zu Fuß gehen, das Radfahren und die Öffis zusammen einen Großteil der Mobilitätsbedürfnisse abdecken können.

Nagl: Der öffentliche Verkehr hat seine stärksten Anteile bei den 11- bis 15-Jährigen, meine Intention ist es nicht, den Mitfahreranteil der Jugendlichen im motorisierten Individualverkehr zu erhöhen. Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen wir weiterhin attraktiv halten und ausbauen. Bereits vor der Corona-Pandemie habe ich zusammen mit meinem Koalitionspartner und dem Land Steiermark eine Investition von 100 Millionen Euro für den Radverkehr beschlossen. Hiermit wollen wir eine nachhaltige Mobilitätswende für Graz erreichen.

Wie kann eine Stadt fehlende kulturelle Vielfalt kompensieren?

Willi: Gar nicht. Wir können nur alles tun, damit Kulturveranstaltungen bald wieder stattfinden können. Zehn Quadratmeter-Regeln sind da völlig kontraproduktiv und überzogen. Wir versuchen, das Kulturangebot mehr in den öffentlichen Raum zu verschieben, bei uns singen zur Überbrückung dieser schweren Zeit Opernsänger aus den Fenstern rund um das Goldene Dachl, Brass-Ensembles werden die Öffnung der Gastgärten begrüßen u.ä. Im Übrigen müssen wir alles tun, um das wirtschaftliche Überleben der Kulturveranstalter sicherzustellen.

Nagl: Ich denke nicht, dass es an kultureller Vielfalt fehlt, es entwickeln sich gerade neue Formen und die Markierungen werden durch die Bevölkerung neu gesetzt. Durch die Ausgangsbeschränkungen werden die zwischenmenschlichen Kontakte bewusster und verbindlicher. Dies verändert ganz stark die Kultur des Zusammenlebens unserer Stadt. Ich beobachte zum Beispiel, dass sich die Menschen wieder grüßen, bewusster Blicke zuwerfen und in Kontakt treten. Wir erfahren plötzlich, dass das Gespräch über einen Zaun oder Balkon eine tiefere Begegnung sein kann, als eine beiläufige "Bussi-Bussi-Begrüßung".