Ist Wien in Zeiten von Corona überhaupt noch eine Stadt? Also nicht nur dieser Schnittpunkt größerer Verkehrswege mit einer eigenen Verwaltungs- und Versorgungsstruktur. Sondern diese urbane Größe, die Wien zu Wien macht. Die Stadt wirkt leer und ausgestorben, wenn keine kulturellen Veranstaltungen stattfinden und keine Lokale geöffnet haben. Daran ändern auch temporäre Begegnungszonen oder kurzfristig geschaffene Radwege nur wenig.

Die Spontanität ist eine der wichtigsten urbanen Komponenten, die durch die Corona-Krise verloren gegangen sind, erklärt Cornelia Ehmayer-Rosinak, Spezialistin in Sachen Stadtpsychologie. "Ich finde einen Film, der mir gefällt, und gehe ins Kino. Danach gehe ich, wenn ich Lust habe, noch einmal ins Kino, oder, wenn mir danach ist, ins Konzert. Das ist typisch Stadt", sagt die Psychologin. Städter sind es gewohnt, viele Sachen leicht und schnell verfügbar zu haben. Ist das nicht der Fall, empfinden sie es als großen Verlust und Einschnitt. "Das ist der Unterschied der Städter zu anderen, die es ohnedies gewohnt sind, für jeden Kulturgenuss Aufwand und Planung betreiben zu müssen", erklärt Ehmayer-Rosinak.

So führt die Corona-Krise dazu, dass den Städtern ihre eigene Stadt versperrt ist: "Der öffentliche Raum ist zwar offen, aber das Urbane, das, was die Stadt ausmacht, ist nicht zugänglich. Ich darf die Dinge und Möglichkeiten, die mir die Stadt bietet nicht nutzen, die Stadt ist für mich versperrt", führt Ehmayer-Rosinak weiter aus.

Spontanität im persönlichen Umgang leidet

Der Verlust an Spontanität betrifft aber nicht nur kulturelle Veranstaltungen oder veränderte gastronomische Gewohnheiten; auch im persönlichen Umgang leidet sie. "Es gibt drei Arten von Distanz: intime, persönliche und soziale", erklärt Ehmayer-Rosinak. Erstere reicht bis zu einem Abstand von 45 Zentimeter, die zweite von 45 Zentimeter bis zu einem Meter und die dritte von einem Meter bis zu drei Meter sechzig. Die persönliche Distanz ist während der Krise verloren gegangen, beziehungsweise sollte sie auch weiterhin vermieden werden. Denn normalerweise, wenn man auf der Straße jemandem begegnet, den man gut kennt, beträgt der Abstand weniger als einen Meter.

"Man kann gut beobachten, dass Menschen, die einander offensichtlich gut kennen, weiter auseinandersitzen als früher", sagt die Psychologin. Ein spontaner Klaps auf die Schulter, eine instinktive Annäherung mit dem Kopf: Das alles fällt weg und könnte nachhaltig Spuren hinterlassen.

"Wie begegne ich den anderen, wie schnell berühre ich jemanden? Dieses Sozialverhalten schreibt sich in die Seele des Menschen ein. Es verändert Menschen psychisch, wenn man ihnen nicht zu nahe kommt", sagt Ehmayer-Rosinak. Wie sehr sich das neue Verhalten bereits festgesetzt hat, kann man an sich selbst beobachten, etwa, wenn man einen Film sieht, in dem Menschen einander näherkommen und keine Maske tragen. Das kann schon ein eigenartiges Gefühl wecken.

Aktueller Zustand kann die ganze Stadt verändern

"Hält dieser Zustand über längere Zeit hinweg an, kann das eine emotionale Distanzierung bewirken", gibt Ehmayer-Rosinak zu denken. Das ist zwar von Fall zu Fall verschieden: "Menschen, die gerne Nähe haben und diese suchen, leiden nun mehr als andere. Distanziertere Personen werden, damit besser zurechtkommen, weil es ihrem Verhalten entgegenkommt", so Ehmayer-Rosinak. Doch grundsätzlich kann dieser Wandel im Sozial- und Distanzverhalten nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Stadt verändern.

Der typische Vergleich von Nord- und Südländern in Europa kann das veranschaulichen: "Im Süden hat man es gerne näher, im Norden lieber distanzierter. Vielleicht werden die Wiener da ein bisschen nordländischer." Ehmayer-Rosinak gibt trotzdem vorsichtig Entwarnung: Das Distanzverhalten habe sich geändert und das werde auch noch eine Zeit lang so bleiben. Doch Menschen tendieren, bei einem Trauma ohne Behandlung dazu, möglichst schnell das Geschehene zu vergessen. "Die Menschen werden sehr gerne zu ihrem ursprünglichen Verhalten zurückkehren. Die Corona-Krise wird unser Bewusstsein nicht nachhaltig verändern, denke ich."

Sollte der Krisenmodus längere Zeit anhalten und beispielsweise die befürchtete zweite Coronaviruswelle über die Stadt hereinbrechen, würde die Stadt stark an Attraktivität verlieren und in kulturelle Armut verfallen. Gleichzeitig könnte eine Art Biedermeier entstehen. Allerdings: "Sachen nur online zu sehen, erfüllt nicht alle Bedürfnisse", sagt Ehmayer-Rosinak. Am Ende könnten sogar Proteste und Widerstand in der Bevölkerung die Folge sein. "Die Städter sind sehr selbstbewusst und lassen sich ihren Raum nicht einfach wegnehmen", sagt Ehmayer-Rosinak.

Schon jetzt ist der Ruf nach Attraktivierung bzw. Urbanisierung der Stadt in der Bevölkerung groß - was in Wien gar nicht so einfach ist. Vor allem nicht, wenn die Parteien der Wiener Stadtregierung nicht an einem Strang ziehen und sich angesichts der bevorstehenden Wahl im Herbst wie Konkurrenten verhalten.

Keine "neue Urbanität" nach der Corona-Krise

Andere europäische Städte machen an den Wochenenden ganze Straßenzüge zu Schanigärten, um die Wirtschaft zu beleben, oder fördern Straßenkünstler. Inwieweit das sinnvoll ist im Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus, ist eine andere Frage. Das alles ersetzt aber nicht das, was Urbanität ausmacht. Denn Urbanität zeichnet sich durch ethnische, soziale und kulturelle Vielfalt aus. Und die ist momentan nachvollziehbarerweise eingeschränkt. Ein paar Straßen für die Fußgänger und den Radverkehr zu sperren, wird wohl nicht dazu führen, dass die Menschen in der Stadt bleiben.

Dass es nach der Corona-Krise eine "neue Urbanität" geben werde, scheint daher eher unwahrscheinlich. Jeder hat Sehnsucht nach Normalität, jeder will, dass alles so wird, wie es früher war. Es gibt sicherlich zig andere Gründe, sich eine attraktivere Stadt zu wünschen, als das Coronavirus - und das betrifft in Wien sicher nicht die Bezirke innerhalb des Gürtels.