In Wien ist noch oft eine gern benutzte Redewendung zu hören: "Mir san ja net am Heumarkt!" Die geflügelten Worte dienen als Ermahnung, wenn schlechtes Benehmen, grobe Sprüche oder gar Tätlichkeiten im Spiel sind.

Das Gelände des Wiener Eislauf-Vereines (WEV) gilt nämlich nicht erst als "Kampfgebiet", seit ein Immobilienmagnat mit seinem Hochhausprojekt das Weltkulturerbe Wiens gefährdet. Hier wurde ab den späten 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ordentlich gerangelt: Das "Freistilringen" oder "Catchen" zog bis zum Jahr 1998 in den Sommermonaten tausende Zuschauer an. Es waren nicht die feinsten Sitten, die im, um, hinter dem Ring und auf den Tribünen dominierten.

Jeden Dienstag war "Damentag". Da gab es für weibliche Besucher freien Eintritt. Und was man da aus dem Publikum in Richtung der Kämpfer im Ring zu hören bekommen konnte, war alles andere als "ladylike". Selbst gehörtes Beispiel der Anfeuerung der starken Männer auf der viereckigen Kampfmatte gefällig? "Schurli, sauf eahm a Aug aus. Des andere lass’ eahm zum Weinen." Oder: "Reiß eahm die Brust auf und scheiß eahm ins Herz." Ein idealtypischer Spruch, der es sogar bis in das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" schaffen sollte, der dem Treiben auf dem Heumarkt und dem dort gebrauchten Wiener Idiom 1989 eine eigene Geschichte widmete. Der "Schurli", das war der mehrfache "Weltmeister" Georg Blemenschütz. Der errang diesen Titel auf dem Heumarkt fast jedes Jahr. Unter seiner Regentschaft, die auch das Management der Veranstaltung und der "Berufsringer" umfasste, erreichte das "Freistilringen" in den 60er- und 70er-Jahren einen Höhepunkt an Popularität und Einnahmen.

Dazu gehörte natürlich auch, dass der "Weltmeister" zwecks Geschäftserfolgs für alles im Hintergrund die Fäden zog und die Dramaturgie für den Verlauf des Turniers vorgab. Es soll aber durchaus vorgekommen sein, dass sich einzelne Kämpfer nicht an die Vorgaben gehalten haben. Die nach einem solchen Ereignis folgende sportliche Kopfwäsche durch den "Schurli" im nahen "Café Münzamt" endete einmal mit blutüberströmten Kopfwunden des "Übeltäters". Er war, wie Zeugen nahezu übereinstimmend aussagten, mit den Kopf immer wieder gegen den selben Marmor-Aschenbecher gelaufen. Der Arme konnte beim Rest des Turniers in Wien nicht mehr mit dabei sein. Und das Sports-Prinzip "Hauptsache dabei gewesen" galt für ihn auch künftighin bei der gemeinsamen Börse nicht mehr.

Dabei war der "Schurli" privat ein ganz feinsinniger Sammler sehr wertvoller Biedermeier-Bilder, die er manchmal gern im nahen "Gmoa-Keller" am Heumarkt erwarb, verkaufte oder auch nur zwischenlagerte.

Bei der Gerichtsverhandlung in Sachen Platzwunden wollte der junge Richter partout wissen, was ganz Wien nicht so genau wissen wollte: Nämlich, ob der Ausgang der Ring-Kämpfe vielleicht vorher ausgemacht war. Ein solcher Versuch gerichtlicher Wahrheitsfindung führte rasch wieder zum konsensualen Teamwork der Ringer. Der gemeinsame Erfolg, an dem alle Sportler teilhatten, ging den Profis einfach über alles.

Der junge, wahrheitssuchende Jurist wurde später Richter am Europäischen Gerichtshof und kann sich heute selbst nicht mehr erinnern, was am Schluss wahr oder falsch war. Der "Schurli" jedenfalls musste noch mit über 70 des Geschäftes wegen in den Ring. Damit dies nicht auch noch mit Rollator geschehen müsse, übernahm der "Telefonbuch-Zerreißer" "Big Otto" Wanz die Führung der Truppe am Heumarkt.

Doch die Geschäfte gingen immer schlechter und 1998 war es aus mit dem "Catchen" am Heumarkt. Blemenschütz war schon 1990 gestorben. Wanz verschied im September 2017 in seiner Heimatstadt Graz.