Als in Dornbach die Lettern
"H" "e" "r" "k" "n" "e" "r" wieder in hellem Gold erstrahlten, war es, als hätte ein Wachkomapatient nach Jahrzehnten plötzlich den Arm gehoben. Das gutbürgerliche Restaurant zählte bis zur Jahrtausendwende zu den besten kulinarischen Adressen Wiens. Staatsbesuche wurden hierher eingeladen, wo es unter anderem das beste Bruckfleisch weit und breit gab. 1997 starb der alte Herkner. Die Witwe führte das Lokal noch vier Jahre, dann gab sie es ab. Die Nachfolge bemühte sich, konnte aber an die früheren Erfolge nicht anschließen und gab 2013 auf. Während die junge Herknerin ihr eigenes Lokal in Wieden eröffnete, verlotterte das verwaiste Wirtshaus bei der Endstation der Straßenbahnlinie 43. Doch das Ende des "Herkner" war erst der Anfang.

Die charmante Gegend zwischen Wienerwald und Weinbergen hatte bis vor fünf Jahren eine kleine, aber pulsierende Infrastruktur. Banken, Restaurants, Lebensmittelhandel, Trafik und Drogerie: Alles, was man zum Leben braucht, gab es in dem kleinen Grätzl mit Dorfcharakter. Doch plötzlich begann der Einbruch. Ein Geschäft nach dem anderen ging ein. Es war wie eine fortschreitende Krankheit, die nach und nach alles paralysiert. In einer Entfernung von zwei Straßenbahnstationen sperrten bis heute mehr als ein Dutzend Betriebe zu. Auch die Trafik neben dem "Herkner" ging ein. Von ihrer einstigen Existenz zeugte bald nur noch ein ramponierter Zigarettenautomat.

Die ruhige Wohn- und Villengegend Dornbach durchläuft gerade einen Bevölkerungswandel. - © aum
Die ruhige Wohn- und Villengegend Dornbach durchläuft gerade einen Bevölkerungswandel. - © aum

Dann wurde Schlag auf Schlag das Viertel leergefegt. Der "dm" sperrte zu, eine Kfz-Werkstatt, eine Schneiderei. Sogar der private Kindergarten an der Ecke Alszeile/Dornbacher Straße sperrte von einem Tag auf den anderen zu. Das, obwohl sich sowohl der städtische Kindergarten in Dornbach als auch der Pfarrkindergarten vor Anfragen nicht retten können und ellenlange Wartelisten führen. Auch öffentliche Einrichtungen blieben nicht verschont. Die Postfiliale wurde geschlossen. Sie wurde kurzfristig von einem Kinder(moden)geschäft übernommen, das die Aufgabe schon bald abstieß und das Geschäftslokal verließ. Eine neu eröffnete Blumenhandlung übernahm die Agenden - und sperrte alsbald zu. Sogar die Polizeistation wurde eingespart.

Speisen im Kronprinzen-Lokal

Der "Herkner" wurde erfolgreich revitalisiert . . . - © aum
Der "Herkner" wurde erfolgreich revitalisiert . . . - © aum

Drei Banken teilten sich früher das Revier in Dornbach. Heute gibt es dort keine einzige: Raiffeisen, Bank Austria und Erste schlossen nach und nach ihre Zweigstellen. Die Raiffeisenbank hatte ihren Standort an einem besonders geschichtsträchtigen Ort. Sie befand sich im ehemaligen Gasthaus "Zur goldenen Waldschnepfe", in der dereinst Kronprinz Rudolf mit seinem treuen Kutscher und begnadeten Wienerlied-Sänger Josef Bratfisch einzukehren pflegte und rauschende Abende bei Schrammel-Musik genoss. Gerade an dieser Lokalität zeigen sich Misere und Hoffnung Dornbachs gleichermaßen.

. . . im Gegensatz zu anderen Dornbacher Wirtshäusern. - © aum
. . . im Gegensatz zu anderen Dornbacher Wirtshäusern. - © aum

Nach dem Auszug der Bank wollte ein Wirt der "Goldenen Waldschnepfe" wieder zu altem Glanz verhelfen. Geboten wurde gutbürgerliche Küche, die Flammkuchen waren legendär. Doch schon bald musste er aufgeben. Dann wurde die "Goldene Waldschnepfe" zur "Osteria". Die hielt sich ebenfalls nicht lang. Schließlich übernahm jemand das Lokal, der ganz klar Ahnung davon hat, wie man ein Lokal erfolgreich führt: René Steindacher, dem auch das Grinzinger Restaurant Francesco und das Café Français gegenüber der Votivkirche gehören. Unter seiner Führung lief es auch in Dornbach gut mit dem "Alto". Doch dann wurde während der Corona-Krise bekannt: Es sperrt nicht mehr auf.

Die Gastronomie in Dornbach hat es offenbar besonders schwer. Das Kärntner Beisl "Zum Maro" hörte auf und steht ebenso leer wie seit Jahren die Gastwirtschaft in der Dornbacher Straße 35. Lediglich die verblichene Aufschrift "Vorzügliche Wiener Küche" erinnert noch an gesellige Zeiten. Der Würstelstand schräg gegenüber, neben dem Krankenhaus zum Göttlichen Heiland: verschwunden. Das Wirtshaus neben dem "Herkner", die "Resi Tant": abgebrannt und seit 2010 brach liegend. Gegenüber wurde der Heurige "Wilhelm Busch" verkauft. Auch den Heurigen in der Alszeile gibt es seit 2016 nicht mehr.

Feeling wie in Detroit?

Marodierende Infrastruktur, leere Geschäftslokale, die vor sich hinrotten: So etwas kennt man normalerweise von krisengebeutelten US-Städten wie Detroit; abgehalfterte Gegenden, in denen sich zwielichtige Gestalten herumtreiben und wo sogar die Ratten Messer tragen. Doch das Gegenteil ist in Dornbach der Fall.

Immobilien in Dornbach und dem angrenzenden Viertel Neuwaldegg sind begehrt. Die Wohn- und Villengegend war lange Zeit ein Insidergeheimnis: günstige Infrastruktur, mitten im Wienerwald, in 20 Minuten mit der Straßenbahn in die City; dazu Freizeitzentren und Naherholungsgebiete vor der Haustüre. Die Preise steigen seit Jahrzehnten unaufhaltsam. Die Wirtschaftskrise von 2007 gab einen zusätzlichen Schub. Kunden der gehobenen Preisklasse, die nach dem Run auf Immobilien in Obersievering oder Pötzleinsdorf nichts mehr ergattern konnten, zog es in die Dornbacher Gegend. "Der 17. Bezirk ist im Kommen und Dornbach eine Gegend mit Zukunft", sagt Georg Spiegelfeld, Präsident der Maklervereinigung Immobilienring Österreich. Unter den Neuankömmlingen ist auch der sinophile Aufsichtsrat der Deutschen Bank, Alexander Schütz, der das wenige Meter vom "Herkner" entfernte Schloss Neuwaldegg kaufte. Genau in diesem Immobilienansturm liegt das Problem Dornbachs, erklärt Ilse Pfeffer, Vorsteherin des 17. Bezirks.

"Die Situation heute ist im historischen Kontext zu sehen", sagt Pfeffer. "Die typischen Dornbacher und Neuwaldegger sind alteingesessene Bürger, die hier teilweise in vierter Generation leben. Da gab es immer viele kleinere Geschäfte wie Fleischhauer oder Milchverkäufer - es war eben ländlich." Doch mit der steigenden Nachfrage hat sich die Bevölkerung verändert. "Viele, die frisch nach Dornbach gezogen sind, haben keine Ahnung von den historisch tradierten Verhaltensregeln", erklärt Pfeffer. Das führe zu Spannungen. "Die Alteingesessenen gehen gerne in ihre Bank, die kaufen gerne bei ihrem Gemüsetandler ein. Die Neuen haben ihren Job im Zentrum; die interessiert weder die Greißlerin noch die kleine Bankfiliale. Denn die größere haben sie ohnedies in dem Bezirk, in dem sie arbeiten. Man kann hier fast schon von einem Schlafwohnbezirk sprechen."

Diese Situation spiegelt sich auch bei der Dornbacher Bio-Greißlerin wider. Sie übernahm 2018 das Geschäft. "Die Nachfrage nach preiswerten Aufwärm-Gerichten war sehr hoch", sagt sie. Gut möglich, dass Menschen, die nach Arbeit und Heimfahrt keine Lust aufs Kochen haben, sich mit hochqualitativem Essen in zwei Minuten Mikrowelle versorgen wollen. Gleichzeitig blieb ihr immer wieder etwas von ihren Bio-Produkten übrig, die mancher Kunde im Supermarkt kaufte. Der Vorgänger hatte aus dieser Not eine Tugend gemacht: Er verkochte seine Lebensmittel zu täglich frischen Fertiggerichten. Doch die Zeit dafür fehlte der Nachfolgerin. Auch sie hat inzwischen aufgehört. Die Verhandlungen um eine Übernahme laufen derzeit noch.

Die hohen Immobilienpreise und das veränderte Publikum haben sich wiederum auf die autochthone Bevölkerung ausgewirkt. Wer in Dornbach erbt, verkauft. "Der verkauft aber nicht an den Herrn Müller, der auch ein Einfamilienhaus bauen will, sondern an eine Immobiliengesellschaft, die wesentlich mehr zahlt", sagt Ilse Pfeffer. Das besondere an der Gegend: Durch die Hanglage wird aus einer Bauklasse Einfamilienhaus ein Wohnhaus mit drei Etagen. "Das passt in die Gegend wie die Faust aufs Aug’, aber das ist Geschmacksache", sagt die Bezirksvorsteherin.

Die Immobilienhausse wirkt sich natürlich auch auf die Geschäfte aus. Dort, wo der Heurige in der Alszeile stand, befinden sich nun Luxuswohnungen. Auch das in einer Schutzzone befindliche Grundstück des "Wilhelm Busch" ist im Flächenwidmungsplan als beantragtes bzw. genehmigtes Wohngebiet der Bauklasse1 ausgewiesen. Die Greißlerin und angeblich auch das Alto haben u.a. wegen ihrer Meinung nach überzogener Pachtpreise aufgehört. Doch wieso greift die Stadt hier nicht lenkend ein?

"Ich sage immer: Wegen Reichtums geschlossen", sagt Bezirksvorsteherin Pfeffer. "Es gibt so gut wie keine öffentlichen Grundstücke in Dornbach, die sind alle privat." Die Behörden können somit nicht regulierend eingreifen. "Banken, Drogeriemarkt: Das sind private Entscheidungen. Wenn Filialen reduziert werden, dann die kleinen, die weniger abwerfen als große. Da hat man als öffentliche Hand keinen Einfluss."

Das zeigt sich im Einkaufszentrum Neuwaldegg. Seit dem Auszug von Post, Drogeriemarkt und Kindermodengeschäft stehen zwei große Geschäftslokale leer. Der Gourmet-Spar im Einkaufszentrum würde die Gelegenheit gerne nützen und sich vergrößern, kann das aber nicht. Denn neben dem Eckgeschäft liegt ein kleines Restaurant, das um kein Angebot der Welt Platz machen und zwei Geschäfte weiter übersiedeln will.

Eines ist in Dornbach jedenfalls klar: Wer hier reüssieren will "muss sich schon anstrengen", sagt Pfeffer. Einer, der das erfolgreich gemacht hat, ist Martin Pichlmaier. Er hat 2016 den "Herkner" übernommen und stilgerecht renoviert. Damit ging ein Ruck durch die gebeutelte Gegend. Gerade zu Beginn war vor allem Durchhaltevermögen gefragt, erklärt er. "Der ,Herkner‘ ist eine jahrzehntealte Institution. Da war die Erwartungshaltung besonders hoch", sagt der Wirt. Gerade mit den alten Stammgästen habe er es zu Beginn nicht leicht gehabt. "Man muss sich seine eigenen Stammgäste aufbauen. Wir haben zwei Jahre gebraucht, um in Dornbach anzukommen", sagt Pichlmaier. Mittlerweile läuft es sehr gut. Er hat eine treue Dornbacher Klientel und viele Gäste aus den umliegenden Wohngegenden im 14., 18. und 19. Bezirk. Auch der Glanz der Politik ist wieder eingekehrt, Koalitions- und Regierungsgespräche wurden von Kanzler Sebastian Kurz hier abgehalten. Sogar die Corona-Krise konnte dem "Herkner" nichts anhaben. Während dieser bot er Mitnehm-Menüs an - ein Angebot, das die Dornbacher gerne annahmen und dem "Herkner" nun vielleicht sogar noch mehr verbunden sind.

Und auch im "Alto", vormals "Goldene Waldschnepfe" gibt es überraschend Bewegung. Mitten in der Krise und pünktlich zur Aufhebung der Corona-Lokalsperre hat eine italienische Familie das Lokal unter dem Namen "Arco Adige" übernommen. Vater Sandro war bereits im "Alto" als Kellner beschäftigt. Die Familie bringt frische Ideen für den Dornbacher Italiener. Das Lokal wurde zweigeteilt: in ein Restaurant und ein Eisgeschäft. "Es ist eine gute Gelegenheit: Weder in Dornbach noch in Neuwaldegg gibt es ein Eisgeschäft", sagt Marc Giuliani, Familien-Filius, der kurz vor dem Abschluss des Studiums der Unternehmensführung steht. Er hofft auf eine gegenseitige Belebung durch Kunden des Restaurants und des Eisgeschäfts. Mutter Cristina bringt auf dem Gebiet Erfahrung mit. War sie doch Eissalon-Geschäftsführerin im 15. Bezirk. Hinzu sollen Events kommen, bei denen einmal im Monat ein Gourmet-Essen geboten wird. Mitten in der Krise, in der andere gerade aufgeben, ein Lokal zu übernehmen, ist das nicht mutig? "Natürlich. Aber wenn wir keinen Unternehmergeist hätten, wären wir nicht hier", sagt Marc. Und vielleicht braucht es genau das, um Erfolg zu haben und das Grätzl wach zu halten.